Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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511 Anstalt wirkenden Leiter. Ich kann dieses Wirken nicht besser zeichnen, als es der Verifasser des Berichtes mit den Worten tut: „Das Mustergültige, wenn es «aufrichtig als solches angesehen wird, hat doch nur deshalb erstehen können, weil Leitung und Verwaltung während der ganzen Vierteljahrlmndevtsarbeit restlos einig waren in Ziel, Absicht und Weg. Nie hat ein Schatten das Arbeitsverhältnis getrübt, vollstes Vertrauen hat uns verbunden zur Wohltat für die Angehörigen der Kinder, zum Nutzen für diese selbst und für die menschliche Gesellschaft." Oder wenn der Verfasser die Palme dem Vorsitzenden überläßt, indem er sagt: „Dank der unausgesetztenhervorragenden Werbearbeit des jetzigen Vorsitzenden HerrnJustizrat Berger und dank seinem feinen Verständnis für die Anforderungen der Zeit besitzen wir heute die Errungenschaften, die ein Zeugnis sind für die Daseinsberechtigung des Hauses." Diese schönen Erfolge sind aber doch nicht zuletzt das persönliche Verdienst des Waisenhausdirektors Herrn Katz und seiner Gattin, die in voller Hingabe an ihren Berus in der Sorge für die heimatlosen Kinder aufgehen und ihnen die warme Atmosphäre schaffen, in der die guten Keime der Kindesseele allein gedeihen können. Nirgends sah ich die höchste Kunst der Pädagogik so meisterhaft anwenden wie hier: das Grste und Edle zum Selbstverständlichen machen, das allein geübt wird. Verhüten, daß böse Triebe im Kinde mächtig werden. Dieses Ziel erreichen nur die wirklich berufenen, begnadeten Erzieher. Daß ein solcher Erzieher hier an dem rechten Platze wirkt, ist eine Fügung Gottes zum Segen der Aermsten unter den Armen. Möge der Dank der Kinder und die reiche Anerkennung des Verbandsvorstandes sie trösten in ihrem frischen Schmerz über den Verlust ihres jüngsten Sohnes, der für das Vaterland siel, und mögen edle Menschenfreunde und Freunde der jüdischen Sache in Oberschlesien weiter daran helfen, daß dieses Werk reinsten Edelsinnes wachse und bestehen bleibe, in immer weitere Kreise seinen Segen verbreitend! Karl Lmil Franzos. Ein Gedenkblatt zum 25. Oktober 1918. Von Ottilie Franzos. 3eder Mensch ist ein Einsamer; um so mehr ist er es, je höher sein Geist, je tiefer sein Gemütsleben. Der einfache Mensch mit einfachem Denken und Empfinden wird eher Anschluß finden können als der, der forscht und grübelt. Was den Menschen vom Menschen scheidet, ist mancherlei. Das Wort ist zu schwach, uw den Gedanken ganz auszuschöpfen. Wie wäre sonst nach den Größten so viel Deuterer und Auslegen! Jedes Hirn ist anders geformt, anders spiegelt sich in jedem die Welt; darum wird das eine nie ganz erfassen, wie das andere denkt. So wie eine Sprache nie die andere deckt, eine Uebersetzung nie genau den Sinn der Urschrift wiedergibt, weil der Geist einer jeden Sprache ein anderer ist, so wie jede Gesellschaftsklasse von der anderen unverstandene Normen hat, so wie jedes Volk sich von dem andern unterscheidet, so ist auch der einjelne Mensch ein Glied in der Kette, mit den anderen verschlungen; doch ein Ring für sich, fest in sich geschlossen, ohne Anfang und Ende, ohne Spalt, in den Fremdes eindringen könnte. Und gehen zwei noch so innig verbunden durch Jahrzehnte miteinander einher, immer bleibt eine Scheidewand zwischen ihnen, immer gibt es Dinge, die zu offenbaren das Wort versagt, die Keuschheit der Seele sich wehrt. Am dichtesten ist das Verhältnis zum Ueberirdischen, der Glaube verschlossen, den jeder als sein eigenstes Eigentum je zarter in sich birgt, je mehr er ihm ist oder je heißer er mit ihm