Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
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Der Verlauf des Weltkrieges hat gezeigt, daß auch die jüdische Politik im Leben der Völker eine Rolle spielt und daß sie nicht einfach totgeschwiegen werden darf. — Im neuen Völkerbunde darf es keine Entrechteten mehr geben, keine Millionen, die noch auf Verwirklichung der elementarsten Menschenrechte warten! Noch schwebt Dunkel über der Zukunft Palästinas, aber aus dem Komplex dieser Fragen scheint sich doch die Tatsache abzulösen, daß ein neuer Judenstaat entstehen wird, der vielen Millionen Juden die Möglichkeit geben kann, wieder Ackerbauer im Lande der Väter zu werden. Daß dieser Staat nicht die gesamte Judenheit umschließen kann, ergibt sich schon aus der Kleinheit des Landes. Ueberdies verlangt ja auch die große Menge der westeuropäischen Juden nicht nach Rückwanderung, sie wollen in ihrem Lande unbeschadet ihrer Besonderheit getreue Staatsbürger mit allen ihren Rechten und Pflichten bleiben. Denen aber, die das Primat des Judentums in ihrer Brust zwingt und die Sehnsucht nach dem Lande der Väter wieder dort hinaustreibt, kann auch dieses Recht der nationalen Selbstbestimmung nicht mehr verweigert werden. An den Daseinsbedingungen der deutschen Judenheit könnte auch dieser neue Staat nichts mehr ändern; die deutschen Juden in ihrer großen Menge fühlen sich dem deutschen Lande, das sie mit verteidigt haben, zu innig verwachsen, um seinen Staub abschütteln zu können; sie hoffen nur, daß diese neue Zeit, die nun anfängt, mit aller Judennot im Inneren und im Aeußeren ein Ende machen wird und daß die Juden als freie, aufrechte Menschen in die Zukunft schauen dürfen und der H-aß verschwindet, der Ahasver durch die Jahrtausende getrieben hat! Aber es wäre zu schön, um wahr zu sein, doch hoffen wollen wir es mit dem Optimismus, der unsere Gemeinschaft durch die Zeitenläufte stets begleitet hat! Und wir wollen nicht beiseite stehen, sondern tatkräftig Mitarbeiten, auf daß es so werde! W. C. Intellektualismus. Po» Ttndtrnbbiiwr Tr. Behrens (Köttingen). n der Kennzeichnung und Darstellung jüdischen Wesens, jüdischer Geistesrichtung und jüdischer Eigenart wird von Freund und Feind dem „Intellektualismus" ein großer Spielraum zugebilligt. Die jüdische Geschichte lehrt uns. daß es sich nicht bloß um eine von innen heraus sich ergebende Entwicklung dabei handelt, sondern daß Not und Gefahr, diese getreuen Schildknappen alles jüdischen Schicksals, die starke Betonung der. reinen Geistigkeit zur Folge haben mußten, weil unter allen Breiten der Jude immer wieder gezwungen war. sein irdisches Gut und sein geistiges Erbe gegen tausend Anstürme zu verteidigen. Wer aber stets auf der Hut sein muß. ist gezwungen, seine Waffe jederzeit zu schärfen und bereit zu halten. Kein mildes Regiment hat uns je dieser Aufgabe überhoben. Wir lassen es dahingestellt, ob die vielgerühmte Ueberlegenheit der Juden lediglich in diesem Intellektualismus wurzelt und ob sie sich überhaupt bei den breiten Massen findet. Wir untersuchen auch nicht, ob sie nicht unter dem starken Einfluß des Wohlstandes bestimmter Klassen leicht verebbt- Genug, die Geistigkeit ist ein Eharakterzug des Judentums: sie erklärt den Aufstieg der Juden in die höheren Schichten, der vielleicht bei ihnen stärker und ausgeprägter ist als bei anderen Bevölkerungsschichten; sie erklärt natürlich auch manche Seiten seines geistigen Lebens im Laufe seiner geschichtlichen und literarischen Entwicklung. So sehr wir diese Einflüsse anerkennen, so sehr sind wir denn doch uns bewußt, daß unsere Religion mit ihrem Reichtum an Wärme' und Innerlichkeit diesem Spiel des Geistes einen bedeutsamen Widerpart