Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-25 · Heft 43 (25.10.1918) · p. Seite 508

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229382--74400-3286893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

508 siebziger, Jahre berichtet, aber um so charakteristischer ist, als es in eine Zeit einführt, in der jene wilden, seit Jahrzehnten andauernden Kämpfe zwischen Tschechen und Deutschen noch nicht existierten, und als er von einer Familie erzählt, die, obgleich alle ihr Mitglieder äußerlich dem Judentume angehörten, ihm innerlich entfremdet waren. Es kann nicht Zweck dieser Zeilen sein, eine ausführliche Kritik des Buches zu geben; hier mag, dem Zwecke unseres Blattes entsprechend, nur darauf hingewiesen werden, daß Mauthner sehr viel von dem merkwürdigen David Kuh in Prag, dem Leiter des „Tagesboten aus Böhmen", von einem jüdischen Verwandten, dem Buchhändler Tr. Friedländer in Berlin, von seinem Großvater (mütterlicherseits) zu berichten weiß, der der Sekte der Frankisten angehörte. Unter den von ihm charakterisierten Schriftstellern tritt der mit besonderer Vorliebe gezeichnete Seligmann Heller hervor, der in dieser Serie gleichfalls berücksichtigt werden soll. Eine der schönsten Stellen des ganzen Buches ist der Artikel über Berthold Auerbach, der zu Auerbachs 100. Geburtstag (28. Februar 1912) geschrieben ist und eine ungemein warmherzige Schilderung des Menschen Auerbach enthält. Viele der Werke Auerbachs, namentlich die großen Romane der späteren Zeit, gibt Mauthner preis. Aber die große Bedeutung der „Dorfgeschichten" trotz mancher Einwendungen im einzelnen hebt er hervor und stellt leider zu optimistisch ihre Wiederauferstehung in Aussicht. Darf man bei einer Autobiographie von einer Tendenz reden, so kann man als eine solche bezeichnen: den Kamps gegen das verrottete Schulsystem, wie es ehemals in Prag herrschte, gegen das öde Auswendiglernen, die Faulheit ^der Lehrer, ihre Unfähigkeit, den Wissensstoff den Schülern beizubrmgen und deren Erziehung zu befördern. Namentlich die Ntitteilungen über die jüdische Klippschule, die Mauthner drei Jahre lang besuchte, drei köstliche Jahre, die er als eine schmählich geraubte Zeit zu wiederholten Malen charakterisiert, sind von großem Interesse, von noch größerem seine Auseinanderletzungen über den jüdischen Religionsunterricht im Prager Gymnasium. Die letzteren, für deren Wahrheit man natürlich dem Verfasser die Verantwortung überlassen muß, mögen hier, zur Eharakteristlk einer glücklicherweise längst entschwundenen Zeit, folgen. „Der jüdische Religionsunterricht war durchaus grotesk. Der Lehrer war ohne Zweifel ein geduldiger und freundlicher Herr, der auf jüdische Art Hebräisch verstand. Aber er war in allen Dingen, welche nach unserer jungen Gymnasialweisheit die Bildung ausmachten, von einer so blühenden Umvisfenheit, daß er in unserer Achtung noch tief unter die schlimmsten Piaristen hinabsank. Der Hauptgrund unserer Verachtung war, daß er als Philologe an einem Gymnasium nicht Latein verstand, während wir doch schon monsu deklinieren konnten. In den höheren Klassen erfuhren wir dann, daß es chm wirklich au jeder höheren Kultur fehlte. Die anderen Lehrer betrachteten ihn nicht als ihren Kollegen, redeten ihn „Herr Adler" an und blickten mit doppeltem Hochmut auf ihn hinab; und wir jüdischen Schüler ahmten das Beispiel nach und waren sehr schlecht gegen ihn. Am liebsten quälten wir ihn mit dem Namen Jesu Christi. Es ging ihm gegen sein Gewissen oder gegen seinen Glauben, diesen Namen auszusprechen; und anstatt nach „Christi Geburt" zu rechnen, sagte er jedesmal: „vor oder nach der jetzt üblichen Zeitrechnung". Wir ließen es uns nicht nehmen, ebenso regelmäßig zu sagen: vor oder nach „Christi Geburt". Dann zeigte sich auf seinem guten runden Gesicht immer ein schmerzliches Lächeln, als ob er gezwickt worden wäre; aber er wagte es nicht, uns das Allssprechen des Namens zu verbieten. Der jüdische Unterricht sollte