Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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fclB kann, wird vorzugsweise befördert durch die Art, wie der Staat die Juden behandelt; endlich die Vermehrung der Geburten, die gewiß durch eine Kräftigung der männlichen Jugend einen Aufschwung nehmen kann, ist -abhängig von allerlei Physischen Zufälligkeiten. Wenn man daher in den Vorschlägen 'des Herrn Wowe auch keine Universalheilmittel zu erblicken hat, so mutz man ih>m höchst dankbar sein, daß er eine ungemein wichtige, vielleicht die bedeutsamste Zukunftsfrage aufgerollt und sie mit achtbarem Verständnis behandelt hat. I.. G. — Königliche Hoheit. Roman von Thomas Mann. 1917. Verlag, S. Fischer (Berlin). * Auf den älteren Meisterroman „Die Buddenbrooks" hat Thomas Mann einen zweiten folgen lassen. Behandelte jener die Geschicke einer Bürgerfamilie, so führt uns dieser in ein Fürstenhaus. Es ist hauptsächlich die Geschichte des Erbprinzen Klaus Heinrich, der für seinen' kränklichen Bruder, den Großherzog Albrecht, die Repräsentationsvflichten übernimmt, vom Volke angebetet wird, bis zu seiner Verheiratung mit Jmma, der Tochter eines amerikanischen Milliardärs Spoelmann, der wegen des heilkräftigen Wassers der Residenz nach dem kleinen Ort gezogen ist, einen herzoglichen Palast gekauft, fürstlich eingerichtet hat und Netter des ruinierten Staates und der dem Verarmen naben fürstlichen Familie dadurch wird, daß er dem Staat ein zu 3Y* Prozent verzinsliches Anlehen von 350 Millionen aewährt und seiner Tochter, die seine einzige Erbin zu werden die Aussicht hat, eine Mitgift von 100 Millionen gibt. Diese Vorgänge, nicht eben sehr wahrscheinlich, werden ausgezeichnet, wenn auch in großer Breite erzählt: die Charakteristik der Haupt-und vieler Nebenpersonen, fürstlicher Beamter und der Umgebung des Amerikaners ist vorzüglich. Wenn ich die Aufmerksamkeit meiner Leser auf dieses weitverbreitete Werk lenke (in dem von mir benutzten Exemplar ist erwähnt. daß bereits 46 000 Exemplare gedruckt sind, seitdem gewiß noch viel mehr), so geschieht das aus dem Grunde, daß ganz gelegentlich auch ein Jude.vorkommt. Das ist ein Dr. Sammet, der die Großherzogin bei ihrer Niederkunft, den Großherzog in seiner letzten Krankheit behandelt, mit Orden ausgezeichnet und zum Leiter eines Kinderkrankenhauses ernannt wurde, in welcher Stellung er sich vortrefflich bewährt. (S. 36 sf., 105 ff., 156 ff.) Er ist ein Freund des Dr. Ueberbein, des originellen Lehrers der „Königlichen Hoheit". Der jüdische Arzt ebenso wie der ganz eigenartige Lehrer, der übrigens kein Jude ist, werden vorurteilslos und sehr sympathisch, geschildert. L. G. — Vom Jude n t n m z u rn C h r i st e n t it m. Von Dr. A d o l f B a u e r, o. ö. Prof, an der Universität Wien. 1917. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. Der Titel der Schrift ist irreführend. Man erwartet eine reliaionsgeschichttiche Betrachtung des Weges, der vom Judentum z u m Christentum geführt hat, und man findet eine historiologische Darstellung derjenigen jüdischen Anschauungen, die aus dem Judentum i n die christliche Geschichtschreibung übernommen wurden und dort ) nachhaltigen Einfluß ausübten. Mit unverhohlener Betrübnis stellt der gelehrte Verfasser auf scharfsichtig umblickendem Gange durch die alte Geschichtschreibung! fest, daß schon mancher dieser frühzeitigen Darsteller sich auf einen höheren Standpunkt zu erheben verstand, als es den christlichen Schriftstellern, selbst in weit jüngerer Zeit, gelungen ist, da sie sich dem Einstusse des Alten Testaments nicht entziehen konnten. Die biblische Annahme der Schöpfung als Ausgangspunkt für die Weltgeschichte hat sich trotz des Nachweises ihrer Unhaltbarkeit bis in neuere Zeit erhalten, und die Danielschen Weissagungen von der Weltwoche und den Weltmonarchien bildeten allzulange das Einteilungsprinzip in der Weltgeschichte. Erleichtert atmet der Verfasser auf, daß man endlich klarer sieht: „Die Erzählungen des Alten Testaments gehören . . . aussMießlicb in die sehr eigenartige und für die Zukunft bedeutungsvolle Geschichte der jüdischen und der christlichen Religion." Abgesehen davon, daß man bei nebenher angebrachten Kraftworten — wie z. B. „der vom Christentum übernommene jüdische Geisterspuk" (S. 147) oder der „von der Kirche übernommene primitive jüdische Aberglaube vom