Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
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506 Mittelchen bleibt Stückwerk und Flickwerk. Was uns not tut, ist eine Kantoren schule, meinetwegen ein Kantorens e m i n a r, wo auf Grund eines zielbewußten Lehrplanes alle diejenigen Fächer als Hauptfächer gelten und unterrichtet werden, die für die Ausbildung zum Kantor u n d ReligionAehrer erforderlich find. Was dann an Zeit übrig bleibt, kann und soll den Zwecken der Allgemeinbildung dienen. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle mit Einzelheiten hervorzutreten, gesagt werden kann aber heute schon, daß der Allgemeine Deutsche Kantorenverband imstande ist, das einschlägige Material herbeizuschaffen. Diese Kantorenschule würde in der Praxis zu dem heraüszukristallisieren sein, was man sich etwa unter einem auf bestimmte Verhältnisse zugeschnittenen Konservatorium in Verbindung mit einem Religionslehrer-Seminar denken könnte. Auf diese Weise wäre die Frage der „Zeit" gelöst und etwas Ganzes ins Auge gefaßt. Wie es aber dem Lehrerseminar an Zeit fehlt, um den gewünschten Kantor auszubilden, so fehlt es dem einzelnen an Kraft. Die Kantorenschrile verlangt deshalb einen Lehrkörper nach Maßgabe der daselbst vertretenen Unterrichtsgegenstände, ganz genau wie bei jedem anderen Studienbetrieb. Die Eignung zuin Mitglied eines solchen Lehrkörpers kann und darf nur persönliche Tüchtigkeit sein; nur die allerbesten Fachleute sind gut genug, um die zukünftige Ausbildung des Kantors — Religionslehrers — in die Hand zu nehmen. Und wenn dann die Frage entsteht, was mit den bisherigen Lehrerbildungsanstalten anzusangen sei, dann darf wohl ohne Uebertreibung gesagt werden, daß wir im Lause der Zeit mit Lehrerseminaren reich genug gesegnet worden sind, um für die Folge ein paar entbehren zu können. Von den übrigbleibenden genügt dann immer noch die Hälfte für die bisherigen Zwecke, die andere Hälfte soll in Kantorenschulen umgewandelt werden. Auf diese Weise werden die wenigen Lehrerseminare in Zukunft wieder bevölkert und von der immer aufs neue drohenden Gefahr, über kurz oder lang den Betrieb cinstellen zu müssen. befreit sein. Dann haben wir aber auch das, was wir brauchen; vor allen Dingen haben wir dann geeignete Bildungsstätten für Kantoren, die uns bisher gänzlich gefehlt haben. Und wenn einmal die Zeit gekommen sein wird, wo wir von den Erfolgen dieser Neuerung sprechen können, dann wird das d e u t s ch e Judentum den Ruhmestitel für sich in Anspruch nehmen dürfen, auch aüf dem Gebiete der Kantvrenausbildung bahnbrechend gelvesen zu sein. Sie Woche. Berlin, den 22. Oktober 1918. ic Antwort der deutschen Regierung an den Präsidenten Wilson ist abgegangen. Sie ist in würdigem, ruhigem Tone abgefttßt. Sie legt Verwahrung ein gegen den Vorwurf ungesetzlicher und unmenschlicher Handlungen. Sie bestreitet, daß Unterseeboote Rettungsboote absichtlich vernichtet hätten und schlägt zur Untersuchung eine neutrale Kommission vor. Sie teilt mit, daß den Unterseebooten Befehl erteilt worden sei, Passagierdampfer nicht anzugreifen. Sie erklärt ferner, daß die neue deutsche Regierung in völliger Übereinstimmung mit den Wünschen der Volksvertretung gebildet, daß die Verantwortung des Reichskanzlers sichergestellt und daß zur Entscheidung über Krieg und Frieden die Zustimmung der Volksvertretung notwendig sei. Tie Geroähr der Dauer dieses neuen Systems ruhe in dem unerschütterlichen Willen des deutschen Volkes. Daher gehe das Angebot des Waffenstillstandes von einer Regierung aus, die, frei von jedem willkürlichen und unverantwortlichen Einfluß, getragen werde von der Zustints mung