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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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512 oder irdischer Vorteile willen zu bekennen. In seinen Schriften aber steht geschrieben: „Er war der größte Mensch, der je über diese arme Erde gewandert ist." Sein Glaube an Gott war unerschütterlich. Für die Atheisten hatte er nur Spott. Wie oft hat er von ihnen gesagt: „Warum hassen sie den lieben Gott, wenn es keinen gibt" — nach ihrer Ueberzeugung. Als nach dem Tode eines mir sehr Teuren alles in mir ins Wanken geraten war und ich ihm schrieb: „Es kann keinen Gott geben, diese Leiden könnte er nicht erlaubt haben," antwortete er mir voll Entsetzen, drs sei furchtbar, was ich ihm da geschrieben habe. Den Glauben an Gott verlieren, schien ihm größtes Unglück. Und in seinen letzten LebenStagen, als sein Geist schon von den Fittigen des Todes beschattet war, fragte er mich: „Glaubst du an Gott?" und meine Bejahung brachte einen Abglanz des Friedens über sein schmerzdurchfurchtes Antlitz. Ruhe sanft, ruhe sanft! Ich will nicht klagen, daß du so früh dahingegangen bist; denn diese Zeit der Roheit und des Treubruchs widerspricht allem, wofür du gekämpft hast. Deinen Glauben freilich hätte auch sie nicht zerbrechen können. Jedem das Seinigr. 17. Forts.) Roman von M. Pulvermann. rau Klaßner, Sie brauchen. sich nicht zu entschuldigen!" es klang erregt und bitter, ob er sich auch Mühe gab, es zu verbergen. „Sicherlich ist es mir nur so ergangen, wie ich es verdiene. Vielleicht müßte ich Ihnen noch danken, daß Sie mich noch zur rechten Zeit in meine Grenzen gewiesen, um meinen Stolz zu beugen und zu demütigen. Gott allein weiß es, wie lange ich sonst noch im Finstern herumgetappt hätte." „Herr Strömer, ich glaube, daß Sie zu schwarz sehen aus das, was in der Vergangenheit liegt," widersprach sie sanft. „Gewiß, gewiß!" sprach er schnell. „Ich werde Entschädigung finden, indem ich hoffnungsvoll auf den heutigen Abend zurückblicken kann." „Auf den heutigen Abend?" fragte sie verständnislos. „Jawohl, weil ich Ihnen unter Umständen begegnet bin, die mich zu der Hoffnung auf die Zukunft berechtigen." Seine Stimme hatte jetzt einen freudigen, einen jubelnden Unterton. „Ich bin so kühn, unser heutiges Zusammentreffen als eine Gottesfügung zu betrachten. Vielleicht haben Sie endlich den Sinn des Sprichwortes erfaßt, mit dem ich Sie vorhin begrüßte." Ein unheimliches Feuer flackerte in seinen Augen, das er vergeblich durch lächelnde Lippen zu dämpfen suchte. Er sah sie fest au, allein der Blick, der ihn aus ihren tiefen Augen traf, zeigte nur ihre fortgesetzte Verständnislosigkeit. Er hatte Mitleid mit ihr und fuhr etwas milder fort: „Ihre Frau Tante sagte mir, daß sie bei den wenigen Besuchen, die sie Ihnen seit Ihrer Verheiratung gemacht, gar wohl bemerkt habe, daß Sie sich Ihrem neuen Glauben mit Herz und Seele ergeben haben. Heute hingegen treffe ich Sie voller Andacht bei einem christlichen Gottesdienst! Meine theologischen Kenntnisse aber gehen nicht so weit, um jenes Kirchenlied, das Sie mit so voller Begeisterung und Hingebung eben gesungen, mit dem synagogalen Gebetbuch in Einklang zu bringen." „Ich weiß wirklich nicht, warum Sie mich so quälen. Es war doch nur die Macht, der Gewohnheit, die mich fortgerissen, daß ich das Lied gesungen." Er ließ einen Laut hören, der alles bedeuten konnte: Jubel, Hoffnung und Stolz. Dann aber sah sie deutlich, wie er in sich zusammensank; nicht aber wie ein Besiegter, sondern wie jemand, der