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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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509 mit Gegengründen; ich verwarf die Gegengründe. Herr Adler weinte beinahe, als er erwiderte: „Wer seinen Gott im Herzen trägt, der zweifelt gar nicht an der Kraft dieser schönen alten Beweise. Du glaubst nicht und darum ist der ganze Unterricht wertlos." Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Ich kam nicht wieder. Zwei meiner jüdischen Mitschüler, als sie erst sahen, daß keine Zwangsmaßregeln gegen mich ausgeübt wurden, folgten meinem Beispiel." Für eine Charakteristik Mauthners genügt selbstverständlich nicht der Hinweis auf seine Jugendzeit und deren durch den Autor selbst versuchte Schilderung. Ueberblickt man das ganze Leben des nun bald Siebzigjährigen (er ist am li: November 1849 geboren» verbrachte seine Jugendzeit in Prag, Jahrzehnte in Berlin und lebt seit langem in eifriaer schriftstellerischer Arbeit in Meersburg am Bodensee), so treten fünf verschiedene Teile hervor, die eine geradezu wunderbare Vielseitigkeit bezeugen, wie sie sonst in gleicher Weise wohl bei keinem anderen Schriftsteller anzutresfen ist. Diese fünf Zeiten sind: 1. das Parodistische, 2. die kritische, besonders auf Dramen bezügliche Tätigkeit, 3. die dichterische Arbeit, 4. und die sprachgeschichtlichen »nd philosophischen Werke. Mauthner, obgleich Autodidakt in theologischen und philosophischen Dingen — denn sein Studium, das er gleichfalls nicht zu einem akademischen Abschluß bringen wollte, war der Jurisprudenz gewidmet —, hat große sprachwissenschaftliche und philosophische Lchriften geschrieben. Ueber ihre Anfänge und über ihr Wesen gibt er eine gewisse Rechenschaft in der erw ahnten Autobiographie. Sie führen den Titel „Beiträge zu einer Kritik der Sprache", und zwar Band '''Ol,'" 2. ' Auflage 1906; LMDWMWMWUMM-pMUWK E M-W;- Fritz Mauthner. 1 „Sprache und Psychologie", Band 2 „Zur Sprachwissenschaft", 1901, 2. Auflage 1912; Band 3 ,,Zur Grammatik und Logik", 1902, 2. Auslage 1914. Das „Wörterbuch der Philosophie" erschien 1910 in zwei Bänden. Da ich kein Fachmann bin, so muß ich mich begnügen, auf diese stattlichen Bände, die einen großen, vielleicht >den wichtigsten Teil des Lebenswerks unseres Autors ausmachen, hinzuweisen, und darf nur erwähnen, daß diese Werke zwar viel bekämpft, doch warme Anerkennung seitens Berufener gefunden und einen großen Einfluß auch auf Nichtfachmänner ausgeübt haben. Für unseren Zweck ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß sich Mauthner mit besonderer Neigung Spinoza zugewendet hat, dem er 1906 ein besonderes Buch widmete und dessen Schriften er in der seit 1911 von ihm herausgegebenen „Bibliothek der Philosophie" eine besondere Abteilung gewidmet hat. In seinen Theaterkritiken führte Mauthner einen ehrlichen Kampf gegen Unbedeutendes und Veraltetes. Er war ein lebhafter, scharfer Rufer im Streit und muß als einer der talentvollsten Begründer der neueren dramatischen Richtung anerkannt werden. Da wir hier im wesentlichen dasjenige hervorzüheben und zu besprechen haben, was sich auf Jüdisches bezieht, so sei nur bemerkt, daß seine Zugehörigkeit zum Judentum ihn in keiner Weise blind macht für die Fehler jüdischer Autoren, und daß sie ihn in keiner Weise bestimmt, etwa nichtjüdische mit Abneigung zu beurteilen. Für unsere Zwecke jedoch muß es genügen, etwas ausführlicher von seinem parodistischen Hauptwerk und einem seiner Romane zu sprechen, jenem, weil es auch über einzelne deutsche Schriftsteller jüdischen Glaubens spricht, diesem, weil er eine Darstellung seiner religiösen Entwicklung gibt. In dem noch heute höchst amüsanten parodistischen Werke „Nach berühmten Mustern" steht die köstliche Satire auf Berthold Auerbach: „Die taufrische Armee"; in der Skizzenreihe „Von Keller bis Zola" ist eine sehr starke und wohl nicht immer gerechte Abrechnung mit Rudenberg zü finden. Unter den zahlreichen, kritischen, namentlich dramaturgischen Besprechungen Mauthners haben es viele auch mit jüdischen Autoren zu tun. Noch hat, soweit ich mich aus der Lektüre dieser Arbeiten, die in Ber liner Zeitungen erschienen sind, überzeugt habe, die Zugehörigkeit dieser Autoren zum Judentum Mauthners Urteil niemals beeinflußt und bestimmt, weder zu ihren Gunsten noch zu ihren Ungunsten. Unter den Romanen Mauthners soll hier nur einer: „Der neue Ahasver, Roman aus Jung-Berlin" der wohlseilen Ausgabe, 2. Auflage, Dresden und Leipzig, Heinrich Minden, 1882, besprochen werden, ein Werk, das kulturgeschichtlich schon wegen seiner prächtigen, auf den Antisemitismus bezüglichen Vorrede an Theodor Mommsen vom 21. Februar 1882 erwähnt werden müßte. Ich habe dieses merkwürdige Werk erst jetzt, 36^Jahre nach seinem Erscheinen, kennengelernt "und möchte mein Urteil dahin zusammenfassen: Es ist weder völlig zu verwerfen, noch unbedingt zu Preisen. Störend an diesem Ronran ist das Arbeiten mit konventionellen und verbrauchten Mitteln und Typen. Jüdische Wucherer, die dabei zärtliche Väter sind.

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