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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-01 · Heft 44 (1.11.1918) · p. Seite 523

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
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823 M übeH. — Die Gesellschaft führt die Unterbezeichnung „Landeskirchliche Mission". Sie will also ihre Tätigkeit auf die Mitwirkung der Landeskirche, also der evangelischen Geistlichen, stützen. Nach den mir hier vorliegenden Berichten wird aber — von dem im Grenzgebiet gelegenen Königsberg abgesehen— auch kein einziger Fall einer Juden-taufe aus einer Provinzgemeinde verzeichnet. Die Herren Pfarrer scheinen sich also wohl aus b e st i m m t e n Gründen an der „Seelewrettung" nicht sehr angestrengt zu beteiligen. Vor etwa drei Jahrzehnten fand in Kassel irgendein christlicher Kongreß statt, aus dem Adolf Stöcker eine seiner Hetzreden steigen ließ. Damals hielt ihm der jüdische Seminardirektor Dr. Stein unter der Zustimmung der sehr zahlreichen hessischen Pfarrer entgegen: Diesen geistlichen Ortsschulaufsehern seien die jüdischen Lehrer die angenehmsten Untergebenen. 'Nun darf man ja von unserer Seite zahlreichen Landpsarrern nicht unterstellen, di« jüdischen Mitbürger würden von ihnen bevorzugt. Doch darf man ruhig behaupten, viele Pfarrer unterhalten zu jüdischen Ortseingesessenen freundliche Beziehungen oder enthalten sich doch jeder Störung des Friedens unter den Bekenntnissen und machen auch nicht den mindesten- Versuch, die Seelen der Juden im Sinne der Mssion retten zu wollen. Gerade im kleinen Kreise würde man den Wert solcher „Geretteten" besonders sachverständig zu schätzen wissen. Und wenn nun auch aus den Landgemeinden der Mission Spenden zufließen-, so geschieht dies vielleicht aus alter Gewöhnung, aus einem kirchlichen Herkommen, an dem man möglicherweise nichts ändern will. Die- Vermutung liegt nahe, daß es sich ebenso mit der stolz an der Spitze der Spendenliste angeführten Gabe Sr. Majestät des. Kaisers und des Königs (von 900 Mark) verhält. Schon der gleichbleibende Betrag von wohl ursprünglich 300 Talern weist darauf hin, daß vor Jahrzehnten schon, vielleicht schon im Gründungsjahr 1872, dieser Beitrag von der Hofkasse festgesetzt und seitdem weiterbezahlt worden ist. — Im Bericht für 1913 wird geklagt, daß die Mittel -der Mission -die Anstellung eines dritten -Missionspredigers nicht gestatteten. Die Mission hat ihre Gelder -nicht allein zur Gewinnung, sondern auch zum Festhalten der geretteten Seelen nötig-. „Müssen do ch die Neubekehrten gefördert werden in ihrem inneren Wachstum und oft -genug in ihren wirtschaftlichen Verhältnisse n." Die letztere Forderung wird wohl den Hauptgrund zum Uebertritt und zum Beharren in ihm bilden. — Nunrichtetsichdie Mission — und das ist der eigesitliche Anlaß zu diesen Zeilen — für eine stärker e Beitreibung ihrer Zwecke ein. Sie will sich hauptsächlich „östlich orientieren". Schon vor dem Kriege hat sie Ostpreußen, trotz seiner geringen jüdischen- Bürg-erzahl, ftir ein besonders geeignetes Arbeitsfeld angesehen. „Durch die sehr zahlreichen jüdischen Gäste ans Rußland, die sich zur Kur in Königsberg oder an der See aufhalten, sowie durch den lebhaften Handelsverkehr mit russischen Juden erhöht sich die Zahl der Juden beträchtlich, so daß Ostpreußen eines der günstigst-en I udenmissio n s selber u n s e r e s V a t e r l a n d e s b i l d e t." „In Königsberg hat Pastor Rehfeldt einen blühenden Verein für Israels-Mission um sich gesammelt." „In besonderem Maße konnten wir unsere Heimatorgamsationin Schlesien ausbauen." . . . ,M e - sonders groß und zahlreich aber werden die Zukunftsaufgaben der Mission unter den I u d e n d e s O st e n s s e i n." Zwar kündigt die Mission die Absicht an, gleiche Organisation wie in Schlesien auch in anderen Provinzen anzubahnen. Und sie hofft dabei „auf