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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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513 habe, wie der jüdischen Bevölkerung im Osten ein wenig aufgeholfen werden könnte. Das gab dem roten Salomon zu einem wütenden Ausfall Anlaß, indem er schrie, daß jene sich nur nicht darüber den Kops zerbrechen sollen! „Der Teufel wird uns nicht holen," meinte er wütend. „Und wenn er ja nach Menschenfleisch Gelüste haben sollte, dann weiß er Wohl, wo er die fettesten Juden finden kann!" „Das war aber nur eine gewisse Einleitung", erzählte Klaßner weiter. „Das größte Gelächter erregte er später durch einen Zusammenstoß mit dem schwarzen Meier, der, wie üblich, ihm auch heute widersprach. Darüber brütete Salomon Rache und lauerte auf eine Gelegenheit, diese ausgiüben. Er brauchte nicht lange zu warten. Meier hatte nämlich zu einem Gegenstand der Tagesordnung das Wort ergriffen. Nachdem er die Sache schon übermäßig breitnetreten hatte und noch immer kein Ende finden konnte, fuhr ihm Salomon in die Parade und schrie: „Meier, ich entziehe dir das Wort, denn es hat gar keinen Zweck, noch länger einem Menschen zuzuhören, der wie ein blinder Esel ißt und trinkt!" Wie vorauszusehen, hatte Salomon damit ein brennendes Licht in ein vollgefülltes Pulverfaß geworfen, das auch sofort explodierte. Meier sprang wütend aus und sein Mundwerk ging wie ein Mühlrad: Es sei doch allen bekannt, welch ein unverschämter Mensch Salomon wäre, er aber denke nicht daran, sich eine solche Chuzpe gefallen zu lassen. Alle wüßten doch, daß seine ganze Familie sich des besten Augenlichtes erfreue, daß sie sogar durch ein Brett seben könnte . . . „Wenn es ein Loch hat!" unterbrach ihn Sa- - lvmon. Meier aber zeterte weiter, es sei eine grenzenlose Gemeinheit, so etwas von ihm behaupten zu wollen, und wenn Salomon nicht sofort sein Wort zurücknehme, werde er ihn bei dem Reichsgericht verklagen. Salomon aber sah ihn nur tvöttisch an, und als jener sich außer Atem geredet, sprach er lächelnd: „Meier, ich nehme nichts zurück, denn ich behaupte nach wie vor. daß du wie ein blinder Esel issest und trinkst!" Voller Wut wollte sich Meier auf ihn stürzen, doch Salomon winkte gelassen und flüsterte ihm ins Ohr, doch so, daß alle es hören konnten: „Meier, weißt du, wie du ißt und trinkst?" „Nun. mit dem Munde," erwiderte dieser. „Und kannst du mir sagen, mit was ein blinder Esel ißt und trinkt?" Meier erkannte jetzt den Witz, daß er sich selbst blamiert hatte: er knirschte mit den Zähnen, was aber von dem lauten Gelächter aller Anwesenden übertönt wurde." Ellen hatte bisher schweigend zugehört, konnte aber jetzt ein leises Lächeln nicht unterdrücken. „Dennoch," fuhr Klaßner mit mehr Ernst fort, „glaube nicht, Liebling, daß wir unsere Zeit nrit solchen abgedroschenen Witzchen vertrödeln. Es wurden auch viele ernste Sachen behandelt. Auf meinen Antrag wurde auch beschlossen, unser Gotteshaus noch vor den heiligen Festtagen einer gründlichen Neuovation zu unterziehen, deren es sehr nötig bedarf. Das ist ja auch der Grund, daß ich dich noch nicht dahin geführt, ach wollte, daß du deine künftige Andachtsstätte im schönsten. Glanze sehen sollst." „Dafür danke ich dir, Geliebter." sprach sie nachdenkend. . Das war sehr aufmerksam von dir." „Kind, mir fällt jetzt ein, daß sich an der einen Wand eine ouschrift befindet. . . . Aber, nein, ich sage es dir nicht. Es 'oll für dich eine Ueberraschung sein. Von deinem Platze aus wirst du es gut sehen können." Sie sah ihn fragend an, ohne die Frage in Worte zu kleiden. Sie war auch gar nicht neugierig. Es wurde ihr auch jetzt klar, daß sie seinen Erzählungen doch nur mit erkünsteltem Interesse gefolgt war. Seine Begeisterung für sein neues Arbeitsgebiet hatte auch nicht einen einzigen Funken der Teilnahme in ihr wachgerufen, während