bietet und die Befriedigung unseres Gemütslcbens sich zur Aufgabe gemacht hat. Damit ist ein Gleichgewicht hergestellt, das in den schweren Berufskämpfen unserer Tage unerläßlich ist. Gleichwohl beschäftigt alle ernst denkenden Kreise die Frage, ob nicht die Ausschließlichkeit des Intellektualismus, wie er bei uns kultiviert wird, schwere Gefahren für Gegenwart und Zukunft der Judenheit in sich birgt. Er bewirkt nicht zuletzt die Konzentrierung großer Masten in der Großstadt, und nicht alle, die sich ihm verschreiben, sind den Gefahren des aufreibenden Dienstes gewachsen, den er fordern muß. Ein Proletariat des Intellektualismus zu züchten, kann niemals im Interesse einer gesunden Entwicklung des Judentums liegen, das von ganz besonders zartem Geäder ist. Darum ist der Gedanke der „Berussumschichtung" von ungeheurer Tragweite, den wir gar nicht ernst genug erfassen können. Der Intellektualismus, wie wir ihn erleben, gefährdet uns aber noch von einer ganz anderen Seite. Seit einem Menschenalter etwa hat er weite Kreise des weiblichen Geschlechts in seinen Bann gezogen. Die Erschließung des Universitätsstudiums für die Frauen ist nicht zuletzt von großem Einfluß für unsere seitherige Entwicklung gewesen. Beruf und Neigung, Zwang der Verhältnisse und ein gewisser Reiz der Neuheit haben ihm viele studierende Frauen aus unseren Reihen zugeführt. Wir sind weit entfernt davon, diese Erscheinung in Bausch und Bogen zu verurteilen; wir glauben auch nicht daran, daß die jüdischen Frauen sich dabei als Schrittmacherinnen der Kultur betrachtet haben, was uns sonst gern nachgesagt wird. Aber ohne Zweifel dürfte die Beteiligung an den akademischen Studien seitens jüdischer Frauen einen ebenso starken Prozentsatz abgeben, wenn nicht einen noch höheren, wie bei den Männern, selbst wenn wir dabei den Krieg außer Ansatz lassen.. Bei aller Achtung vor den Leistungen, die sie aufzuweisen haben, vor den Notwendigkeiten, denen sie gehorchen, bleibt die Frage berechtigt, ob der Gesamtheit ein dauernder Gewinn daraus erwächst. Die starke Geistigkeit, die ohnehin ein Erbe ihres Stammes ist, wird sich bei ihnen in verstärktem Maße bemerkbar machen und nur zu leicht wie alles Gefühlsmäßige entweder die Teilnahme am Judentum überhaupt zurückdrängen auf Kosten der akademischen speziellen Interessen, zum mindesten aber allen religiösen Problemen kühl, wenn nicht ablehnend gegenüber verharren. Selbst Ausnahmen werden im allgemeinen nur diese Erfahrung bestätigen. Nachdem aber das Judentum durch den weitausgreifenden Intellektualismus im letzten Menschenalter erhebliche Einbuße erlitten, insbesondere aber bei den jüdischen Frauen vielfach nicht die erwartete und erforderliche Unterstützung gefunden hat, nicht jene Begeisterung und jene Wärme, die die Ideale des Judentums bei dem künftigen Geschlecht erwecken, sind ernste Besorgnisse und Befürchtungen für seine Zukunft nicht von der Hand zu weisen. Wie bei allen Gemeinschaften sind nicht minder bei uns die Frauen unser Schicksal, studierende Frauen aber sind doch fraglos für die Bildungsschicht maßgebend. Eine Uebertreibung des Intellektualismus aber birgt die Gefahr des Verhängnisses in sich, wenn sie weite Kreise des deutschen Judentums ergreift. Wir respektieren die Arbeit der jüdischen Frau auf allen Gebieten, die sie sich erwählt oder aus eigener Kraft erobert hat. Wir sehen, wie sie ganze Komplexe sozialer und sittlicher^ Probleme mit heißer Liebe und tatkräftiger Hingebung entwirrt. Nur an e i n e r Stelle vermissen wir die gleiche Liebe und die gleiche Glut. Daß jüdische Frauen sich zur Pflege jüdischer Religion zusammengetan hätten, ist in unseren Tagen nahezu unbekannt und befremdend geworden, weil der