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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-01 · Heft 44 (1.11.1918) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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521 semitismus gefolgt; Wir haben unsere Stellung schrittweise unter vielen Kämpfen uns erringen müssen!; wir haben die tatsächliche, völlige Gleichstellung, obgleich sie uns gesetzlich gewährleistet ist, noch immer nicht erlangt. Und doch kennen wir, die wir unserer Glaubensgemeinschaft auf innigste anhängen, keine andere Nation, der "wir angehören, als die deutsche; doch hoffen wir, daß unsere deutschen Brüder uns in der neuen Aera als gleichwertige Genossen ansehen werden, und wollen nichts anderes sein und bleiben, als deutsche Juden. Als solche geben wir gern folgenden Aufruf wieder: »In schwerer Schicksalsstunde geben wir den Gefühlen Ausdruck, welche die im Zentralverein /deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vereinigten jüdischen-Deutschen bewegen. An dem Altäre deS Vaterlandes erneuern wir das Gelübde unverbrüchlicher Treue zu Kaiser und Reich. Was im Inner« auch die Gemüter und Wünsche der einzelnen Volksgenoffen scheidet, nach außen kennen wir keinen Gegensatz. Keine Macht der Erde wird das Band zerreißen, das sich um die Volksgenossen schlingt. Mit ihnen gemeinsam kämpfen wir, wenn Deutschland weiter kämpfen muß, mit ihnen gemeinsam aber wollen wir Mitarbeiten an dem inneren Frieden. Wir wollen einig sein, vergessen, was Zwietracht geschaffen hat, zurückstellen, was Zwietracht schaffen kann. Getreu der Lehre unserer Religion wollen wir voller Hoffnung und voll Vertrauen auf unsere ungebrochene Volkskraft der Zukunft ins Auge schauen und den Glauben nicht verlieren!, daß der Einigkeit und Treue, dem Streben nach Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit der göttliche Segen nicht fehlen wird. Berlin, im Oktober 1918. Der Vorstand des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Dr. Eugen Fuchs, Geh. Justizrat. L. Dorn, Justizrat. Bankier Ernst Wallach, Stadtverordneter. Diesem Aufruf haben wir nur wenige Worte hinzuzufügen: Weil wir Deutsche und Juden sind, wollen wir den Optimismus, der tief im deutschen und jüdischen Bewußtsein wurzelt, nicht aufgeben. Die Zeit ist ernst und schwer; Gefahren bedrängen uns von außen und von innen; mit unheimlicher Schnelligkeit hat sich die Ueberzeugung von unserem Erfolge und unserem Endsiege in die Ahnung unserer Schwäche und Ohnmacht verwandelt. Wir betrachten diesen jähen Umsturz mit unnennbarer Trauer, wir können uns kaum daran gewöhnen, unsere Aussichten zu Grabe zu .tragen und uns den Geboten fremder Nationen zu fügen. Und doch wollen wir der Verzweiflung keinen Raum geben. Wir haben zu der Tüchtigkeit des deutschen Geistes felsenfestes Vertrauen. Wir wollen nicht aufhören, zu hoffen und, was uns auch Schweres in der Zukunft auferlegt wird, es mit Tapferkeit zu ertragen und wir werden in der leidenschaftlichen Liebe zu unserem deutschen Vaterlande niemals erkalten. Feiertag in Lanzig. Von Margarete Mar affe. n der baltischen Küste lauschte ich dem Herbstwind, der wesß brandende Wellen über die stäche Düne trieb. Aus weiter, weiter Ferne klangen Meder, die Wind und Welle einst am klassischen Gestade gesungen, zu mir herüber, tiefe Wehmut erweckend. So war die rechte Stimmung erzeugt, keine Arbeit zu tun, Versöhnung zu suchen mit den unfaßbaren Gewalten, welche die Menschheit von heute erbarmungslos jeglichen Glücks beraubt, und am großen Sabbat der Kinder Israels