doppelt gegeben werden: in Religion und in hebräischer Sprache. Was wir als eigentlichen Religionsunterricht genossen, das war eine Affenschande. ein begabtes Kind binnen Monatsfrist ausnehmen kann, ungefähr den Lehrstoff von Luthers Kleinem Katechismus, ba* hatten wir acht Jahre lang wiederzukäuen. Es war schamlos, das. kleine Lehrburch achtzehnjährigen Burschen in die Hand zu zwingen; selbst die katholische Kirche verlangte von den Schülern kein solches Opfer an Intelligenz, da sie doch den Primanern recht viel Dogmengefchichte ausbürdete, also immerhin eine Fülle positiver Kenntnisse. Aber dieser ganze theoretische Religionsunterricht war ja auch nicht ernst gemeint; wir lernten so etwas wie eine abgestandene Verdünnung einer natürlichen Religion, der die zehn Gebote zugrunde gelegt waren. Die jüdische Religion hatte in Wirklichkeit nie etwas anderes verlangt als: „Lernen" der hebräischen Bibel. Um den Unterricht im Hebräischen stand es ganz andere als um irgendeinen anderen Lehrgegenstand. Unter den jüdischen Schülern waren nämlich ziemlich viele, die orthodoxen Familien angehörten und denen darum seit ihrer frühesten Jugend die hebräische Sprache eingebläut worden war. Das war ganz logisch vom Standpunkte der jüdischen Orthodoxie; der war und ist: Kenntnis der Bibel und des Talmuds sei die wahre Wissenschaft. Mir diesen Jungen nun, die übrigens bis auf zwei die schlimmsten Racker der Klasse waren, konnte der Lehrer nach Herzenslust die Bücher des Alten Testaments lesen, grammatische Schnitzeljagd treiben und sich so gar auf rabbinische Kommentare eintapen. Wir anderen, die wir bloß in der Schule und für die Schule Hebräisch gelernt hatten, standen in vergnügter Untätigkeit daneben. Ich für mein Teil konnte noch ungesähr ein Jahr lang folgen, solange ich nämlich meinen heimlichen und narrischen ^mmlven an Jehova aufrecht zu erhalten vermochte; mit meinem dilettantischen Katholizismus erhob sich aber in mir ein Haß gegen das Alte Testament und gegen die hebräische Sprache; meine allzu rasch eingetrichterten Keuuknisse versickerten und plötzlich war es aus mit ihnen. So bestand unser jüdischer Religionsunterricht aus zwei unzusammengehörigen Hälften: aus der moralisierenden Religionslehre, die für die Dümmsten unter uns zu dumm war, und aus einem Praktikum der semitischen Philologie, das manchem gelehrten Orientalisten noch Nüsse auszuknacken gegeben hätte. Da wir uns längst als jüdische Deutsche fühlten oder als deutsche Juden, gewöhnten wir uns mit den Jahren daran, an diesem Unterrichte so selten wie möglich teilzunehmen; um' erlangten eine Virtuosität darin, die Religionsstunde zu schwänzen und auch die „Exhorte", eine samstägliche lederne Predigt, die uns den Gottesdienst ersetzen sollte. Ich glaube versichern zu können, daß ich in den letzten zwei Gymnasialjahren den jüdischen Religionslehrer nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Mein kühner Entschluß, der Religionsstunde fernzubleiben. folgte aus eine drollige Disputation zwischen mir und dem guten Herrn Adler. Dieser hatte den Ehrgeiz, wirklich wie ein Hochschulprofessor mit den älteren Schülern zu verkehren, br führte eine Art von Kolloquium ein. Besonders wenn er die Beweise für das Dasein Gottes in den höheren Klassen zum letzten Male vortrug, hatte er es gern, daß die Schüler gegen diese alten scholastischen Gebäude ihre kindlichen Einwände vorbrachten. Ihm war es dann ein leichtes, durch die Sophismen, an denen durch Jahrhunderte die scharfsinnigsten Doktoren der katholischen Kirchen ihren Witz geübt hatten, die jungen Leute zum Schweigen zu bringen. An jenem Tage nun handelte es sich um den ehrwürdigen ontologischen Beweis. Ich wußte damals noch nichts über seine Geschichte, nichts von seiner Abfertigung durch Kant. Ich meldete mich aber durch Handaufheben und brachte, so gut ichs vermochte, meine Bedenken gegen die Logik dieses Beweises vor. Herr Adler tarn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.