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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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503 „Nein, nicht dein Augen," sprach die Alte unklug: „aber weil du nicht schreiben sollst falsche Wörter." Die junge Frau lachte bitter. „Natürlich kommt das zuerst in Betracht, wenn auch meine Augen wirklich darunter leiden sollten! Aber du brauchst keine Angst haben, Artur weiß, daß ich sehr gewissenhaft bin." „Weil mein Sohn ist sehr klug." „Klug? Er ist mehr als das, er ist ein Genie," verbesserte Ellen lebhaft. Es war das erstemal, daß die Alte eine Neigung zu erkennen gab, mit ihrer Schwiegertochter eine Unterhaltung anzuknüpfen. „Mein Sohn niemals macht Fehler," fuhr die Alte sinnend fort: „nur einmal er gemacht einen Fehler." Die junge Frau war innerlich empört. Sie hätte es wissen können, daß dies alles nür eine Einleitung war, um ihr wieder einen Schlag zu versetzen. „Du meinst, als er mich zur Frau nahm?" „Nein, als er genommen mich zu seiner Mutter." Ellen legte die Feder hin und sah die Alte überrascht an. „Ja, ja: ich habe schon recht, was ich tu sagen . . Ich nicht recht habe, zu sein seine Mutter." Sie sprach es ruhig, dabei ihrer Schwiegertochter einen herausfordernden Blick zuwerfend. „Ich sein alt und dumm und nicht verstehen kann seine Klugheit und nicht kann lesen, was er schreiben. Er und mir ein großer Unterschied, wie Erde und Himmel." Ellen mußte sich Zwang antun, um sich über den Gcdankengang der Men Klarheit zu verschaffen. Sie verstand plötzlich die Empfindung der alten Frau: seit ihr Sohn eine Frau ins Haus gebracht, mußte sie selbst in den Hintergrund treten, einem Eindringling weichen, vielleicht gar zu Fremden sich begeben müssen. — Das schmerzlichste aber war es, daß sie die Berechtigung dazu anerkennen mußte, baß sie bei dem Sohne fortan nur erst in zweiter Reihe in Betracht kam. Es war das größte Opfer, das ein Muttevherz bringen mußte. „Mir nicht verstehen seine Klugheit," fuhr sie fort, als habe diese Phrase ihr besonderes Wohlgefallen erregt. Ellen trat einen Schritt zu ihr hin. „Mutter, darüber brauchst du dich nicht zu grämen. Artur wird stets dein treuer, guter Sohn bleiben." Die bisher verschleierten Augen der alten Frau sprühten jetzt plötzlich Feuerflammen. „Ha, du mir das sagen! Was gehen dir das an? Ich das wissen tun, ohne dir. Hier — hier —!" ihre Stimme steigerte sich zu einem Kreischen, als sie mit geballter Faust an ihre Brust schlug. „Hier er sitzt fest, und du nicht kannst rauben von mir! Nicht zehn wie du, nicht mit glattem Gesicht, nicht mit weißen Händen, nicht mit feiner Sprache! Ich ihn genährt mit Herzblut von mir, wenn er gehungert; ich ihn gelehrt sprechen und gehen mit Mund und Füße! Ach, früher gewesen geliebtes Kind, aber du — du ihn willst nehmen von mir!" Traurig trat die junge Frau von ihr weg und setzte sich wieder am Schreibtisch nieder. Es war also wieder eine Falle der schlauen Alten. Aber bei all ihrer Unruhe empfand sie doch, daß bei der Alten sich ein Gefühlswechsel vollzogen, daß sie anstatt der bisherigen starren und tödlichen Gleichgültigkeit doch der Schwiegertochter eine wenn auch grollende Aufmerksamkeit zu schenken begonnen. Ehaje Rachel hatte ähr gestattet, einen Blick in ihr Innenleben zu werfen, der ihr deutlich gezeigt, daß sie hinter der rauhen Schale einen weichen Kern verbarg, daß sie vielleicht keinen gehässigen Angriff von ihr mehr zu fürchten brauche. Sie nahm daher das Blatt wieder zur Hand, um da sortzufahren, wo sie vor der Unterbrechung ausgehört, wobei sie aber doch auf das Schließen der Tür achtete, um sich zu vergewissern, daß sie