Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229382--74399-3286892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
oö7 viirgerliche Rechte m allen- Ländern, wo Juden woihnen. Wir glaubenfest, daß die Unterdrückung dev Juden beendigt lvi-rddurch ein Wahlgesetz für die Konstituante. D-avon> hiänigt,es ab, obdie Politik der sJc ichtberücksich>tigung eines Zweimillionenv-Mes, das das staatliche Leben Polens miterlebte und unter -diemfelbew Druck glitten h-at, aufhöven soll. Der nationalistische „Moment" veröffssntlicht dazu» einen Beschluß, der Volkspantei, in dern die Juden aV die am meisten rechtlose und unterdrückte Nationfür sich das gleiche Selhstbestirmnungsrecht iui-e alle anderen Nationen fordern. Im wied-erhergestellten Polen verlangen die Juden für sich, die nati-onal-poliltische Autonomie. Bei den Wahlen zur Konstituante s,ei den Juden die nationale Kurie zu si-eniähren. In das Koali.tionsministe.rium sollen die Juden, Vertreter schicken. Das orthodoxe jüdische „Wort" befaßt sich in diesem Zusammenhang mit der zionistischen Anregung^ eine interparteiliche nationale Vertretung der Ju'denschaft zu. bilden, -ein Plan, d-en das Blatt ableh'nt, da -er im w,es>entlichen die Durchführung, nationaljüdischer Gedankenbezwecke. Auch läige darin >eine Nichtachtung der .Kompetenz der zu lvählenden n,eu>en Gerneiudeverwaltung, die j-a die erste jüdische Vertretung in Polen mit bestimmten Verpflichtungen sei-. Di-e von seiten der Assi-mi'lanten betrEbene Verschiebung des Wahltermins wird nach dem jüdischen „Wort" bestritten., indessen berichiten auch „Hajnt" und „Monrent", daß die Okkupationsbehörden die Entscheidung über den Wahjlterrnin der Gemeindeverwaltung anlienngestellt hätten. Während die Juden in anderen Ländern sich ein neues' nationales Leben zu schaffen bemüht sind, sollen sie in Deutschland von den Antisemiten aufs schärfste angegriffen werden. Mir hoffen zwar, daß die Umgestaltung der deutschen inneren Verhältnisse — bei der Gelegenheit wollen wir einen Irrtum berichten: Dr. David ist kein Jude — keinerlei Bedrängung und Zurücksetzung der Juden zulassen wird, wollen aber doch diesen neuen Angriff "erwähnen. - Die „Berliner Allgemeine Leitung" schreibt darüber sehr kräftig wie folgt; Revolution ge g-e n die I u d e n. General v. Gebsattels Diebestrick. Der General der Kavallerie Konstantin Frhr. v. Gebsattel, der bekannte Führer der Alldeutschen, der vor einigen Jahren Herrn v. Bethmann mit einer „Revolution von oben" gedroht hat, aber vor kurzem wieder einmal sein „burgfriedliches" Herz entdeckt hatte, schirrt gegenwärtig zu einem Kampf gegen die Juden. In einem Artikel in der „Deutschen Zeitung" macht er in erster V i nt-e die Juden für alte Vorkommnisse verantwortlich die den Alldeutschen nicht gefallen. Frhr. v. Gebsattel fordert auf, sich zum Unutpf gegen das Judentum und die unter jüdischem Einfluß stehenden Kreise „ohne Rücksicht auf alle sonstigen Meinungsverschiedenheiten 11tsaminenzuschließen und den heutigen Machthabern einen Block entgegeuzusetzen, an dem sie scheitern müsse". Das sei die höchste Forderung der Stunde. Frhr. v. Gebsattel schließt seinen Kampfruf gegen dos Judentum mit den Worten: „Wie immer die Dinge sich jetzt weiter entwickeln werden,: das s,ei festgehalten-, daß, dem Judentum der Judasdienst nicht vergessen werden darf, den es in solcher Zeit ou unserm Volke begangen hak." Herr v. Gebsattel befolgt hier, wie viele seiner Gesinnungsgenossen, die alte Taktik des Spitzbuben, der, um die Verfolger von sich abzulenken, „Haltet den Dieb" schreit. Auch er will in der jetzigen großen- Verlegenheit von sich und seinen Gesinnungsgenossen ablenken und dem Volke..als Sündenbock die Juden vorführen. An der inneren Absurdität wird der seine Plan scheitern. m Auch im „Völkerbund" soll das „jüdische Volk" vertreten sein. Wenigstens meldet das Jüdische Pressebureau in Stockholm: Zur Einladung der zionistischen Weltorganisation durch die englisch Gesandtschaft in Kopenhagen, zur Frage deS