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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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510 verlumpte Adlige, kokette und verbuhlte Jüdinnen treten aus; das Leben in den Berliner Salons — wie sehr sind sie von den heutigen verschieden —, Radauversammlungen werden geschildert, wüste gesinnungslose Gesellen, die schamlos von Erpressung und Schwindel leben, stehen neben vortrefflichen Adligen, gemeine Frauenzimmer nebey engelsgleichen Mädchen. Wenn eine der dargestellten Jüdinnen ein schamloses, Pflichtvergessenes Weib ist, so ist die andere ein Muster der Entsagung und des Edelmuts. Der Autor operiert mit ziemlich verbrauchten Mitteln und gibt leider ziemlich oft ein recht schlechtes Muster eines unerfreulichen Sensationsromans. So viele feine Züge auch der Wirklichkeit abgelauscht sind, so muß man doch sagen: Solch gemeine Wucherer wie den alten Feigelbaum gibt es ebensowenig wie solch völlig verkümmerte, niederträchtige Adlige wie Kurt von der Egge, und auch eine Heldin der Entsagung wie Emma, die Tochter des erwähnten Wucherers, ist in der Wirklichkeit undenkbar. Trotz solcher Ausstellungen, die erheblich vermehrt werden könnten, muß man dem Autor hohes Lob zollen wegen der Schilderung des Hauptcharakters, eines jüdischen Arztes, Heinrich Wolfs. In diesem steckt viel von dem jungen Maüthner. Das Judentum, die religiöse Entwickelung dieses Romanhelden ist die Manchners selbst. Wie er, der eigentlich aus dem Judentum Herausgewachsene, das Aufkommen des Antisemitismus als >eine furchtbare Qual empfindet, wie er,Hdem entschlossen, um seine christliche Geliebte zu heiraten, auch offiziell dem Judentum zu entsagen und das Christentum anzunehmen, es nun nicht über sich bringt, diesen Schritt zu tun und lieber der Geliebten entsagt, ist Ebenso meisterhaft geschildert wie die ganze Entwickelung der Hochflut des Antisemitismus. Wiederum muß man aber dieses Entzücken dämpfen und gestehen: Die Lösung des Romans ist Platt und willkürlich. Der Tod der Geliebten, Elemente, ist durchaus zufällig und romanhaft; die Art, wie Heinrich sich im Duell von einem erbärmlichen christlichen Gegner. totschießen läßt, bietet zwar einen Schluß, darf, aber nicht als ein begründetes Ende bezeichnet werden. Wir Aelteren, die das Entstehen des Antisemitismus erlebt haben, wir haben darunter gelitten, dagegen gekämpft, wir sind aufrechte Juden geblieben, und wir haben durch unser Tun und durch unser ganzes Leben die Gegner einigermaßen zum Schweigen gebracht. So wenig wir daher die zionistischen Dramen und Romane billigen können, die ihre Helden, da sie sich von den Deutschen ausgestoßen wähnen, Zionisten werden lassen, sie zur Abwendung vom deutschen Wesen und zu Trägern eines neuen jüdischen Volkstums stempeln, so wenig können wir mit diesem Romanhelden sympathisieren, der sich der Pistole eines notorischen Lumpen stellt und sich von diesem niederknallen läßt. Er scheint uns nur den Spruch zuzurusen, den Goeche seinem Werther in den Mund legt: „Sei ein Held und folge mir nicht nach." Ms einen wirklichen Helden achten wir nur den, der den Kampf zu Ende führt, sich durch nichts von der Wahrheit seiner Ueberzeugung abbringen läßt und als das Vorbild eines aufrechten deutschen Juden sortlebt. Und doch soll es Fritz Mauthner gedankt ieiit7'i>aj3l!r einen solchen Charakter wie Heinrich Wolfs geschaffen hat. Ist der Verfasser auch selbst aus dem Judentum geschieden — dieser Roman gibt ihm—wie hier törichten Anrempeleien gegenüber, auf die ich im einzelnen nicht antworte, ein für allemal festgestellt werden soll — ein Anrecht darauf, in einem jüdischen Blatte mit der chm gebührenden Anerkennung und Achtung genannt zu werden. 