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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-11-01 · Heft 44 (1.11.1918) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 Diesen Erwartungen stellen sich natürlich dieSatzungen entgegen. Born Gelde der Juden sagen auch die Antisemiten: non ölet, vom Juden selbst.sagen sie das Umgekehrte. Jeder Pfennig jüdischen Geldes, den ein Antisemit erhält, ist eine Sünde. Nicht Vernunftsgründe Helsen bei dieser Sorte. Als ultima ratio gilt auch hier das Wort: Die beste Deckung ist der Hieb! * Man sieht: im neuen Deutschen Reich blüht die Sumpfpflanze des Antisemitismus noch üppig genug. Es heißt daher auf der Hut und gerüstet zu sein, und wir freuen uns, aus der Zuschrift des Zentralvereins, die wir in der letzten Wochenübersicht zum Ausdruck brachten, zu erfahren, daß diese wackere Gesellschaft ihre Aufgabe völlig erfaßt und alle Anstalten zum Kampfe getroffen hat. * Auch die Stellung der Juden -in anderen Ländern ist nicht derart, daß sie uns die Zukunft rosig erscheinen läßt. Daher ist es mit Freude zu begrüßen, daß der Abgeordnete G o t h e i n, dessen Eintreten für die Juden stets ein mutiges gewesen ist, unerschrocken die Hintansetzungen in offenster Weife darlegt. Seine Ausführungen in einer der letzten Reichstagssitzungen lauteten folgendermaßen: Wenn aber die Herren Korfanty und Stychel sich anif die außerordentliche Toleranz der Polen anderen Völkern gegenüber berufen, so ist es gewiß richtig daß einige große Männer unter den Polen wirklich tolerant gewesen sind, aber im ganzen ist der polnische Staat stets ein Erobererstaat gewesen, gerade in den Zeiten, wo das Polenreich vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee reichte. Gewiß ist das polnische Volk einmal ein Hort der Freiheit für die Juden gewesen, als eine unselige Verblendung während der Kreuzzüge die Juden in den anderen Ländern verfolgte. Aber ist das denn immer so geblieben'? Die Rechte der Iuden in Polen sind s e i t d e in st ä n d i g g e k ü r z t worden, n o ch bis i n d i e letzten Tage hi n e i n. In Polen gibt es noch immer Judenprogrome, und in dem Polnischen Galizien ist das Elend der. Juden am schlimmsten. Für jeden Juden in der deutschen Ostmark ist es der fürchterlichste Gedanke, wieder zu Polen zu kommen. * Wie schlimm es augenblicklich in Polen steht, lehrt eine Notiz, die in den Abendblättern vom 28. d. M. zu lesen war. Sie lautet: Judenpogrom in Warschau. Die jüdischen Zeitungen Warschaus berichten in dieser letzten Woche täglich von Ueberfällen gegen Juden auf den Straßen und Plätzen Warschaus. Die Ueberfälle, die in den ersten Tagen vereinzelt waren, verdichteten sich am Montag, den 21. Oktober, zu einem richtigen Massenpogrom auf dem Platz Kerzely, wo eine'Reihe jüdischer Altwarenhändler wohnt. Vom Morgen an war auf dem Platz eine Ansammlung von christlichen Männern und Frauen zu bemerken, die geheimnisvoll miteinander flüsterten. Um 10 Uhr morgens warf sich die Menge auf die Läden mit wilden Ausrufen: Fort mit den Juden! Nach Palästina! und begann mit verschiedenen Gerätschaften die Händler zu schlagen und die Waren zu rauben. Hierauf wurden die jüdischen Geschäfte geschlossen; die überraschten Händler suchten fortzulaufen, wurden aber von der Menge verfolgt. Erst gegen 1412 Uhr erschien auf dem Platz Kerzely eine starke Milizabteilung. Sie blieb eine Stunde lang aus dem Platz, und im Laufe dieser Stunde hat sich allerdings nichts mehr ereignet. Die Miliz hat auch ein paar Pogromisten verhaftet. Sobald aber die Abteilung den Platz verließ, begannen die Ueberfälle von neuem, und wieder wurden Juden verwundet und beraubt. Die Pogromisten wüteten auf diese Weise bis in den späten Abend. Für die nächsten Tage sind, ähnliche Ueberfälle zu erwarten. Die Ausschreitungen gegen Juden, in größerem oder in kleinerem Maßstabe, gehören jetzt in Warschau zur Tagesordnung. * Wenn wir die hier geschilderten Zustände erwägen: und die oben