Anschlusses des jüdischen Volkes an die geplante Liga der Nationen sich zu äußern, schreibt der „Raswet", das Organ der russischen Zionisten: „Die offizielle Zuschrift der englischen Gesandtschaft an die zionistische Organisation bedeutet, daß England und wahrscheinlich auch seine Verbündeten es für möglich halten, das jüdische Volk in den Völkerbund aufzunehmen. Diese Anerkennung der Gleichberechtigung unseres Volkes auf dem Gebiete der internationalen Politik ist ein Ereignis von äußerordentttcher Wichtigkeit, ein Ereignis, dessen Kddeutung heute noch nicht vollständig gewürdigt werden Mn. Wir haben es hier mit einem neuen Schritt auf dem Wege zur Anerkennung der jüdischen Nation zu tun, dem zweiten nach der bekannten englischen Erklärung über Palästina. Die innere ideelle Verbindung zwischen beiden, politischen Erscheinungen liegt arvs der Hand, daß erst nach der vollständigen Anerkennung des Rechtes der Juden auf. ein eigenes Territorium und auf eine autonome politische Existenz von ihren Rechten auf dem Gebiete des internationalen Zusammenlebens die Rede sein konnte. Wir hüben jetzt eine höchst überzeugende Bestätigung dieses von den Zionisten wiederholt ausgesprochenen Gedankens, daß unsere Bemühungen um eine internationale Anerkennung der jüdischen Nation die Forderung nach einem nationalen Zentrum in Palästina zum Ausgangspunkt haben müssen." * Gegenüber solchen Anwürfen ist es gut, von einer Notiz Kenntnis zu nehmen, die wir dem stellvertretenden Syndikus des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verdanken. Sie hat den Wortlaut: „In Nr. 38 dieser Zeitschrift hat unter dem Titel „Sind wir gerüstet?" Herzberg aus Kassel die Frage an den Zentralverein gerichtet, ob das Judentum, insbesondere der Zentralverein, gegen die Angriffe der Antisemiten gerüstet ist, die auf dem Gebiete der Judenzählung, des Kriegswuchers, der Kriegsgesell'schasten, Drückebergereien usw. gegen die Juden erhoben werden. Diese Frage darf, soweit sie den Zentralverein angeht, mit ruhigem Gewissen 'bejaht werden. Der Zentralverein selbst hat allerdings nur einen kleinen Teil dieses ungeheuren Materials zu sammeln und zu verarbeiten übernommen. Vom Zentralverein wird nämlich lediglich das Material gesammelt und verarbeitet, welches sich auf unschönes Verhalten von Nichtjuden bezieht. Alles übrige wird von der Kommission für Kriegsstatistik, die aus den verschiedenen jüdischen Organisationen besteht, bearbeitet. Infolge verschiedener Rundschreiben, die der Zentralverein erlassen hat, ist Hann auch ein recht umfangreiches Material zusammengekommen. Dieses Material wird schon jetzt nach einem bestimmten Schema, das von einem unserer bekanntesten Statistiker entworfen ist, ausgearbeitet, so daß der Zentralverein sofort in 'der Lage ist, den Angriffen, die gegen das Judentum erhoben werden, entgegentreten zu können. Allerdings hofft der Zentralverein, daß eine Verwertung dieses Materials nicht nötig sein wird, aber gerüstet ist er." * Wir schließen diesen kurzen Bericht in ernstester trüber Stimmung. Die Zeit ist schwer, unsere Erwartung einer baldigen friedlichen Lösung gering. Wir wollen nicht aufhören, Vertrauen zu hegen, und werden versuchen, Mut zu behalten zum Weiterleben, zum Ertragen selbst schlimmerer Leiden. Deutschland kann, des sind -wir gewiß, nicht untergehen. Es wird sich, aus Leiden und Not, unter einer freiheitlichen Regierung zur Blüte und Kraft erheben. Dann wird auch uns Juden, die wir dem Werden eines jüdischen Reiches fremd und teilnahmslos 'gegenüberstehen, in unserem deutschen Vüterlande eine neue Zeit erstehen! Jüdische Denker und Dichter. Von Lndwig Geiger. 8. Fritz Mau ihn er. ritz Mauthner darf in dieser Reihe nicht fehlen, wenn er auch später aus dem Judentum ausgetreten ist, ohne einer anderen Kirche beizutveten. Der von ihm kürzlich erschienene erste Band der „Erinnerungen" (München, Georg Müller, 1918) ist ein anziehendes Buch, das freilich nur von seiner Jugendzeit, seinem Leben in .Prag bis in die Mitte der