der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes. Drese Erklärung, die viel zu lange hat auf sich warten Lassen, wird nicht völlig befriedigen. Sie ist nicht entschieden genug in der Abwehr der unerhörten Beschuldigungen, sie wendet fid) nicht mit Entrüstung gegen die himmelschreiende Ueberhebung, in die inneren- Verhältnisse des deutschen Volkes einzugreifen. Vor allem unterläßt sie, die Verantwortung für die Fortsetzung des blutigen Krieges, dieser wahnsinnigen Schlächterei, unter der andy die verbündeten Mächte furchtbar Leiden, einzig und allein unseren Feinden zuzuschreiben und sie vor diesem Verbrechen zu warnen. Aber wie auch die Erklärung abgefaßt ist, sie wird, wie wir fürdsten, nicht den geringsten Erfolg haben. Die Ententemächte |utb in ihrer Siegestrunkenheit so verblendet, daß sie eine Kapitulation auf Gnade und Ungnade verlangen, und Präsident Wilson selbst, wenn er, seinen früheren Ausführungen gemäß, einem Wassenstillstand geneigt wäre, dürste schwerlich die Macht haben, über seine Bundesgenossen zu gebieten. Aber wie wenig er auf dem früher von ihm eingenommenen Standpunkt veryarrt, hat er selbst kürzlich durch seine Anerkennung der £schecho-Slowaken gezeigt. Sv gehen wir einer traurigen Zukunft -entgegen.. Wir würden uns Herzlid) freuen, wenn wir uns in unseren düsteren Ahnungen irrten, und einen Wafsenstillstano mit Genugtuung willkommen heißen und jeden Frieden froh begrüßen, der vereinbar ist mit deutscher Ehre. m Tie blutigen Kämpfe dauern an; wir müssen gerüstet sein und bleiben. Das große Ereignis der Woche ist die Botsd)ast des Kaisers von Oesterreich, laut der das österreichisch-ungarische Kaisertum in eine Reihe Föderativstaaten verwandelt werden soll. Da wir Fragen allgemeiner Politik wesentlich dann besprechen, wenn ste and) jüdische Angelegenheiten berühren, ]o ist darauf hinzuweisen, daß bedauerlid)erweise die Juden Oesterreichs aus dieser Verwandlung Anlaß nehmen, als Station anerkannt zu werden. So lesen wir: Das ü d st be st i m m uu g s r echt der Wiener Juden. Die Wiener Blätter melden: Gestern fand eine Massenversammlung der Fudeu Wiens mit der Tagesordnung statt: „Das jüdische Voll und der ariedell". Gs würbe eine Entschließung gefaßt, in der das jüdische Bolt Auerteuuung äls gleichberechtigte Nation in der Gemeinschaft der Völler, Auerrcmmng, einer Vertretung beim allgemeinen Friedenskongreß, eine nationale Heimstätte in Palästina, nationale Rechte in allen Ländern, wo Inden leben, fordert. Die jüdische Nation in Oesterreich verlangt Zuziehung beim Ausbau des Staates. Ferner heißt es: W i e n, 17. Oktober. Ntinisterpräsident Hussa ret empfing die Abgeordneten Reizes und Breiter, die ihm die Frage vor legten, was aus den 600 000 Juden aus Galizien werden solle. Der Ntinisterpräsident antwortete, daß die Frage wohl im Zusammienhaug mi-t der Gründung eines jüdischen Königreiches in Palästina gelöst werden könne. T-ie Abgeordneten erklärten sich von dieser Antwort nicht befriedigt und teilten dem Ministerpräfidenten mit, daß die ostgalizischen Juden jedenfalls jetzt nach 'dem. Rechte der Selbstbestimmung zur Gründung eines Nationalrats schre i-ten' würden. * In ähnlicher Weise gehen, wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, die Juden in Polen vor: F o r d >e r u n g e u der p o l n i s ch e n I u d e n . W a r s ch a u, 10. Oktober. (W. B.) Von der Warschauer jüdischen Presse schreibt das Zivnistenblatt ,.Hajut": Die Worte des Regentschaftsrats an das Polenvolk haben in noch viel höherem Maße für das jüdische Volt Geltung. Alles Trennende mag jetzt verschwinden vor dem starken Ruse: Gin Heim für das jüdische Volk in Palästina und verbürgte nationale und