die vollste Unterstützung der Herren Gemeindepsarrer" angesichts auch der „durch den Krieg unendlich verschärften Judenfrage". Nach der Meinung des Misfionsberichterstatters „sind viele Anzeichen dafür vorhanden, daß Eine Auseinandersetzung deutsch-chr-vstlichen Wesens mit dem Judentum und der Judenheit n a ch d e m K r i e g >e b e v o r ft e h t". Selbstverständlich wird die Schuld für die angekündigte Hetze, die in dem Bericht leise, aber deutlichgeschürt wird, -im voraus den Juden zur Last gelegt. — Möge die Mission uns die Sorge um die Auseinandersetzung ruhig überlassen. Nur auf eins müssen wir ihr gegenüber achten: aus ihre Vorbereitungen für den O st e n. Im Westenhat sie nach ihren eignen Zahlen ang ab e n abgewirtschaftet. Seien auch wir gerüstet, ihren Hoffnungen auf den- Osten zu begegnen! Lukunktshokknungrn. ine neue Zeit ist über Deutschland ausgegangen. Das deutsche Volk im weitesten Umfange ist dazu berufen worden, seine Geschicke selbst zu lenken; es ist nun politisch mündig. Das Wort: Freie Bahn dem Tüchtigen! soll nun verwirklicht werden und Männer der Arbeit sindin das Ministerium berufen worden. Wir hoffen, daß auch für uns deutsche Juden eine neue Zeit angebrochen ist und kein Mensch mehr wegen seines Glaubensbekenntnisses von einer Stelle ferngehalten wird, aus die -er seiner Fähigkeit nach Anspruch hat, und daß wir deutschen Juden nicht beiseite stehen brauchen, wenn der Neuausbau Deutschlands -beginnt. Wir wollen hoffen, daß es wirklich so kommen wird und daß dann auch die Verärgerung verschwindet, die feit der Judenzählung allzu berechtigt in weiten Kreisen der deutschen Judenheit Platz gegriffen hat! Wir wollen ja nur, daß unsere Staatsbürgerrechte, aus die wir verf-assungsgemäß Anspruch haben, uns auch wirklich zuteil werden und nicht nur zum Teil verwirklicht werden! Mt innerer Freudigkeit werden Me Teile des deuffchen Volkes mit arbeiten müssen, wenn die Wunden sich schließen sollen, die der Krieg geschlagen hat! — Und an dieser inneren Freudigkeit soll es auch bei uns Juden nicht fehlen, wenn wir wissen, daß wir nicht mehr Bürger zweiter Klaffe sind! Mit schweren Besorgnissen sieht man in den- Kreisen jüdischer Frontsoldaten der Zukunft entgegen! Man hat lange gefürchtet, daß all das, was an der Front von den jüdischen Soldaten in selbstverständlicher Pflichterfüllung geleistet worden ist, -nicht gerechnet werden und daß auch über diese, die ihr Bestes während langer Kriegsjahre geleistet haben, eine neue antisemitische Welle hereinbvechen wird! Hoffen wir, daß auch diese Befürchtungen umsonst sind und daß in dem neuen Deutschland alles besser wird und daß auch die jüdischen Soldaten den Lohn finden, den sie verdient haben! Wir hoffen, daß auch der jüdischen Religionsgemeinschaft als solcher eine ihrer Bedeutung entsprechende Vertretung im Preußischen Herrenhause eingeräumt wird, wie dies in den ersten Kammern anderer Bundesstaaten bereits -der Fall ist; wir hoffen, daß bei einer Neuordnung unseres Unterrichtswesens auch an einer Preußischen Universität eine jüdischtheologische Fakultät errichtet werden wird, damit auch in dieser Beziehung die rechtliche Gleichstellung mit venchrisllichen Konfessionendnrchgeführt wird! Auch die äußere Politik des Deutschen Reiches soll eine Neuorientierung erfahren, mit dem Selbstbestimmungsr-echt der Völker und dem Rechte der kleinen Nationen soll Ernst gemacht werden. Es warten -im Osten Europas viele Millionen Juden daraus, daß auch ihr nationales Recht anerkannt werde und sie nicht der Willkür der anderen- Nationen ausge- -liesert werden. Hier bleibt noch viel zu tun übrig; das Recht auf die Muttersprach«, die in den meisten Fällen- -das Jiddische ist, muß ihnen gewährleistet werden, eine Polonisierung ist für sie eine Fremdherrschaft, die es eben nicht mehr gebensoll!

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