wieder allein war. Als alles still blieb und sie aufblickte, stand Chase Rachel noch immer hinter ihr. „Du willst gewiß die Lampe wieder mitnehmen," sprach Ellen mit einem Schein der Unbefangenheit. „Hier, nimm sie nur ruhig mit, ich werde doch das Gas anzünden müssen." Sie hielt ihr die Lampe hin, doch die Alte machte keine Bewegung. „Ich dich wieder gemacht böse," sprach Chaje Rachel, „wie vor zwei, drei Wochen. Ich seien sehr schlecht, vergießen dein Aut wie Wasser. Du aber seien viel klug und fein und nicht machen großen Lärm und nicht laufen zu Mann und schimpfen auf Schwiegermutter, wie andere junge Frauen. Du seien gutes, kluges Mädchen: Du seien eine — eine — große Dame!" Verstohlen und leise strich sie mit ihrer knochigen Hand über Ellens Scheitel und verließ eilig das Zimmer. Ellen blieb eine Weile sitzen, als wäre sie von einem Zauber umsangen, während ein traumhaftes Lächeln ihre Lippen umspielte. Mit einem Herzen voll freudiger Dankbarkeit gab sie sich wieder der Arbeit hin. Die Feder lief hastig, wie aus eigener Kraft, über das Papier und weder Geist noch Muskel schienen notwendig, um ihr die Richtung zu geben. Mit Erstaunen nahm sie bald wahr, daß sie bereits zu Ende gekommen war, ohne Spur von Müdigkeit. Nur heftige Kopfschmerzen und ein Stechen in der Stirn peinigten sie unausgesetzt. Sorgfältig schichtete sie die beschriebenen Mütter zusammen und legte sie in eine Mappe. Was aber jetzt? Es war erst acht Uhr, daher noch zwei Stunden, bis ihr Mann kam. Sie trat zum offenen Fenster und ließ mit Behagen die frische Luft ihre schmerzende Stirn kühlen. Sie ging auf die Straße. — Dieses lebhafte Treiben war Ellen schon von früheren Spaziergängen bekannt, die sie mit Artur unternommen. Es machte daher keinen besonderen Eindruck auf sie, als sie auf der anderen Seite der Straße eine größere Menschenansammlung bemerkte. Es war auch keine Neugier, daß sie jetzt die Straße kreuzte, sondern, wie sie sich selbst entschuldigte, um ihren Mut einer Probe zu unterziehen. Als sie näher trat, bemerkte sie eine größere Anzahl Männer und Frauen, die in einem tiefen Schweigen verharrten. Ellen schob sich in eine Lücke und sah nun, daß etwa ein Dutzend Männer und Frauen einen Ring bildete, deren Kopfbedeckung und Kleidung sie als Zugehörige der Heilsarmee kennzeichneten. Alle hielten die Köpfe gesenkt, die Hände gefaltet, in tiefer Andacht versunken. Nach einer Weile aber richtete sich der Mann, der in der Mitte stand und der Anführer zu sein schien, wieder auf und ries mit lauter, aber sanfter Stimme: „Brüder und Schwestern! Lasset uns jetzt das Lied singen: ,Jesus, meine Zuversicht!'" Mit heiserer Stimme gab er den Ton an und die Frauen fielen kreischend ein. Jeder sang zwar in einer anderen Tonart, doch waren sie alle mit tiefem Ernst bei der Sache. Ellen stand da, als ob die ganze Sache sie nichts anginge, aber sie rührte sich doch nicht von der Stelle. Der letzte Ton war bereits verklungen, doch Ellen dehnte ihn noch weiter, als wäre es ihr leid, sich so schnell von ihm zu trennen. Der Vorsänger aber setzte jetzt den Hut auf, pm Zeichen, daß der fliegende Gottesdienst beendet sei. Die Menschen verliefen sich und nur Ellen blieb allein zurück, ganz verblüfft, daß die Sache einen so schnellen Abschluß gefunden. „Wissen Sie, welchen Eindruck Sie eben aus mich gemacht, Frau Klaßner?" vernahm sie eine bekannte Stimme hinter sich. Sie drehte den Kopf langsam, sehr langsam um, da sie Zeit gewinnen wollte, den Sprecher mit Ruhe ansehen zu können. Mit wiedergewonnener Fassung stand sie dem geistlichen Herrn, dein Vikar Septimus Strömer, gegenüber.

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