Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229381--74393-3286885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 trug ergreifend die vorgeschriebenen Seelengebete vor. Dann bewegte sich der unübersehbare Leichenzug nach dem Friedhofe. Auch die Zöglinge der Mädchen-Waisenanstalt folgten in geschlossenem Zuge hinter dem Sarge. In der Friedhofshalle brachte Herr Dr. Lewin nochmals zum Ausdruck, was der Verblichene seinen Angehörigen und der Menschheit überhaupt gewesen und daß das Andenken an den Toten über das Grab hinaus nie verlöschen werde. Die «beiden Söhne des Dahingeschiedenen kamen beurlaubt aus dem Felde, ihrem Vater die letzte Ehre zu erweisen. W. Posen, 11. Oktober. Herr Stadtrat Jakob Schleyer beging am 3. d. M. seinen 70. Geburtstag, aus welchem Anlaß ihm eine Fülle von Anerkennungen zuteil wurde. Seine Wohnung war an diesem Tage ein Wallfahrtsort, zu dem viele Hunderte von Gratulanten pilgerten, um dem Jubilar ihre Verehrung und Wertschätzung zu bekunden. Gegen ein Uhr erschienen die Vertreter der städtischen Körperschaften. Herr Stadtrat Stiller würdigte die siebenundzwanzigjährige Tätigkeit des Jubilars in kommunalen Ehrenämtern, schilderte sein verdienstvolles Wirken in der Armenverwaltung, wo er so manche Träne getrocknet. Er gehört dem Arbeitersürsorgeverein als sehr reges Vorstandsmitglied an und hat sich namentlich auch um die Errichtung der Walderholungsstätte in Unterberg große Verdienste erworben. Mit dem Wunsch, daß der Jubilar seine Arbeitskraft noch lange Jahre der Stadt widmen möchte, überreichte Herr Stadtrat Stiller die Urkunde, die die Ernennung des Jubilars zum Stadtältesten ausspricht. Stadtverordnetenvorsteher Hera- Justizrat P l a c z e k schloß sich in warmen, die Persönlichkeit des neuen Stadtältesten würdigenden Worten den Ausführungen des Magistratsvertreters an, worauf der Jubilar seinen herzlichen Dank aussprach. Auch Vertreter der Synagogengemeinde und mehrerer Vereine, denen Herr Schleyer nahe steht, erschienen im Laufe des Tages zur Beglückwünschung. Stadtrat Schleyer, der in Rybnik geboren ist, hat Pharmazeutik studiert und kam vor langen Jahren als erster Provisor der Jagcelschen Apotheke nach Posen. Dann übernahm er die Verwaltung der Brandenburgischen Apotheke; im Jahre 1878 etablierte er ein noch heute bestehendes Drogen- und Chemikaliengeschäft, das er im Jahre 1901 veräußerte. Im Jahre 1891 wurde er zum Stadtverordneten, im Jahre 1901 zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. Namentlich auf sozialem Gebiete hat sich Stadtrat Schleyer besondere Verdienste erworben; unter anderem ist er Vorstandsmitglied zur Fürsorge des Vereins für kranke Arbeiter. In der Jüdischen Gemeinde führt er seit dem Tode des Geheimen Kommerzienrats Michael Herz das Vorsteheramt. An Auszeichnungen besitzt Stadtrat Schleyer den Roten Adlerorden vierter Klasse, den Kronenorden vierter Klasse und das Kriegsverdienstkreuz. — Breslau, 11. Oktober. Der. Bureauvorsteher der hiesigen Synagogengemeind-e, Herr Arnold Löwenthal, begeht am 15. November sein 25jähriges Amtsjubiläum. Geboren in Zerkow (Posen), ein Landsmann von Graetz, ftubicrtc er in Breslau und Berlin die Rechte und war zunächst als. Referendar im Justizdienst beschäftigt. Dann trat er in den Verwaltungsdienst unserer Gemeinde über. Seiner Umsicht und Tüchtigkeit ist es zu danken, daß bald ein geordneter Verwaltungsdienst eingeführt wurde. Er besitzt eine vorzügliche Kenntnis der Verwaltungspraxis und erfreut sich deshalb eines großen Ansehens innerhalb unserer Gemeindeverwaltung. Bei den ihm unterstellten Beamten hat er für das volle und warme Interesse, welches er ihren Sorgen und Wünschen entgegenbringt, dankbare Anerkennung gefunden. Nicht zuletzt sind seine Leistungen für den Bezirksverband Breslau und Liegnitz hervorzuheben, als dessen Geschäftsführer er die jährlichen eingehenden Berichte herausgibt. — Die privaten Sammlungen für das Rabbinerseminar haben bisher 201 000 Mark ergeben, dazu kommen die 200 000 Mark von der Synagogengemeinde und von dem Kuratorium. Der .geplante Neubau wird allerdings in Ermangelung von Arbeitskräften und Rohstoffen bis auj Friedenszeiten zurückgestellt werden müssen. Die Preise haben sich auch indes ganz bedeutend verschoben, der Bau war vor Ausbruch, des Krieges auf 125 000 Mark veranschlagt. Geplant ist der Anbau eines.linken Seitenflügels im Garten des Seminargebäudes nach dem Klostergarten zu. Ter Bau soll ein Erdgeschoß, und zwei Obergeschosse erhalten. Das Erdgeschoß soll die Synagoge und zwei Hörsäle ausnehmen, vier weitere sollen in dem Obergeschosse