Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
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519 gehört: blutige Revolution in Deutschland, welche die Regierenden dazu führen müßte, sich schließlich dem Volkswillen oder dem Willen der Feinde zu beugen. Wir verharren aus dem Standpunkte, daß es eine in der Weltgeschichte unerhörte Zumutung ist, daß fremde Nationen es wagen, sich in die inneren Angelegenheiten eines Volkes zu mischen. Aber das grausame Wort, daß der Sieger recht hat, kann möglicherweise auch in diesem Falle seine Geltung behalten. Wir fühlen uns nicht ber-usen, diese Möglichkeiten im -einzelnen zu erwägen, wir haben nur zu konstatieren, daß die allgemeine Stimmung die amerikanische Note nicht so überaus ungünstig auffaßt, wie wir es tun. Die deutsche Antwort ist erteilt worden. Sie bestätigt den Empfang der Note, erklärt, daß die Friedensverhandlungen von einer Volksregierung geführt werden, der auch die militärischen Gewalten unterstehen. Sie schließt mit der Bemerkung: „Sie sieht den Vorschlägen für einen Waffenstillstand entgegen, der einen Frieden der Gerechtigkeit einleitet." * Während an der Westfront nach wie vor aufs heidenmäßigste gekämpft wird und die Fortschritte des Feindes in den letzten Tagen nicht sehr groß gewesen sind, entwickelt sich die innere Demokratisierung Deutschlands langsam weiter. Aber wenn auch der Belagerungszustand aufgehoben, die Amnestie in weitem Umfange erteilt, die Zensur gemäßigt oder vernichtet, die Versammlungsfreiheit gestattet ist, eine volle innere Freude hat man einstweilen an diesen Reformen nicht. Noch herrscht überall der alte bureaukratische Zug; das System will nicht weichen, solange nicht seine Träger verabschiedet sind, und wo sollte sich für die oberen und unteren Beamten, vom Oberpväsidenten bis zum Schutzmann herab — von dem alten FÄdwebel gar nicht zu sprechen — so leicht Ersatz finden? Der Freiheitssreund. hat leider das Gefühl, daß diese Reformen zu spät kommen, und daß sie nicht entschieden und rasch genug durchgesührt werden. * Die „Deutsche Tageszeitung" bringt unter der Aufschrift: „Antisemitismus und Sozialdemokratie" folgenden Artikel: Interessante Mitteilungen über die Behandlung der Judenfrage auf dem letzten Parteitage der bayerischen Sozialdemokratie in München bringt das „Fränkische VolMblatt" in Würzburg. Danach hat der Führer der bayerischen Sozialdemokratie, Abgeordneter A u e r, als Berichterstatter über die Tätigkeit des Landesvorstandes ausgeführt, daß der Antisemismus gegenwärtig eine wesentliche Rolle in den Parteiäußerungen spiele und daß diese Frage allem Anschein nach auch noch nach dem Kriege von Bedeutung sein werde. „Aus verschiedenen Orten Nord- und Südbaherns," so führte Auer aus, „find mir Zuschriften von Parteigenossen zugegangen, denen ich entnehme, daß auch in unseren Organisationen die Rassenfrage zur Erörterung kommt und daß dabei ein Standpunkt eingenommen wird, der meiner Meinung nach falsch ist. Es wird behauptet, daß die Inden in ihrer Mehrheit vom gefährlichen, schweren Militärdienst sich systematisch drücken, daß, wenn sie es bei den Druckpunkten zu Vorgesetzten gebracht haben, sie mit den ihnen unterstellten Soldaten und den mit ihnen zum Verkehr gezwungenen Zivilpersonen in der hochfahrendsten und verletzendsten Weise verfahren. Weiter wird gesagt, daß, während diese zum Teil baumstarken Leute sich vom Militärdienst drücken, Frauen und Mädchen im Felde Verwendung finden. In zwei Schreiben wird behauptet, daß' die Israeliten für sich Achtung ihrer religiösen Anschauungen verlangen, während sie aus die Gefühle anderer keine Rücksicht nehmen, und daß die israelitischen Frauen durch ihren Kleideraufwand geradezu aufreizend wirken. Weiter wird behauptet, daß sie beim Hamstern die wildesten