25 Jahre Wailenpklegk des Synsssgmskmkmdr-Vrrbandrs im Nemerunssbesirk Oppeln. Von H. Wasner. m 29. Oktober begeht das Israelitische Waisenhaus in Rybnik (O.-S.) die Feier seines 25jährigen Bestehens. Eine Würdigung der in diesem Zeitabschnitt für die Allgemeinheit des Judentums in Oberschlesien geleisteten Arbeit ist insofern von Interesse, als dieses Waisenhaus die einzige derartige Anstalt in Deutschland ist, die — ohne völlig gesicherte materielle Grundlage — von einem Shnagogengemeindererbande trotz aller Erschwernisse der Gegenwart erhalten wird, unendlichen Segen gestiftet hat und nach dem Urteil sachkundiger Kritiker Mustergültiges leistet. DaS Waisenhaus, ein, roteS, zweistöckiges Gebäude, liegt auf einem drei Morgen großen Grundstück, umgeben von einem Ziergarten und einem Nutzgarten, und ist in seine»: Innern den modernsten hygienischen Anforderungen entsprechend eingerichtet. Alles Kasernenhaste ist vermieden; im* Räume, in denen das Leben der Kinder sich abspielt, machen einen wohltuend behaglichen Eindruck. Zurzeit sind 26 Kinder im Waisenhause untergebracht, darunter befinden sich außer Voll- und Halbwaisen auch solche Kinder, die noch ihre Eltern haben, deren häusliche Verhältnisse aber in gesundhenlicher und moralischer Hinsicht eine Verpflanzung des Kindes in einwandfreie Verhältnisse nötig machten. In körperlicher Hinsicht machen die Kinder einen anfallend guten Eindruck, zurückz-uführen auf sorgfältigste konsequente Pflege durch Bäder, tägliche Ganzwaschungen, regelmäßiges Gesundheit:' turnen, Waldwanderungen und — trotz der Kriegsverhäitnisse — reichliche und kräftige Ernährung. Der allgemeine Gesundheitszustand ist sehr gut; von 60 früheren Zögliugru sind 52 zum Militärdienst tauglich befunden worden, ein Ergebnis, das als besonders günstig erscheint, wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl der Kinder in, wenig erfreulichem, oft kränklichem Zustand eingeliefert wird. Die Anstalt steht unter der regelmäßigen Aussicht des Kreisarztes. Wohltuender noch als die günstigen äußeren Lebcnsbedi»- gungen der Kinder berühren der lebhafte, tätige, frohe und dabei ernst-sittliche Geist, der in dem Hause herrscht, die Art des Umgangs, die sich dem Familienleben in glücklicher Weise nähert. Während die Kinder am Vormittag die Volksschule bzw. das Gymnasium besuchen, erhalten sie am Nachmittag Handfertigkeitsunterricht, Unterweisung in Stenographie und Schreibmaschine oder leisten leichte Arbeit im Garten, die Mädchen im Haushalt, doch stets so, daß jede Ueberbürdnng vermieden wird und die Kinder den Wert der Arbeit schätzen lernen, sich eine größere Geschicklichkeit aneignen und ein Gegengewicht gegen die geistige Anstrengung in der Schule gegeben ist. Ehrfurcht vor allem, was mit der Religion i» Zusammenhang steht, gesetzestreue Begehung der Sterbetage von Familienangehörigen und Stiftern', Teilnahme am öffentlicheni Gottesdienst und gemeinsames Gebet sind die Grundlagen der religiösen Erziehung zur Treue gegen den Glauben der Väter. Me gute Arbeit die Anstalt leistet, beweist am besten die Lebensführung der 137 entlassenen Zöglinge, benrn von ihren Lehrherren die besten Zeugnisse ausgestellt wurden. Der anläßlich des Jubeltages veröffentlichte Bericht der Waisenhauses läßt bei aller Bescheidenheit der Verwaltung und Leitung doch erkennen, -daß viel der Eintracht des Wirkens zweier Männer zu verdanken ist: dem seit sieben Jahren an der Spitze der Verwaltung stehenden Vorsitzenden des Verbandes und des Waisenhauskuratoriums Herrn Justiz"! Berger in Königshütte und dem seit fast 25 Jahren an tcr

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