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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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82. Jahrgang Nr. 42 Berlin, 18. Oktober 1918 Der Gemeindebote. %eilagf zur „Allgemeinen Leitung drK IndentumK". Oorrrspondrnsrn und Aschrichten. Seutlchlsnd. &&& Berlin, 15. Oktober. Eines der eigenartigsten Probleme im Wirtschaftsleben Polens, ist das der Beteiligung der jüdischen Bevölkerung an der Industrie. Rein zahlenmäßig ist sie nicht unbedeutend und in den Grenzgebieten von Jndustrietätigkeit und Handel sogar überwiegend; sie verringert sich aber in demselben Maße-, -in dem sie sich vom Kleinbetrieb enchornt, und ist z. B. in der Steine und Erdenindustriie mit ei-rver PvoAentzijffer von 6,4, in der Metallindustrie mit einer solchen von 14 vom Einfluß der polnischen Bevölkerung völlig, durchtränkt. Der Jude, schreibt die Zeitschrift „Po-len", der wir diese ZliusMrunigen entnehmen,, fühlt sich nicht zur Großindustrie hmgezogen, wieder -als Unternehmer -noch viel weniger >als Falbri.karbei.ter. Jnsbespndere ist es die Genuß- und Nahrungsmittelindustrie, in der sich die jüdische Bevölkerung vorwiegend betätigt. So sind (nach der Berufszählung von 1897) in der Tabakindustrie 73,7 Prozent Juden beschäftigt gegen 25,1 Polen, in der Getränkeindustrie (ohne Brenn- und Brauindustrie) 58 Prozent; in der Herstellung pflanzlicher und tierischer Nahrungsmittel überwiegen allerdings die Polen, doch übertrifft auch hier nur mit 36,4 Prozent der Anteil der Juden ihren Anteil an der Bevölkerungszisfer (15 Prozent der Gesamtbevölkerung) um mehr als das Doppelte. In der Bekleidungsindustrie arbeiten 55,6 Prozent Juden, in der polygraphischen Industrie 51,2 Prozent und in der Industrie animalischer Produkte 45,6 Prozent, lieber ihrem Prozentanteil an der Bevölkerungsziffer steht noch ihre Beteiligung an der chemischen Industrie (21,1 Prozent), Brauindustrie (17,5), Holzindustrie (17,1), Textilindustrie (17 Prozent). Die Behauptung^ daß die jüdischen Fabrikbetriebe im Gegensicch zu den Mchtjüdiisjchen vorwiegend' Kleinbetriebe sind, wird durch eine 1901 veranstaltete Untersuchung gestützt. Während 451 nichtjüdische Fabriken 45 925 Arbeiter beschäftigten, waren in 1416 jüdischen Fabriken nur 43011 Arbeiter tätig. Somit entfiel auf eine jüdische Fabrik eine Durchschnittszahl von 30,4, auf eine nichtjüdische Fabrik eine solche von 101,8 Arbeitern. Nur 27,3 Prozent der jüdischen Fabriken arbeiteten mit Dampf- oder elektrischem Betrüb gegen 69 Prozent der nichtjüdischen Betriebe. In einer jüdischen Fabrik mit Dampskraft waren im Durchschnitt 71,5 Arbeiter beschäftigt, in .einer mit gleichartiger Kraft ausgestatteten n ichtijüdi schon aber 135 Arbeiter. Wenn der Jude sich als Fabrikarbeiter betätigt, sio sucht und findet er vorwiegend nur in den Betrieben jüdischer Unternehmer Ausnicchme. Bon 12 380 jüdischen Fabrikarbeiitern warm 436 in nichtjüdischen Fabriken, und zwar vorwiegend in solchen ohne Dampfkraft, tätig. Der Grund ist nicht zuletzt, daß der strenggläubige, an die Sabbatheiligung gebundene Jude sich nur schwer in den Betrieb am Samstag arbeitender Fabriken hineinfindet. # # Berlin, 15. Oktober. Die Friedhosskommission hat den Gemeindebehördenihren alljährlichen Tätigkeitsbericht und Riechnungsabschluß erstattet, dessen Zahlen einen Begriff, von dem großen Umfange der Geschäfte d-ies,es Verwaltun.gszweiges geben.. Die Abrechnung schließt in Soll und Haben mit 1-114 492 Mark ab. Das Beerdigungswesen erfordert mit 623 148 Mark eine Mehrausgabe von 155 788 Mark gegen -das Vorjahr; die Einnahmen betrugen 382 343 Mark. Die Gärtnerei des Fr-iiedhoses in Meißens,ee hatte mit 359 974 Mark eine Mehrausgabe von 134 423 Mark. Die Einnahmen aus -diesem Gärtner,eibotri-ebe betrugen 702,456 Mark; auf dem Friedhöfe in der Schönhauser Allee erbrachte die Gärtnerei 131 586 Mark. Die Ausgaben ifür Beerdilgun-gsbedürfnisse sind ungeheuer -gestiegen; für Särge allein wurden etwa- 65 000 Mark! mehr oils im Vorjahre verausgabt; hk Sterbekleider erforderten 18 500 Mark, das Fuhrwesen 23 000 Mark mehr als im Borjahre. Im Berichtsjahre fanden 2310 Beerdigungen statt; seit Eröffnung des Weißen-seer Friedhofes, im September 1880 wurden aus diesem Gottesacker 52 600 Beerdigungen vorgenommen, darunter. 