Platz finden, auch die Bibliothek wird im Neubau entsprechende Räume erhalten. Die Vermehrung und Erhaltung derselben stellen erhebliche Ansprüche an die Verwaltung; dazu kommen die gesteigerten Bedürfnisse, welche die zeitgemäße Erhöhung der Lehrergehälter verursacht. e-r. Bad Ki-Mngen, 11. Oktober. In der hiesigen Israelitischen K i n der h ei lstä tte hat die diesjährige Saison ihren Abschluß gefunden. Während des Sommers wurden 210 Kinder, fast alle unentgeltlich, verpflegt, unter ihnen 140 Kriegerkinder. Insgesamt hat die Anstalt während des Krieges 850 Kinder ausgenommen, darunter 400 aus kriegsbetroffenen Familien. In dieser segensreichen Arbeit übt die Anstalt eine ersprießliche Kriegsfürsorge aus, denn sie trägt dazu bei, dem Vaterlande eine gesunde Generation künftiger Bürger zu erhalten. — Magdeburg, 11. Oktober. Rabbiner Dr. phil. Bruno L a n g e hat einen ehrenvollen Ruf als Gemeinderabbiner nach Essen erhalten und wird dem Rufe Folge leisten. Die Mitglieder der israelitischen Gemeinde sehen ihren Seelsorger, der 2% Jahre in schwerer Zeit hier segensreich wirkte und der sich bei allen Konfessionen der größten Beliebtheit und Hochschätzung, erfreute, mit großem Bedauern scheiden. Auch in -dem. „Verein für jüdische Geschichte und Literatur", dem Dr. Lange seine glänzenden rednerischen Fähigkeiten oft zur Verfügung gestellt hat, hinter läßt der Weggang Dr. Langes eine fühlbare Lücke. M. Eisenach i. Thür., 11. Oktober. Von einem schweren Verlust ist die hiesige israelitische Religionsgemeinde betroffen worden. Am 1. September verschied plötzlich nach einem Krankenlager von nur wenigen Tagen der allbelobte und geschätzte Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Ferdinand Stiebel. Seit mehr denn 30 Jahren hatte er seine hervorragend organisatorische Kraft in den Dienst unserer Gemeinde gestellt. Nachdem er 20 Jahre lang als Kultusdeputierter in der Gemeindevertretung tätig gewesen w-ar, wurde er vor 10 Jahren zum 1. Vorsteher der Gemeinde gewählt. Was er für die Gemeinde gewirkt, was er zur Hebung unseres Gottesdienstes durch den von ihm ins Leben gerufenen urld von ihm selbst geleiteten -Synagogenchor geleistet hat, wird in der Geschichte unserer Gemeinde stets fortleben. er. Hannover, 11. Oktober. Schon in den ersten fünf Jahren ihres Besteherls hat die 1907 von dem bekannten Gründer der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem, Konsul A. M. Simon, errichtete A1 ex an d-e r - u n-d - Fa nny- S i mon - S t i f trrng durch Anregung und Gewährung von Mitteln an 80 Schulen Schulgärten und Handfertigkeitsunterricht eingesührt. Um ihre Arbeit noch intensiver zu gestalten, wurde im Jahre 1913 in der Stadt Peine ein Seminar für Gartenbau und Handse r ti gke i t begründet, das jüdische Lehrer zur Erteilung von Unterricht im Gartenbau und Handfertigkeit ausbilden soll. Die Neugründung erfreute sich» außerordentlicher Förderung durch die höchsten preußischen Behörden. Für das Seminar wurde ein wertvolles fiskalisches Grundstück von 50 Morgen unter günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt, außerdem hat der 'Kultusminister die Preußischen Reg 'erungsbehörden in einem besonderen Erlasse aus die Bestrebungen des Seminars empfehlend aufmerksam 'gemacht. Neben seinem eigentlichen Zweck, jüdische Leh.rer in zwei Halbjahreskursen in den Spezialfächern der Anstalt .auszubiliden, bietet das Seminar einer Anzahl jüdischer junger Leute Gelegenheit zur Ausbildung in Gärtnerei und Landwirtschaft. Der Wert der Arbeit des Seminars für die gegenwärtig von den verschsiedensten Kreisen und Richtungen im deutschen Judentum -erstrebte Berufsumschichtung der deutschen Juden bedarf keiner besonderen Betonung. Ein wichtiger Schritt -aus diesem Wege ist die neuerdings beschlossene Ansiedlung jüdischer Gärtner und Landwirte inr Anschluß an die Anstalt. Das Kuratorium der Alexander-und-Fanny-Simon-Stistung hat für die Dauer von 99 Jahren ein Terrain gepachtet, aus dem solche landwirtschaftliche Eleven des S-imonfchen Seminars s-ehh,afit gemacht werden sollen, die d>as ihnen überlassene Land- Plantagen-mäßig bearbeiten wollen. Dl-e Kolonisten sollen im engen Anschluß an das Seminar arbeiten. Es ist geplant, durch gemeinsamen Einkauf von Sa-rnen., Blumen, Dünger und landwirtschaftlichen Maschinen und durch Planmäßige Organisation des Absatzes der Produkte den jungen Ansiedlern den Existenzkampf zu -erleichtern. Den Gebrauch der größeren und teueren Maschinen, welch,e das Seminar besitzt, wird d,i>e Leitung der Anstalt den jüdischen Landwirten nach. Bedarf gestatten. Es sollen nur