eine gewaltsame Anstrengung macht, um alle innere Kraft für eine Aufgabe zusammenzuraffen, die sich vielleicht doch als zu gewaltig und schwer erweisen werde. —— „Gut. Nehmen wir an, es wäre Macht der Gewohnheit," sprach er heiser. „Sie wollen damit gewiß sagen, daß die früheren Instinkte wiedererwacht und neue aufgelebt find. Liegt aber da nicht der Gedanke nahe, daß diese Instinkte überhaupt niemals sterben können?" „Darüber will ich überhaupt gar nicht Nachdenken", sprach sie sich aufrichtend, um fest auf ihren Füßen zu bleiben. „Ich weiß überhaupt gar nicht, was Sie >damit meinen. Ich weiß auch nicht, ob ihre Argumente, die nur. aus Einbildung beruhen. Sie zu einer solchen Sprache mir gegenüber berechtigen!" „Meine Einbildung!" sprach er langsam, ohne sich durch ihren Unmut einschüchtern zu lassen. „Meine Einbildung hat mich vielleicht hingerissen, einen Augenblick den Anstand und die Höflichkeit zu vergessen, die ja auch bei einer Meinungsverschiedenheit ihr Recht beansprucht. Aber der Zweck, den ich verfolge, entschuldigt mich in meinen Augen und ermutigt mich, in meinen Bemühungen fortzusahren. Denn, Ellen, ich will Sie wieder für uns zurückgewinnen, und wenn Sie mir nur ein einziges Haar ihres Scheitels darreichen!. Mehr brauche ich nicht, denn durch die Hilfe unseres Heilands wird es sich zu einem starken Seil gestalten, das Sie unzerreißbar feschalten wird." Er unterbrach sich, als er ihr spöttisches Lächeln wahrnahm. Er verabschiedete sich. Ellen schritt heim. Als sie in die Nähe ihres Hauses kam, eilte ihr Klaßner mit dem frohen Ruf entgegen: „Kommst du endlich zurück, kleiner Flattergeist?" „Hast du schon lange auf mich gewartet?" war ihre Gegenfrage. „Kleine Frau, nicht aufregen!" lachte er weiter. „Wie lauge ich gewartet? Gerade solange, um eine Rute für dich zu besorgen. Um aber ganz genau zu sein, will ich dir sagen, daß ich drei und eine halbe Minute gewartet, die aber für mich drei und eine halbe Ewigkeiten waren. Und da ich von der Mutter erfahren, daß es meinem angetrauten Eheweibchen gefallen hat, ein bißchen im Freien herumzustrolchen, hielt ich es für meine unabweisbare Pflicht, dem Strolch entgegenzugehen. Jetzt aber wollen wir gemeinsam eine weitere Pflicht erfüllen und Abendbrot essen, das, wie ich mich durch den Augenschein überzeugt) längst fertig istl" Bei diesen Worten legte er den Arm um ihren Hals und führte sie ins Haus. Sie folgte ihm anscheinend ganz willig, doch mit einem inneren Zögern. ES fiel ihr ein, daß sie noch gar nicht daran gedacht, wie sie ihm das Zusammentreffen mit Strömer Mitteilen sollte. Dann aber war sie froh, daß sie es nicht getan, denn dadurch würde sie es zu einem wichtigen Ereignis gestempelt haben, das einer überlegten und geschickten Behandlung bedürfe. Und gerade das zu 'vermeiden, war sie fest entschlossen. Sie würde es nur gelegentlich erwähnen, wie irgend etwas ganz Nebensächliches. Eine Gelegenheit dazu werde sich wohl bald bieten., wenn auch nicht gerade heute. Die Unterhaltung während der Mahlzeit gestaltete sich etwas einseitig zu einem Selbstgespräch, das Klaßner führte. Die fröhliche Stimmung, mit der er sie begrüßt, hatte ihn auch jetzt nicht verlassen, und in launiger Weise erzählte er die Vorgänge bei der Sitzung, daß alle feine Anträge angenommen wurden, und schließlich auch noch einen lustigen Vorfall, den der rote Salomon herbeigeführt. Unter anderem war nämlich auch zur Sprache gekommen, daß die jüdische Gemeinde im Westend-Viertel darüber beraten

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