375 Beisetzungen von Aschenreisten. Unter den im> Berichtsjahre Beerdigten befinden, sich 2149 Erwachsene (1.195 M'Lnnlich, 953 weiblich) und 161 Kinder im Ailter bis zu 13 Jahren; insgofaurt wurden 57 Aschenurnen beige setzt gegen 40 im Vorjahre. Das höchste Alter erreichte eine Frau mit 97 Jahren; 12 Tote waren über 90 Jahre, 184 über 80 Jahre alt. 262 Leichen wurden, in Erbbegräbnissen bestattet, 156 Erbbegräbnisse neu erworben. Bei 1034 Beerdigungen wirkten Prediger mit, in 1197 Fällen fand nur die übliche liturgische Andacht statt. Auf dem Ehrenselde des Friedhofes in Meißen fee, das im Jahre 1914 für die im Kriege gefallenen oder an den Folgen von Verwundungen gestorbenen Soldaten eingerichtet wurde, fanden 78 Beerdigungen statt; in der Ehrenreihe erfol-gte eine Beisetzung. Als bemerkenswerte Begleitersche>inung, des Krieges be-Mierkt die Friedhossverwaltung, daß die Zahl der Teilnehmer an den Beerdigungen im. Berichtsj,a'hr.eweiter -erheblich zurückgegangen und die Teilnahme an den Drauer's-eiern. auffällig gering ist. E. M. Berlin, 15. Oktober. Auf dem Friedhofe in Weißensee fand am Donnerstag, den 10. d. M., die Beisetzung des durch eine Fliegerbombe getöteten Oberstabsarztes Dr. Hugo N e u m a n n statt. Sanitätsrat Dr. N e u m a n n war in weiten Kreisen der Gemeinde durch feine sozialen und philanthropischen Arbeiten geschätzt. Er gehörte der Armenkommifsion der Jüdischen Gemeinde an und -entfaltete auch als Armenarzt eine reiche Wirksamkeit. Der Verstorbene wurde ein Opfer seines Berufes, er siel durch eine Fliegerbombe, als er im Aerzteraum des von ihm geführten Lazarettzuges eine Besprechung mit seinen Mitarbeitern abhielt. Der Verstorbene, der als einer der ersten Aerzte das Eiserne Kreuz zweiter Klasse erhielt, erfreute sich bei seinen Vorgesetzten und den Mannschaften allgemeiner Verehrung und Anerkennung. An der Trauerfeieir. auf dem Friedhofe in Weißensee nahm ein zahlreiches Gefolge teil. Die Armenkommission der Jüdischen Gemeinde hatte eine Abordnung, entfandr. Das Sanitätspersonal des von ihm geführten Lazarettzuges war fast vollzählig erschienen. Rabbiner Dr. Warschauer: hob in der Gedächtnisrede die Verdienste des Verstorbenen als Arzt und als Soldat hervor. Er betonte, daß die seltene Pflichttreue des Heimgegangenen von den militärischen Stellen durch die Verleihung des Eisernen Kreuzes anerkannt wurde.zu einer Zeit, wo Aerzten erst selten Auszeichnungen verliehen wurden. Soldaten und Vorgesetzte beklagen den Heimgang eines fürsorglichen Beraters. Der Verstorbene war von einem tiefen Stolze auf sein Judentum beseelt, das er überall freimütig und selbstbewußt vertreten hat. Auch die Gemeinde darf stolz sein auf diesen Sohn, der ein treuer Träger der jüdischen- Ideen war. Gesang, des Schön b e r ge r scheu Synagogenchores eröfsnete und beschloß die Trauerfeier. Sanitätsma-nnschaften trugen den Sarg zur Gruft, über der die üblichen Ehrensalven abgegeben wurden. W. Posen, 11. Oktober. Nach langem Leiden verschied der Großkaufmann Wolfs Jaffö im 67. Lebensjahre. Der Heimgegangene gehörte von 1903 bis jetzt dem Borstande der Sparkassendeputation an und hat sich die Förderung der Interessen der Sparkasse stets mit regstem Eifer angelegen sein lassen. Durch den Tod des Herrn Jaffö hat auch die Jüdische Alterversorgungsanstalt, Moritz Rohrsche Stiftung, einen schmerzlichen Verlust erlitten. Seit dem Jahre 1914 dem Kuratorium angehörend, hat er mit mildherzigem Sinne stets für das Wohl der Anstalt gewirkt, die jhm ein treues Gedenken bewahren wird. Die Herzensgute, die den Verstorbenen kennzeichnete, fand in der Fürsorge für die Zöglinge der Rilscher- Flatauschen Mädchen-Waisenerziehungsanstalt ein reiches Feld der Betätigung. Durch seinen bewährten klugen Rat und sein liebevolles Interesse hat er sich um die Anstalt Verdienste erworben, die nie vergessen werden können. — Unter zahlreicher Beteiligung weiter Kreise fand zunächst im Hause des Verstorbenen eine Trauerfeior statt. Die Leichenrede hielt für den durch Unwohlsein behinderten Gemeinderabbiner Herrn Dr. Freimann Herr Gemeinderabbiner- Dr. M. L e w i n aus Wreschen. In ergreifenden Worten zeichnete er das segensreiche Schaffen und Wirken des Entschlafenen. Einem wahrhaft frommen Elternpaare entstammend, hat der Entschlafene stets für alle religiösen und gemeinnützigen Interessen des Judentums eine lebhafte Teilnahme bewiesen. In seinem früheren Wirkungsorte Wreschen verwaltete er das Ehrenamt eines Gemeindevorstehers viele Jahre hindurch in treuer Hingebung, und auf segensreiche Werse. Das Andenken an diesen trefflichen Mann wird in der Gemeinde Wreschen nie schwinden. Oberkantor Wilkvmirski

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