Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 43 Berlin, 25. Oktober 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324*. Begründet von Rabbiner Dr. Lnöwig Philipps»« Unter Leitung des Geheime« Regierungsrats Proseflsr Sr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Hosse, Berlin. Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4*6-49. zu richten. Verlag von Rudolf rUosse, Berlin. TFltftfrlt* Neue Wege zur Kantorenausbildung. Von Hermann jfllJJull« Zivi, Oberkantor der Synagogengemeinde Elberfeld. — Die Woche. — Jüdische Denker uno Dichter. Von Ludwig Geiger. — 25 Jahre Waisenpflege des Synagogen-Verbandes itn Regierungsbezirk Oppeln. Von H. Wasner. — Karl Emil Franzos. Ein Gedenkblatt zum 25. Oktober 1918. Von Ottilie Franzos. -- Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulver mann. — Literarische Mitteilungen. — Bücheremlauf. — Sprechfaal. DerGemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Memel, Beuthen O.-S., Aus der Provinz Posen, Hamburg, Dresden, Bad Nauheim, Karlsruhe, Wien, Kopenhagen, ^Grodno. — Von Nah urrd Fern. ArueWrgksurLsnwrrnsusvildung. Bon Hermann Zivi, Oberkantor der Synagogengeinvmde Elberfeld. er sittliche Ernst, der die Gesamtheit der jüdischen Fragen umschließt, hat auch im Leben der berufsständischen Kreise zu -der Erkenntnis geführt, daß -die Wechselwirkungen zwischen Theorie und Praxis nicht mehr ausreichen, weil Hie Voraussetzungen, auf Grund deren sie sich auslösten, im Laufe der Zeit andere geworden sind. In bewußter Anlehnung an diese Erkenntnis weiß auch der Allgemeine Deutsche Kantorenverband auf seinem ureigenen Gebiet den Wert zu ermessen, den die -traditionelle Methode, Kantoren -auszubilden, seit geraumer Zeit schon bedeutet. Von den zwei vorhandenen Wegen wurde, ja -wird bis auf den heutigen Tag mit Vorliebe der eine -gewählt, der durch das Lehrerseminar führt, um den Zögling möglichst vielseitig auszustatten, um in ihm -all die Kräfte zu zentralisieren, die kein Mensch ordentlich verdauen kann, ohne an -sich selbst -Schaden zu nehmen. Aber auchdann noch, wenn dieses Bedenken hinfällig wäre, bleibt die Unzulänglichkeit bestehen, mit der dem zukünftigen Kantor die Wege ins Amt geebnet werden. Um -es gleich zu sagen: -eine Schuld sei den Seminaren daraus nicht konstruiert; sie sind, als Schöpfungen ihrer Zeit betrachtet, aus Voraussetzungen hervorgegangen, aus denen heraus -Theorie und Praxis sich deckten. Heute jedoch, wo sich alles spezialisiert, wo aus breitester Grundlage die Methode der Dezentralisation ihre Ansprüche macht, da ist -es auch für den Kantorenstand zur unabweisbaren Notwendigkeit geworden, in der rastlosen Flucht der Erscheinungen den ruhigen Pol der -Erkenntnis zu finden, daß die veralteten Seminare nicht mehr imstande sind, Kantoren so auszubilden, daß sie den veränderten Verhältnissen gegenüber jeder Lage gewachsen sind. Der zweite Weg, der, bei -uns in Deutschland -wenigstens, nur selten beschritten wird, ist der Weg der privaten -Ausbildung durch -einen in der Praxis bewährten Kantor. Auch dieser Weg ist nicht zu empfehlen, weil er zu einseitig ist, weil er n u r die Spezialität betont und die Allgemeinbildung hintansetzt. Aus diesen Erwägungen verneinender Natur ergeben sich die Mängel der bisherigen Kantore-nausbildung sowie auch die Schlüsse, die daraus zuziehen sind: Mangel an Spezialisierung infolge zu stark betonter Allgemeinbildung.auf der einen Seite, bloße Spezialisierung und Vernachlässigung der Allgemeinbildung auf der anderen. Es muß also dahin gestrebt werden, eine -Möglichkeit zu schaffen, wo diese Mängel sichaufheben, wo dem jungen Mann Gelegenheit geboten wird, Kantor im vollen Umfang ches Begriffes zu werden, den die veränderten Zeitverhältn-isse damit verbinden, ohne daß Gefahr besteht, die -Allgemeinbildung zu untergraben. Dazu fehlt esdem Lehrerseminar an Zeit, dem einzelnen an Kraft. Zeit und Kraft also sind die -springenden Punkte, um die sich des Rätsels Lösung dreht. Zunächst in bezug auf die Zeit. Während beim Seminarbetrieb für die Erlernung des Kantorats nur -ganz verschwindend wenige Wochenstrmden, manchmal sogar nur eine „abzuknapsen" oder außerhalb des Stundenplans zu ermöglichen sind, während für die theoretische Darbietungder kantoralen Fächer, insbesondere für das wichtige Gebiet des solistischen Vortrages, überhaupt nichts geschieht, während sonst in bezug auf Musik nur herzlich wenig geleistet und erreicht wird, weil es -bei der Struktur des -Lehrerseminars an der dafür nötigen Zeit fehlt, kurzum, während der Zögling -bis jetzt -eigentlich nur zum Lehrer, und zum Kantor nur so nebenbei und deshalb sehr mangelhaft und dürftig vorgebildet wird, während alle mittelschulmäßigen Anstrengungen gemacht werden, ihm -ein vollgepfropftes Maß von allgemeiner Bildung mit auf den Weg zu geben, ein Umstand, der natürlich ungeheuer viei Zeit kostet, um nicht zu sagen zuungunsten der Fachausbildung zum Kantor, während alles das für selbstverständlich -gehalten wird, -mehren sich -die Rufer im Streite, die da betonen, daß es so nicht -mehr weitergehen darf und nicht mehr weitergehen kann. Die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und von der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, der Berliner, ins Leben gerufenen Fortbildungskurse für Kantoren waren kaum ein Notbehelf, um die empfundene Lücke zu verkleistern, geschweige denn aus der Welt zu schaffen. Für eine Ersprießlichkeit von Einrichtungen solcher Art fehlt es den Teilnehmern vor allen Dingen an dem Fundament sachlich nötiger Voraussetzungen, und wo solche vorhandensind, an der -Zeit, um einen Ausbau gründlich zu vollenden. So anerkennenswert der Versuch mit -solchen Kursen auch sein mag und so erfreulich dke dämmernde Erkenntnis ist, daß Notwendigkeiten auf dem Spiele stehen, bleibt -die ganze Einrichtung eine zwar gutgemeinte, aber unzureichende Halbheit. Wie überall darf es auch-hier nur ganze Arbeit geben, alles andere ist -vom U-ebel. Hier kann zur Herbeiführungeiner neuen Zeit nur gründliche Abkehr vom Alten etwas nützen, jedes andere Mittel und