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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 wenn das Buch beendet sein würde. Die Antwort darauf war die Hoffnung — als Vater des Wunsches —, daß die Vorsehung ihr dann ein anderes Mittel schaffen würde, um ihren Geist weiter zu beschäftigen, ein anderes Band, um sie noch fester an ihren 'Gatten zu fesseln, so daß die Erinnerung an die Vergangenheit endlich gänzlich schwinden würde. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Gedichte von Gertrud Kolm« r. Egon Meischel n. Co., Berlin, 1917. Gedichte einer Berliner jüdischen Dame, die bisher als Schriftstellerin noch nicht aufgetreten war, die aber, wie man aus den vorliegenden Proben ersieht, ein starkes und eigenartiges Talent besitzt. Man weiß nicht, welchem der drei Teile der Sammlung: „Mutter und Kind", „Mann und Weib", „Zeit und Ewigkeit" man den Vorzug geben soll. Die Gedichte der ersten Abteilung atmen inniges, wohliges Empfinden, die der zweiten eine unstillbare Begierde starker, mitunter schwüler Sinnlichkeit, die der dritten ein lebendiges Mitfühlen mit den großen Ereignissen der Zeit. Es ist in ihnen nichts ausschließlich Jüdisches vorhanden, und doch glaube ich, wegen der Zugehörigkeit der Schriftstellerin zu unseren Kreisen auf dieses neue Talent Hinweisen zu sollen. Um unseren Lesern einen Begriff von dieser Kraft des Ausdrucks und von der Stärke der Empfindung zu geben, die diesen Liedern innewohnt, sei aus dem Gedicht „Gebet" folgende Probe mitgeteilt. Wie ruf ich dich? Der Name, den die Lippe Dir täglich, stündlich gibt, ist deiner nicht; Das Sterbliche ist alles eine Sippe, Dir aber gleicht kein sterbliches Gesicht. Dein Sein kann keine unserer Sprachen fassen. Das Wort, das es erschöpft, bleibt stets uns fremd; Wir müssend, dich zu nennen, ewig lassen. Weil deine Größe unsere Zunge hemmt. Ja, du bist alles: Schönheit, Macht und Güte — Und deine Augen leuchten immerdar Im Blau des Himmels, in der Pflanzen Blüte, Im Rund der Seen, in der Sterne Schar. Du kennst den Glauben nur, nicht Religionen, Des Heiden Huld'gung selbst ist dir geweiht; In dir muß alles, alles Höchste thronen, Weil jedes Herz dir neue Tugend leiht. Du schirmst auch sie, die nicht dein Sein begehren; Kein Herrscher bist du, der voll Zorn und Leid Die Untertanen straft, die ihn nicht ehren — Das tut nur irdische Gerechtigkeit! Die duftdurchwehte Dämmerung deiner Tempel, Der Dörfer reine Luft, der Städte Ruß, Dir sind sie gleich, es prägt dein heiliger Stempel Zu deinen: Dienste Mühsal und Genuß. Der Kirche Weihrauch strebt zu dir empor. Und aus der Arbeitsstätte Schornsteinrohr Steigt himmelwärts der trübe, graue Dust. Der Freuden toller Lärm, was ist er mehr Als nur ein einziger Hymnus dir zur Ehr'; Ist dein nicht alles Schöne in der Lust? Und daß wir stolz auf vieles, was uns schmückt. Froh über alles sind, was uns beglückt. Daß deine Größe uns nicht ganz erdrückt, Drum ließest lächelnd du den Feind dir schenken. Das Böse einst, den Teufel uns erdenken. Der oft muß tragen unserer Sünden Last, Daß drunter nicht der Mensch zusammenbreche; Ein Spottbild ist's, das du verziehn uns hast: Das Böse, Teuflische, was je uns faßt. Es ist doch weiter nichts — als Menschenschwäche. L. G. — D i e Propheten. Von Hermann Gunkel. Göttingen, Vandenhoek u. Ruprecht, 1917. Von den Propheten sollte nur derjenige zu sprechen unternehmen, „in dessen Seele selber ein Funke aus dem Feuerbrande dieser Geister gefallen ist". Diese Grundsorderung hat so mancher außer acht gelassen, der geglaubt hat, dem Wesen dieser Männer allein mit dem Rüstzeuge nüchterner Kritik nahezukommen. Wie man dem großen Künstler nicht mit rein technischen Mitteln des Verstandes gerecht werden kann, sondern erst die Fähigkeit zu seelischem Nachfühlen an das Kunstwerk heranführt, so wenig auch vermag man die religiösen Verkünder zu verstehen, wenn man nicht die fortreißende Gewalt heiliger Begeisterungin sich verspürt hat, die dem prophetischen Wirken zu eigen ist. Von solchem verständnisvollen Nachempfinden ist die vorliegende Schrift getragen, von einem liebevollen Sichversenken