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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-01 · Heft 44 (1.11.1918) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
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Mir aber war die Richtung nach St. Marien gewiesen, und bald stand ich vor Meister Memlings „Jüngstem Gericht", dem hierher verschlagenen .'berühmten Flügelaltar, wegen dessen Erbeutung aus gekapertem Schiff Papst Sixtus IV. einst mit schweren Kirchenstrafen gedroht hatte. Nicht der aus einem Regenbogen ernst und traurig thronende Christus strahlt alles Licht aus auf dieser Darstellung der letzten Dinge. . . Es ist der Erzengel Michael in seiner glänzenden Rüstung mit Wage und Lanze, den Shchbolen seines Richteramtes, der uns lebendig in die Augen springt. Und gerade er leitet zu jüdischen Vorstellungen hinüber. Vertreten die Engel als Ueberbringer der Gebote Gottes im Alten Testament die Anmut der Poesie, so der große Fürst Michael, in der Weissagung Daniels eingesetzt, für sein Volk zu stehen, die Gerechtigkeit am Tage der Auferstehung. „Und viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, etliche zum ewigen Leben, etliche zu ewiger Schmach und Schande." Ewige Schmach und Schande, für die Empfindung hoher Geister die furchtbarste Perspektive! Drohender und vernichtender als lodernde Flammen, in die Höllengeister verzweifelte Sünder zerren. Freilich kein sinnenheißes Mysterium, das sich zu gemalten Erzählungen an Kirchenwänden eignet. Von jeher verzichtete die jüdische Lehre in rhrer Einfachheit und Wahrhaftig-- keit auf die Bezauberung durch Kunstmittel. Nur ein klarer Menschengeist faßt die große Einheit. In dem Danzig nah gelegenen Seebad Zoppot ruhen die Toten der drei Konfessionen abgekehrt vom Ort und dicht beieinander. Ueber der Pforte der jüdischen Totenstätte stehen die kurzen Worte: „Durch dieses Tor geht es zum Ewigen." Bedingungslos. Ein wesentlicher Unterschied zu dem Leitwort des evangelischen Kirchhofs: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben." Im Judentum erlöst der Ewige durch seinen ausgestreckten Arm alle heimkehrenden Seelen. Sie haben genug gebüßt, wenn sie tapfer das schwere Seiib irdischen Wandels auf sich genommen. — Versunken in solche Betrachtungen, stand ich vor Memlings Werk. Nicht schreckten seine Posaunen, seine Dämonen mit Hörnern und Klauen. Der Meister hat selbst wohl kaum an die Vision geglaubt, die er hier mit so viel Hingabe dargestellt hat. Die Kunst ist eine liebliche Lüge; zur Wahrheit strebt der reine freie Gedanke. u M:- ovi v»-» :f" >; svi A t r „ M m t* ' - 'SV-"-*:.; gJr-H Die Danziger Synagoge. und Erwartungen der IudrnmjMon. Von S. Andorn. ^ie Tätigkeit der. „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden (Landeskirchliche Judenmission)" bedeutet nicht eben eine Gefahr für unseren Bestand. Nach ihren Berichten hat sie im Jahre 1913 25 Juden (11 Männer, 13 Frauen und 1 Kind) „in die Gemeinschäft der Kirche" aufnehmen können. Davon fielen aus Berlin 22, auf Königsberg 1 und auf Wien 2 Taufen. — Im Jahre 1917 aber konnte die Mission nur 15 Taufen vollziehen: 2 in Königsberg, 7 in Wien und 6 in Berlin. Bon den Täuflingen des Jahres 1913 hebt die Mission hervor, es seien unter ihnen Kausleute, Studierende, Studierte, ArbeiterTE h e f r a u e n, eine Lehrerin, eine Verkäuferin und Damen ohneBeru s. Ganz besonders rühmt sie sich eines Falles. Im Jahre 1906 habe ein jüdischer Gelehrter eine Broschüre unter der Bezeichnung „Judentaufen" gegen die Behörden und die Mission veröffentlicht. Und jetzt — 8 Jahre später — sei die Tochter des Verfassers „nach langem und eingehendem Unterricht" in dieKirchengemeinschaft ausgenommen worden. — Hier liegt wohl weniger. eine Großtat der Mission als eine Missetat — einer Tochter vor. — Die gesellschaftliche Stellung und der Beruf der Täuflinge aus dem Jahre 1917 werden verschwiegen. Ob davon nicht viel Aufhebens zu machen war? Und noch eine recht erwünschte Angabe entzieht uns die Mission: Sie sagt uns nicht, welchen Landesgemeinschaften die Bekehrten entstammten. Einen Schluß läßt ja die Verschiebung von 1913 zu 1917 zu- 1913 kamen auf Berlin 12, auf Wien 2 Täuflinge, 1918 ans Wien 7, auf Berlin 6. In Wien weilen Taufende galizischer Flüchtlinge, und ganze sieben von ihnen sind-der Mission vielleicht nur aus kurze Sicht — anheimgefallen, obwohl sie dort durch einen jargonsprechenden, getauften Missionar Löwen vertreten ist. — Ihre abnehmenden „Erfolge" auf reichsdeutschem Boden entschuldigt die Missionmit der Wirkung des Burgfriedens: „Die .widerstrebenden Juden rufen r ach Polizei- und Militärgewalt, sobald die Mission sich öffentlich regt." Auch in ihrer Zeitschrift, im ,Meich", seien „leidenschaftliche und zum Teil recht unverständige Angriffe gegen die Missionsprediger" gerichtet worden. Das wird kaum so schlimm gewesen sein. Die Ergebnisse der Missionstätigkeit können uns wirklich nicht erregen und die versteckt antisemitischen Hetzereien in den. Berichten (siehe 1917) dringen doch nur in enge Kreise, und auch da scheinen sie keine Wirkung

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