mitgeteilten Auslassungen antisemitischer Blätter lesen, so haben wir wahrlich keinen Grund zur Freude. Sollen wir nun aber etwa Freude empfinden über die Befreiung Palästinas? Sollen wir mit dem Jüdischen Korrespondenzbureau in Haag/Zürich in folgenden Jubelruf einstimmen: „Für die jüdische Nation ist es von ganz besonderer Bedeutung, daß an dein palästinensischen Feldzuge 1918 auch jüdische Truppeneinheiten beteiligt waren. Der britische Heeresbericht vom 24. September hob ihre Anteilnahme lobend hervor. Alles, was weitschauende jüdische Politiker schon vor Jahren voraussagten, hat sich nunmehr in glänzender Weise erfüllt. Der britischen Deklaration vom 2. November 1917, der Unabhängigkeitsakte des jüdischen Volkes, die diesem die Errichtung seines nationalen Heims im Lande seiner Väter verbürgt, haben sich im Lause dieses Jahres die Regierungen der alliierten Nationen restlos angeschlossen. Das Land selbst ist befreit und harrt der jüdischen Besiedlung. Die zionistische Kommission hat den Grundstein zum jüdischen Verwaltungsgebäude in Palästina bereits gelegt und es ist kein Zweifel, daß die Erfüllung der Zionistischen Forderung nunmehr gesichert ist. Dem jüdischen Volk obliegt in diesem Augenblick die Pflicht, seine Anschauungen über die Beteiligung am internationalen Völkerleben. in entsprechender Weise zu modifizieren. Nicht allein, daß die alliierten Nationen dem jüdischen Volk die Zusicherung der Wiedererrichtung seines Gemeinwesens in Palästina gegeben haben, sie haben daS Land selbst befreit und das Hindernis beseitigt, daS sich bisher hartnäckig und sinnlos der jüdisch-nationalen Forderung entgegenstellte/" Sollen auch wir, wie dasselbe Bureau vorschlägt, den 2, November, den Jahrestag der britischen- Deklaration, als jüdischen Feiertag begehen? Ich meinerseits tue es nicht, und ich gebe daher auch die eben gefaßten Beschlüsse der Zionisten wieder, ohne meine Sympathie darüber auszudrücken. * D ie Forderungen der Zionisten. K o p e n h a g e n , 24. Oktober. (W. T. B.) Das hiesige Bureau der zionistischen Organisationen richtete ein Rundtelegramm, an die sämtlichen zionistischen Landesverbände, in dem es unter anderem heißt: „Auch das jüdische Volk erhebt in dieser geschichtlichen Schicksalsstunde seine Forderungen. Im Friedensvertrag muß ihm zuge-sichert werden: 1. Die Festsetzung Palästinas in den durch die geschichtliche Ueberlieferung, und durch politische wie wirtschaftliche Notwendigkeiten bestimmten Grenzen als völkische Heimstätte des jüdischen Volkes sowie die Schaffung der für den ungehinderten Aufbau dieser Heimstätten notwendigen Vorbedingungen. 2. Die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern. 3. Völkische Selbstverwaltung auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet für die jüdische Bevölkerung der Länder mit jüdischer Massensiedlung sowie aller anderen Länder, falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt. Wie weit die Hoffnungen der Zionisten sich erfüllen, auf einem Friedenskongreß, der nach unserer Anschauung noch in weiter Ferne steht, gehört zu werden, läßt sich nicht Voraussagen; das eine wird man jedoch als Tatsache annehmen. müssest: ein jüdisches Reich wird erstehen. Wie es sich im einzelnen gestalten, ob es ein Spielball in der Hand der uns feindlichen Mächte, ob es ein Vasallenstaat Englands werden wird, ob es die Kraft haben wird, sich zu einem Mittelpunkt eines Bruchteils der Juden, europäischen und amerikanischen, zu entwickeln, wer will es wissen? Aber eines weiß ich: wir deutsche Juden in der weit überwiegenden Mehrheit betrachten diese Neubildung mit Gelassenheit und Ruhe. Wir wissen es wohl, daß wir es seit Jahrhunderten in Deutschland nicht allzu gut gehabt haben: den blutigen- Verfolgungen sind ungerechte Verdächtigungen, den hämischen geistigen Angriffen, den rohen körperlichen Anpöbelungen, den wüsten Ausschreitungen ist ein latenter Anti-

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