sie doch eine > sprühende Flamme hätte erwarten müssen. Sie war darüber verstimmt und verdrossen. Sie hatte wohl die komischen Vorfälle dort pflichtschuldig belächelt, doch nur um ihn zum Weitersprechen zu veranlassen, damit sie ungestört ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Das schien ihr jetzt seltsam und befremdlich. Noch befremdlicher aber war 'es, daß sie später bis zu den ersten Morgenstunden schlaflos auf ihrem Lager sich gewälzt, ohne aber mit ihrem Nachgrübeln fertig geworden zu sein. Sie konnte es nicht begreifen, daß ihre Teilnahmlosigkeit eine so vollständige war, daß sie nicht einmal Gelegenheit gesucht, von ihrem Zusammentreffen mit Strömer zu berichten. Auch den Vorgang mit ihrer Schwiegermutter hatte sie zu erzählen vergessen. Das eine hätte ihm Freude, das andere Unmut bereitet. Da sie ihm aber weder das eine noch das andere berichtet, glaubte sie ihm nichts schuldig geblleben zu sein. Dann aber rang sie verzweifelt die Hände, daß sie so schlecht war, vor ihrem Gatten ein — nein — sogar zwei Geheimnisse zu haben. 3. Buch. Die Christin. 14. Der Sommer ging zu Ende. Als Klaßner an einem Morgen sich nach der Redaktion begab, erblickte er in den gelben, raschelnden Baumblättern zu seinen Füßen ldas erste Anzeichen des bevorstehenden Herbstes. Doch diesmal löste dieser Anblick keine wehmütigen Empfindungen in ihm aus, wie es sonst alljährlich der Fall war. Es beflügelte vielmehr seine Schritte, da er daran dachte, daß die Natur wohl auf Welken und Vergehen hindeute, ihm aber stand eine reiche Ernte bevor. All die vergangenen Wochen hatte er unermüdlich geschafft und aearbeitet. jetzt aber war das Werk vollbracht, das ihm reiche Früchte eintragen sollte. Er wußte, daß sein Buch einen literarischen Erfolg bedeuten werde, aber auch in finanzieller Hinsicht hoffte er auf ein günstiges Resultat, so daß auck seine bäuslichen Verhältnisse sich bester gestalten würden. Bisher hatte er mit seiner Frau still und ruhig, gelebt, und das Buch hatte ihr beider ganzes Denken in Anspruch genommen. Sie macksten keine Besuche und empfingen auch keine. Alice Mahlow war wieder aufs Land gegangen und das Dumontscbe Ehepaar hatte eine längere Reise angetreten, von der es erst gestern zurückgekehrt war. Als der Onkel Ellen diese Absicht vorher mitgeteilt hatte, fürchtete sie, daß diese ungewohnte Lebensweise für die alten Leutchen, die sich bisher kaum ans der Stadt herausgewagt hatten, doch vielleickst nachteilig werden könnte. Sicherlich war für ein solches Wagnis nicht das Bedürfnis einer Erholung, sondern waren andere triftige Gründe vorhanden. Was diese Gründe sein mochten, wollte Ellen gar nickst erst zu erraten suchen, und um gar nicht daran zu denken, hatte sie sich unablässig mit der Arbeit ihres Mannes beschäftigt. In diesem Vorhaben wurde sie auch noch durch die Unterredung mit dem Vikar bestärkt, der ihr, trotz aller gegenteiligen Versuche, beständig als Warnung, als Schreckgespenst vor Augen schwebte. Was sie eigentlich von ihm zu fürchten hatte, wollte sie ebenfalls nicht untersuchen: sie hatte schon genug unter der Vorstellung gelitten, daß jener ihr doch im Hintergründe auflauere, um diese noch gar eine bestimmte Form annehmen zu lassen. Sie war auf ihrer Hut und glaubte das beste Abwehrmittel in der Arbeit zu finden. Nach und nach war es ihr auch gelungen, all ihre Gedanken Klaßners Buch zuzuwenden und ihre eigenen Interessen den seinen unterzuordnen. Wohl kam ihr oft zum Bewußtsein, daß ihr dabei ihre ganze Individualität, aus die sie stets so stolz gewesen, in die Brüche ging, daß sie dadurch ihre eigene Geisteskraft einschläfere. Aber sie fürchtete noch einen größeren Verlust durch das Erwachen zu erleiden. Dennoch stieg oft die ängstliche Frage in ihr auf, was wohl geschehen sollte.

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