Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229382--74409-3286902
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Berlin, 25. Oktober 191$ 82. Jahrgang Nr. 43 Der Gemeindebote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". lkorrrspondm?m und Mschnchtrn. SrutlchlsnL. Berbin, 23. Oktober. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 17. d. M. Professor Dr. Ludwig Stern über das Thema „Die Juden in der neueren Philosophie unter besonderer Berücksichtigung von Hermann Cohen". Die Frage: Woher kommt die enge Verbindung zwischen Judentum und Philosophie? suchte der Redner, indem er in seinen fesselnden Betrachtungen von Hermann Cohen, dem letzten Philosophen großen Stils, ausging, damit zu beantworten, daß beide — Philosophie und Judentum — Ewigkeitsatem haben, da das Judentum mit seiner Gottesvorstellung und seinem Messianismus- Ewrgkeitsreligion, die Philosophie Ewigkeitswissenschaft ist. Ueberblicken wir — so ungefähr führte er aus — ein wenig die Entwicklung der neueren Philosophie, so ist es erstaunlich, wieviel jüdischen Namen wir begegnen. Von Spinoza, der die Welt logisierte, bis zu Bergson, der den Jntuitivismus Schellings wieder belebte, und zu Cohen, der als Vollender Kants die Welt ethisierte. Lazarus David und Salomon Maimon sind Kants Herolde. Der jüdische Arzt Markus Herz nicht minder. Als letzter Hegelianer ist Adolf Lassen, der in seinen jungen Jahren Lazarussohn hieß, dahingeschieden. Die ersten Apostel des großen Metaphhfikers Arthur Schopenhauer, der aus seiner Abneigung gegen die Juden nie ein Hehl gemacht, sind Juden: Frauenstädt und David Ascher. Unter den Vertretern der Schellingschen, nicht minder der Nietzschen Philosophie finden wir eine ganze Reihe von Juden. Die Soziologie, dieser neueste Zweig der Philosophie, ist fast ganz jüdisch. Nicht bloß in Deutschland, auch in Ungarn, Frankreich, England sehen wir als die namhaftesten Vertreter der verschiedenen philosophischen Disziplinen Juden. Nur in einer philosophischen Richtung fehlen sie so gut wie ganz: in der materialistischen. Bezeichnend ist, daß der Talmud die Beschäftigung mit der Philosophie deswegen erlaubt, damit man den Materialisten (Epikurüern) antworten kann. Aber die große Schar dieser Philosophen, deren Geistes richtung L ud w.rg'S te i n mit'einigen kurzen Wendungen kennzeichnete, sind gleich Spinoza nur philosophierende Juden, nicht jüdische Philosophen. Ganz anders Moritz Lazarus, H. Steinthal und Hermann Cohen. Ihre Philosophie erwächst aus dem Judentum. Lazarus, der es aus dem Verstände erschaut, sucht es homiletisch auszudeuten und macht es zur reinen Verstandsreligion, Steinthal, der es erfühlt, zur Gefühlsreligion, Cohen, der es ethisiert, zur Willensreligion. Wie Kant als der Philosoph des Protestantismus, so kann Cohen als der des Judentums angesprochen werden. Beide zeigen, daß das Letzte tiefste Wesen der Welt nur vom sittlichen Willen begriffen werden kann. Der Einheitspunkt der Welt ist Gott als die Erfüllung der sittlichen Weltorbnunig. Und wenn wir -auch heute in diesem Vlutrausch an dieser Weltordnung bald verzweifeln inögen, wir dürfen nicht außer acht lassen, daß das Einzelleid schwindet und die Gesamtmenschheit doch vorwärts schreitet. Wir leben in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Gottes Reich, wie es Jesaias verkündet, wie es Kant und Cohen in philosophischer Ableitung vorahnend schilderten, wird trotz allem kommen." Die Zuhörerschaft Jo lg te den lehrreichen und fesselnden Ausführungen mit großem Interesse und zollte dem Vortragenden Lebhaften Beifall. E. M. Berlin, 23. Oktober. Am 15. d. M. beging Herr S a l o - mon Seligsohn, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar gehört dem Vorstande der Jüdischen Gemeinde feit dein Jahre 1907 an. Zuerst nahm er als stellvertretender Gemeindeältester, feit 1914, seitdem er an Stelle des ausgeschiedenen Vorstehers Julius Iaco by gewählt wurde, als Aeltester an den Arbei-ten des Vorstandes teil. Der Jubilär betätigte sich in der Steuer derwaltung und der Bau-Korumifsion und leitet gegenwärtig die Arbeiten der Bauverwaltung und die Kommissionfür festgottesdientstliche und musikalische Angelegenheiten. Auch am öffentlichen jüdischen Leben unserer Gemeinde und an den sozialen Ausgaben der jüdischen Gemeinschaft der Gegenwart nimmt Herr Seligsohn regen Anteil. Er ist Vorsitzender des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen und Vorstnndslni'tgjl'ied in zahlreichen anderen jüdischen Organisationen. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde sprach dem Jubilar zu seinem Geburtstage in eorxore feinen' Glückwunsch aus und überreichte eine künstlerische Adresse sowie eine Palme. Die Glückwünsche der Rep räfentanten-Versawnllung übermittelte Geheinrer Regier ungsrat Dr. M i n den als Vorsitzender; die Kommission für festgottesdienstliche und musikalische Angelegenheiten war durch eine Deprckation vertreten, als deren Sprecher Herr Emil Pincus eine Adresse.und ein Blumenarrangement übergab. Der Verein für. jüdische Krankenpflegerinnen und andere Körperschaften brachten ebenfasts ihre Glückwünsche dar. Mögen dem um unsere Gemeinde und ihre Wohlfahrtseinrichtungen verdienten Jubilar noch viele frohe Lebensjahre beschieden sein. E. M. Berlin, 23. Oktober. Kammer sän ge r Alexander Heinemann, ein Liebling des deutschen Konzertpublikums, ist nach langem Leiden am 16. d. M. im 46. Lebensjahre gestorben. Die deutsche Musikwelt hat in ihm ein hervorragendes Mitglied verloren, das deutsche Lied einen beliebten Interpreten, der in den nun unendlich fern liegenden Friedenszeiten deutsche Lieder und deutsche Kunst über die halbe Welt getragen hat. Alexander Hei ne mann war ein geborener Berliner. Sein Vater war Beamter auf dem alten Friedhose der Jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee. Seine Ettern wohnten im Geburtshause L u d w i> g T ie ck s; in dem Zimmer, -in dem der große Romantiker geboren wurde, kam auch Alexander Heinemann zur Welt. Der Knabe besuchte die Knabenschule der Jüdischen Gemeinde und trat nach kurzer Gymnasiälzeit als Musikerlehrling in eine Kapelle ein, deren Zeugnis, das er in vierjähriger Lehrzeit erwarb, er immer mit großer Freude zeigte. Die bekannte Ge- -angspädagogin Hennh Meyer entdeckte das Talent und die prachtvolle Baritonstimme des jungen Musikers. Nach ihrem Tode übernahm Adolf Schulz Hememanns weitere Ausbildung. In verhältnismäßig jungen Jahren stieg er zur Höhe des Erfolges empor. Er war jahrelang selbst ein sehr geschätzter Lehrer des Sternschen Konservatoriums, doch mußte er infolge feiner reichen Wirksamkeit als Konzert- und Oratoriensänger das Lehramt wieder ausgeben. Sein herrlicher, warmer Bariton, in dem sich Weichheit mit außerordentlicher Kraft vereinte, stellte er besonders in den Dienst des Oratoriums und der Ballade. Unvergleichlich war seine Wiedergabe Loewescher und Bloedemauuscher Balladen. Sowohl in Deutschland wie in Oesterreich gab es wohl kaum ein Oratorium, in dem Heinemann nicht gesungen hat. Er war geschätzt als Liederinrerpret neuer Erscheinungen. Aus der Höhe des Erfolges stehend, ging er nach Amerika und erntete dort reiche Erfolge. Wrewohl rorperlich. feit Jahren leidend, bezwang er feine Krankheit doch durch eiferne Energie, war einer der gefchütztesten und geachtesten Gesanglehrer TeutschMNds und hielt auch fest und treuam Glauben, der Barer. Nun hat der Tod in verhältnismäßig jungen Jahren diefer reichen künstlerischen Arbeit ein Ende gesetzt. Berlin, 23. Oktober. Der bekannte Herausgeber des „Voltserziehers", Wilhelm Schwan er., hat das Wirken und die Persönlichkeit Walter Rathenaus -in feiner ZerJchrist eingehend gewürdigt und diesem daber volle Gerechtigkeit widerfahren raffen. Dieser Artikel Schwaners hat die unentwegten und dlmdwütigen alldeutschen Anhänger .des Rassegedankens Nicht schlafen tasten und har eine Unzahl von, Angriffen und Schmähungen inr beLannten ^one gegen Schwaner hervorgerusen. Im -letzten Heft Des „Boltserzrehers" veröffentlicht dieser nun einen „Offenen Brief in Sachen Juda", in dem Ernst Hauet die Motive der Rasseholden folgenderlnatzen enthüllt: „Rathenau sieht die kommenden Dinge im Zeichen des Sozialismus stehen. Er verlangt die Frage des Ausgleiches zwischen arm und reich (das- „Problem der Kluft") in den Borbergrund aller Geistesarbeit gerückt. Er zielt und plant, wie unserem Volke zu lohnen und zu danken sei für seine ungeheuren Opfer, die zu begreifen uns jedes Ntaß und Gleichnis fehlt. Er fordert z. B.: „Oberhalb einer mäßigen Vernrögenseinheit gehört jeder Nachlaß dem Staat"; „von der Höchstgrenze eines bürgerlichen Einkommens ab '-ist der Erwerbende nur bedingter Mitbesitzer des Erworbenen, und dem Staate steht es frei, chm vondiesem Uebersluß so viel oder so wenig zu belassen, wie er will"; „«der Ertrag

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.