Preistrerber seien, daß diese Preistreiberei noch gesteigert werde durck Warentausch, den sie systematisch und planmäßig betreiben. (Zuruf: Sehr richtig!) . In einzelnen Städten ist man daran gegangen, Listen anzulegen und diese Listen bei Behörden einzureichen. Mir wurden mehrere solcher Listen zugeschickt mit der Aufforderung, dieses Vorgehen zu unterstützen und zu fördern. Aus der Liste eines solchen Ortes befinden sich nicht weniger als 60 Namen unter Angabe von Stand und Wohnung." Abgeordneter Auer erklärte dazu, daß er mit rücksichtslosem Vorgehen gegen das Drückeberger-Unwesen usw. völlig einverstanden sei, es aber als falsch bezeichnen müsse, zu diesen Fragen unter dem Gesichtswinkel der Rassenzugehörigkeit Stellung zu nehmen. Man kann die Schlußworte Auers als vollkommen gerecht bezeichnen, muß aber mit Schmerz konstatieren, daß auch in den Reihen der Sozialdemokratie eine starke anti-jüdische Bewegung sich geltend macht. * Einen überaus gehässigen Artikel bringt die „Schlesische Zeitung" vom 20. Oktober. Er lautet folgendermaßen: TschechischePatrioten. Die „Wiener Deutsche Korrespondenz" teilt mit, daß zurzeit der Prager Statthalterei nicht weniger als 400 Gesuche von Juden vorliegen, in denen diese um Umwandlung ihrer bisherigen deutschen in tschechische Namen bitten. Natürlich handelt es sich da nicht um Begeisterung für den neuen tschechischen Staat, sondern um die rechtzeitige Erfassung einer geschäftlichen Konjunktur, und in dieser Hinsicht hatten diese Leute immer eine gute Nase. * In diesen Zusammenhang gehört auch eine Zuschrift des Herrn N. Cohn, der wir hier Raum geben. Sie lautet: Antisemitismus und jüdische Nächstenliebe. Wenn Herr Sanitätsrat Dr. Scherbel in seinem Artikel „Die Lösung des Judenproblems" in Nr. 42 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Oktober d. I. leise bezweifelt, daß die angegebenen Wege zur Lösung des Problems führen werden, so schließe ich mich diesem Zweifel in erhöhtem Maße an. Gegen Gemeinheit und Tücke, gegen Bosheit und Niedertracht — die Wurzeln des Antisemitismus — ist kein Kraut gewachsen. Wenn nach einem mehr als vierjährigen Weltkrieg, in welchem unsere Glaubensgenossen, erwiesenermaßen, mit Gut und Blut dem Vaterlande dienten wie die anderen, ein antisemitisches Flugblatt: „Die Juden im Weltkrieg", über das die dieswöchige Nummer der „Jüdischen Presse" ausführlich berichtet, ein Flugblatt, das Verse, wie den nachfolgenden: Wo so viele Helden bluten, Drücken sich jetzt nur die Juden, Ueberall grinst ihr Gesicht, Nur im Schützengraben nicht. enthält, in Umlauf gesetzt wird, schweigt jede Vernunft. Die „Schmach des Jahrhunderts", oder richtiger der Jahrhunderte, ist zu neuern Leben erwacht. Pharao, Amalek und Haman sind tot, aber die Pharaos, Amaleks und Hamans sind leider am Leben und mit ihren Verleumdungen frisch an der Arbeit. Diese Gesellschaft muß verfolgt, aber nicht belehrt lverden. Daß es im 3. Buch Mose 19, 18 heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", und daß mit dem Nächsten nachweislich auch der Andersgläubige gemeint ist, wissen die Antisemiten sehr wohl, aber sie wollen es nicht wahr haben. Sehr viele Stiftungen unserer Glaubensgenossen kommen stistungsgemäß Juden und Nichtjuden zustatten. Wieviel Geld fließt da, wenn a u ch ungewollt, in antisernitische Taschen? Welches Vertrauen die Nichtjuden zur jüdischen Nächstenliebe haben, weiß ich berufsmäßig. Hunverre von Gesuchen gelangen im Laufe des Jahres von Nichtjuden an die jüdischen Armenpslegestellen; wieviel vbn Antisemiten herrühreu, läßt sich allerdings nicht Nachweisen, wahrscheinlich aber eine recht erhebliche Anzahl. Fast in all den Gesuchen beruft man sich aus den bewährten jüdischen Wohltätigkeitssinn, der doch keine konfessionellen Unterschiede machen werde.