die Sprache 'der Thora zu hören. Der Tag des Festes fand mich in Danzig, jener alten Ansiedlung an der Weichselmündung, die durch beständige Kämpfe zu selbscherrlicher Macht, ausgeprägt in ihrer Architektur, gelangte, die selbst unter Polnischer Oberhoheit deutsche Kultur vertrat, und nach der sich nun wieder lüsterne Hände ausstrecken. Die Bauherren der neuen Synagoge, Ende L Böckmann, haben zwar nicht an einem Stil festgehalten, der an den Trotz der Städtekriege gemahnt, indessen schufen sie einen anspruchsvollen Prachtbau, ohne auhenkenntliche Zeichen des Orients, der einen imponierenden Eindruck hinterläßt. Kuppeln und Türme dienen dem Fremden als Wegweiser, und es ist naturgemäß, daß er diesen ragenden Zeichen folgt und sich nicht bemüht, die bescheidenen Bethäuser in verborgenen Winkeln der Stadt aufzusuchen. Zu früher Morgenstunde stand ich vor dem Portal und wollte mit anderen Frauen durch eine kleine Seitenpforte in den Tempel schlüpfen. Ein gutmütiger Türhüter wehrte dem Vorhaben nicht, wohl aber trat eine andere Persönlichkeit, deren Befugnis ich nicht nachgeforscht habe, plötzlich mit dem barschen Anruf: „Sie sind eine Christin", dazwischen. Ich unterließ jegliche Gegenfrage, berichtigte die Voraussetzung und bat höflich um Einlaß, da ich als Fremde mit einer Karte nicht versehen sei. »Ohne Karte kein Einlaß", wurde mehr sachlich als entgegenkommend entschieden. Ich gestehe, daß mich dies verdroß. Ich bin nicht kompetent und vermag es nicht zu beurteilen, ob diese mich an jenem Tage so wenig befriedigende Form einer technischen Notwendigkeit entsprang. Ich hatte nur bescheiden im Hintergrund stehen und einen Hauch der Ewigkeitsruhe im gehelligten Hause verspüren wollen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Mann nach Vorschrift und Gesetz handelte, doch war er wohl »im Amt zu strengen Sinnes"! Auf jeden Fall erscheint es bedenklich, dem Beiwohnen eines Gottesdienstes so enge, immerhin durch Geldopfer bedingte Grenzen zu stecken. Mögen Bevorzugte ihre Sitzplätze boharipten, die Schwelle des Friedens müßte jedermann, auch ohne verbrieftes Recht, frei überschreiten können. Vielleicht ein Bruch mit alter Tradition, doch eine Frage wohlwöllender Prüfung wert: — Der Jnnenraum war jedenfalls groß genug, um eine Schar fremder Männer zur Andacht zuzulassen. Das Bild, das -meiner vor der Pforte harrte, brachte mich bald über die Enttäuschung hinweg. In Reih und Glied ausgestellt, stand eine Schar Gefangener, bunt durcheinander gewürfelte Typen mit Bärenmützen und Schaftstiefeln, vor dem Ziel ihrer geistigen Sehnsucht. Stramm und bewegungslos standen die Leute, 100 an der Zahl, eskortiert von zwei märkischen Soldaten, neben denen sie etwas exotisch wirkten, obwohl die wenigsten an die Urbevölkerung des gelobten Landes gemahnten. Es gab viel vierschrötige Gestalten mit kantigen Backenknochen und leuchtenden kohlschwarzen Augen. Beim Sprechen zeigten sie breite blitzende Zähne. Aus edlerem Stamm erschien ein junger, schlanker Mann, der als Häuptling und Dolmetscher mit den gutmütigen Hütern verhandelte. Haß der Völker? Haß der Rassen und Religionen? Davon war auch unter den zahlreichen Zuschauern nichts zu verspüren. Ist doch der lSitz des Hasses stets in einer Gruppe von Hetzern, nie im Volk selbst, das geniale Köpfe noch immer zu Einigkeit und Fortschritt geführt, zu suchen. Als der Unteroffizier mit Stentorstimme gerufen: „Nr: aber rin", löste sich die graue Masse auf, und der Schwarm strömte in den Tempel.

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