Gerichte der grausam rächenden Gottheit" (S. 134) und ähnliches — die kaum verhaltene Empörung des Verfassers über diese gräßlichen Irrwege der christlichen Geschichtschreibung unangenehm empfindet, ist es zweifellos recht anregend, einmal die alten Freunde Hekataios von Milet, Herodot, Thukydides, Teuophon, Polybios u. a. in ausgezeichneten, teilweise eingehenden Charakteristiken an uns vorüberziehen zu lassen und unter diesem Gesichtspunkte zu betrachten. Gustav Cohn. — ,>U n d d a s Krumme wi r d g e r a d e." Von S. I. Agnon. Aus dem Hebräischen von Max Strauß. „Jüdischer Verlag", Berlin 1918. Der talentvolle junge hebräische Dichter überträgt das Enoch- Arden-Problem ins ostgälizische Judenmilieu. Er schildert die Geschichte von Menascheh Chajirn, dem Krämer zu Buczacz, und seiner kinderlosen Frau Kreindel Tscharne, die aus Wohlhabenheit allmählich zur Armut herabsinken, bis sie ihren Laden aufgeben und einen Stand auf dem Markte des Städtchens annehmen müssen amb doch nicht mehr ihren Hunger stillen können. Wie dann Menascheh Cbajim sich vom Buczaczer Rabbi einen Empfehlungsbrief geben läßt, damit im Lande herumzieht und ihn schließlich, irr seiner verzweifeltsten Stunde, verkauft. Wie der Bettler, der den Brief gekauft hat, stirbt und man Kreindel Tscharne verkündigt, ihr Mann sei gestorben, und das arme Weib, das den vermeintlich Verstorbenen ehrlich betrauert, in einer neuen Ehe Glück und Ruhe findet und auch mit einem Sohne gesegnet wird. Da kehrt Menascheh Chajim zurück und sieht, was geschehen ist. Und der Unglückliche eilt hinfort, um das Glück seines Weibes nicht zu zerstören, und stirbt dabin: der verkaufte Brief, die Sünde einer schwachen Stunde, hat sein Leben zerstört. — Die Erzählung ist im anheimelnden Tone der ostiüd'ischen Legenden geschrieben: die Uebersetzung gibt den Stiminnngsreiz der galizisck'.en Judenstädte vorzüglich wieder und ist in ausgezeichnetem Deutsch gehalten. Erich Marx. — Karl Hans Strobl: Seide Boro Witz — L. Staackmann Verlag, Leipzig. Geh. 4,50 Mark, geb. 6 Mark. Nun hat der Dichter der „Vaclavbude", des „Wirtshauses zum König Vrzemysl" und vor allem des viel bedachten Bismarck-Romans auch feine galizische Judenerzähluna geschrieben. Es ist das ein svröder Stofs, und nur feinstes Einfühlen in die Seele jener Menschen kann sie zum Leben erwecken! Ein Buck im Geiste von Meyrinks „Golem", hat es zum Schauplatz eine kleine oalizische Stadt, in der ein jüdischer Junge, schwor vom Scharlachfieber befallen, mit dem Tode ringt und durch Mo Beschwörung des alten Mendel Briesbeschwer von ihm gerettet vnrd. Aber er muß von diesem Taae einen anderen Namen tragen: „Kannst du nicht leben mit diesem Namen, so sollst du leben mit einem anderen. — Ich! kann dich nennen Seide, Großdas ist, du sollst werden ein Großvater und sollst sehen Enkel, wachsen wie Abraham und werden ein Stammvater in nleerem Volk." Und von. diesem' Augenblick hat Seide das doppelte Gesicht, denn er ist ja eigentlich tot und ein anderer lebt für ihn: so lebt er. zwischen zwei Welten. Kabbalistische Vorstellungen haben wohl ans den Gedankenkreis des Verfassers eingewirkt, aber er W doch wohl nicht fest genug in ihnen, umseinem Seide zu überzeugendem Leben zu verhelfen. _ Spannend in höchstem Grade ist Strobls Buch und man kann es, wenn man es erst einmal begonnen hat, nicht ans der Hand legen, und man fühlt auch lebhaft mit diesem Seide, der trotz seines festen Wurzelns in der Sitte der Väter doch den Kaftan "nszieht, um die Realschule zu besuchen. Auch seine tragische Liebe zu Grtl nimmt uns gefangen. Und doch kann er uns nicht von seinem Dasein überzeugen, und rätselvoll, wie der fast Tote noch einmal ins Leben zurückgekehrt ist, geht er nun endgültig von dannen. Wir begrüßen jeden Versuch, sich in das Leben der Ostjuden hinernfühlen zu wollen, auf § lebhafteste, wird ia dadurch weiten Kreisen ihr Menschtum näher gebracht, die in ihnen nur minderwertige Heloten sahen. Und so möchten wir in Strobls Buch gewissermaßen einen Anfang sehen, daß man auch in nichtjüdischen Kreisen versucht, hier tiefer zu schürfen, wenn wir auch selbst mit seiner Gedankenführung nicht ganz einverstanden sein können. — Sprachlich und technisch ist es wie alle Stroblschen Bücher durck> aus aus der Höhe und es wird anregend wirken, darum soll und muß es auch seinen Weg gehen. Dr. Willy Cohn.