in die Persönlichkeiten der Propheten. Sie will in die Seelen dieser Männer hineinleuchten. Darum stellt sie sich nicht auf den erhabenen Standpunkt einer weit emporgeführten Höhe der Erkenntnis, sondern würdigt mit gerechtem Maße, was sie gewollt und gefühlt haben. Diese Art der Betrachtung muß vor allem das persönliche Moment betonen und stellt deshalb nicht, wie es meist geschieht, die Frage in den Mittelpunkt, w a s die Propheten g e - lehrt haben, und wie sie es gelehrt haben, sondern wer sie waren: die geheimen Erfahrungen der Propheten, durch die eben sie sich von anderen Verkündern unterscheiden, durch die sie „Propheten" wurden. Daraus erst kann ihr Wirken gewürdigt werden, ihre „Politik" und ihre „Religion", welche beide allerdings nicht scharf getrennt werden können. Ein letzter Aufsatz über Schriftstellerei und Formensprache der Propheten wird auch dem „Wie" gerecht. — Mit manchem können wir uns nicht einverstanden erklären. So nicht mit dem Satz, daß die Propheten „immer zunächst Ereignisse der Zukunft geweissagt", sich aber „nicht eigentlich als Lehrer ihres Volkes" gefühlt haben (S. 69); die „Weissagungen" sind wohl faittn als um ihrer selbst willen gesprochen zu betrachten, sondern im Gegenteil als Erziehungsmittel oder Zielsetzung gedacht gewesen, wie ja gerade der Lehrer besonders gern den Blick seines Schülers auf das Kommende als die Folgen seines Tuns gerichtet sehen möchte. Auch die Auffassung von den ekstatischen Zuständen der Propheten dürfte selten zutreffen; sie beruht auf einer allzu wörtlichen Deutunq mancher offensichtlich nur bildlich gemeinten Ausdrücke. Wohl meist dürfte eine auf besonderer religiöser Kraft beruhende innere Intuition die prophetischen Verkündigungen vermittelt haben, die hier und dn auch von äußerlichen Sonderbarkeiten begleitet waren, ohne aber organisch von ihnen bedingt zu sein. Trotz dieser und mancher anderen abweichenden Auffassung lesen wir die Aufsätze mit Vergnügen, weil sie im Kern mit dem Wesen und Wirken der Propheten in treffender Weise bekanntmachen. Wegen ihrer klaren und leicht verständlichen Darstellungsweise können sie auch einem größeren Kreise solche Kenntnis vermitteln. G. C. — Selbstmord oder neues Leben? Ein Mort zur Bevölkerungsvolitik der deutschen Juden. Von Professor Dr. E u ge n W o!lbe. „Meine Brüder suche ich", 1. Mose 32,16. 1918. Crcmiiv Verlag. Oranienburg. Wölbe behandelt' in dieser Schrift ein wichtioes. vielleicht das wichtigste Problem. Die Zahl der Juden in Deutschland nimmt nt erschreckender Weise ab. ebenso wie die d»r Deutschen überbauvt. Ten. Höchststand von 1876 mit 40,8 auf 1000 Einwohner folgt der Tiefstand der Geburten 1912 mit 28,2, bei den Juden gar nur 17 Prozent. Angesichts dieser Verminderung, die infolge der Taufe noch viel weiter geht, bei dem Ueberschuß der Todesfälle über die Geburten, der 1911 rund 4000 betrug, ist zu befürchten, daß die Zahl der 600000 Judrn (so viel waren es im Jahre 1912) in bedauerlichster Weise äbnimmt. Eine Abhilfe solcher bedauerlichen Zustände ist unbedingt notwendig. Zur Verminderung der Taufen und zur Erhöhung der Geburten sind durchaus Maßnahmen zu treffen. Als solche schlägt der Verfasser vor: 1. Vertiefung des Religions- Unterrichts durch besondere Hervorhebung des ethischen Moments (Ehenotwendigkeit), 2. Landerziehungsheime zur Kräftigung der Jugend, 3. Jugendvereine, 4. Studentenverbindungen, 5. Rein-jüdische, möglichst frühzeitige Chen, 6. Schaffung eines Eheamtes, das mi* mildtätigen Damen besteht und die eheliche Verbindung -der Heirate lustigen ermöglichen oder wenigstens erleichtern soll. Diese Vorschläge sind gewiß recht verständig. Inwieweit sie. besonders der letzte, auf den es dem Verfasser hauptsächlich ankommt, durchführbar sind, vermag ich nicht zu sagen. Die Eheschließung häimt eben doch nicht von den: freundlichen Willen uninteressierter Vermittler ab, sondern ist hauptsächlich durch die ökonomischen Verhältnisse bedingt; das Verbleiben der jüdischen Jugend beim Judentum, das gewiß durch Stärkung des jüdischen Bewußtseins erreicht werden

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