ringt. Siebenundzwanzig Jahre bin ich in Freud und Leid mit Karl Emil Franzos geschritten. Vom 28. Januar 1877, an dem der berühmte Prediger Dr. Jellinek mich ihm in der alten Wiener Synagoge angetraut hat, bis zum 28. Januar 1904, wo in derselben Spätnachmittagsstunde, die uns einst vereinigt hatte, fein früher Tod in Berlin das Band zerriß. Denn nur 55 Jahre alt ist er geworden, schwer und mühsam ist sein Tag gewesen, doch hat es ihm an Sonne nicht gefehlt. Arbeit hat er für eine Lebenslänge getan, wie sie ihm nicht beschieden war. Hart hat er in seiner Jugend die karge Notdurft erworben und erst seiner erkaltenden Hand ist sein „geflügeltes Werkzeug" entglitten. Niemand -hat es wohl gegeben, den er so tief in seine Seele hat blicken lassen wie mich, und doch sprach er in aller Zeit kaum einmal von seinem Glauben. Daß Karl Emil Franzos seiner Konfession treu geblieben ist, so stark die Versuchung war, sie fahren zu lassen, zuerst, um sich dem Berufe widmen zu können, auf den ihn seine Begabung hinzuweisen schien: der Philologie, später, um in der Juristerei, der er sich zuaewandt hatte, vorwärts zu kommen, hat er in seiner „Geschichte des Erstlingswerks" erzählt. Der Kampf einer heißen Jugendliebe gegenüber ist ihm erspart geblieben, denn die junge österreichische Adelige, die sie glühend geteilt hat, ist ins Jenseits hinübergeglitten, lange bevor von einer Vereinigung hätte die Rede sein können. Fest steht aber meine Ueberzeugnng, daß Leidenschaft ebensowenig wie Beruf ihn zu einem Bekenntnis geführt hätte, das nicht das seiner Seele Uhu*. Dabei war er in einem von allem Ritus freien Hause ausgewachsen. Sein Vater hatte mit der Bildung des Westens auch aller Formen ledige religiöse Anschauungen heimgebracht. Erst viel -später, lange nach dem Tode des Gatten, lange nachdem der Sohn in eben denselben Westen hinausgezogen war, ist die Mutter zu den Gebräuchen des orthodoxen Judentums zurückgekehrt. In mir bekam Karl Emil eine Frau, die außer zu Trauungen nie die Synagoge betreten hatte, die wohl jedes Jahr mit angesehen hatte, wie ihre Mutter am Jom Kippur fastete und wie zu Pessach Osterbrote ins Haus gebracht wurden — diese freilich mußten sich mit der alltäglichen gesäuerten Kost vertragen —, sonst aber kaum etwas von ihrer Konfession erfahren hatte, als was ihr zu vier obligaten Prüfungen eingedrillt worden und längst wieder vergessen war. Ein Sederabeud. den wir beide, bevor wir Wien verließen, in einem angesehenen Hause mitmachten, war für mich der erste, den ich je gesehen, für Karl Emil wohl nicht der sehr vielte. Darum hat es mich in Erstaunen gesetzt und erschüttert, in seinem Nachlaß eine Aufzeichnung zu finden, daß Zweifel ihn quälten, ob es recht sei, daß er nie die Synagoge besuche, keinen der Gebräuche des Judentums mitmache. Das waren offenbar doch Nach'klänge aus seiner Jugendheimat. Von diesen Bedenken habe ich in den ganzen 27 Jahren keine Ahnung gehabt. Karl Emil hatte als Knabe in Czortkow die Klosterschule besucht, war dort seines Judentums wegen von einem der Paters beschimpft worden — eine kleine Narbe an seiner Stirne zeigte bis zu seinem Ende, wohin ihn das messingbeschlagene Lineal des Wohl halb Trunkenen getroffen. Er hatte in seinem Heimatstädtchen auch sonst viel Verunglimpfung der Christen gegen die Juden gesehen. Sein Vater, sein jüdischer Religionslehrer aber erzogen ihn zur Milde: „Verzeih ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!" Das war die Weisheit, die er von ihnen erfuhr. In keinem Augenblick seines Lebens hat Karl Emil auch nur der Gedanke gestreift, Christus für Gottes Sohn zu halten, sich zu ihm um himmlischer Dinge