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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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Bekämpfung der Unwissenheit durch ganz unerfüllbare Hoffnungen bestimmt sein lassen. Daß wir auf dem Boden des Westens — insbesondere bei den bereits im reiferen Alter Stehenden — niemals mehr mit der alten Methode eine genügende Kenntnis der Quellen unseres Glaubens erzielen werden, ist selbstverständlich.. Und mag man auch in jenen Kreisen triumphierend auf einzelne — gewiß sehr anerkennenswerte — Beispiele weisen, die sich würdig den Alten zur Seite stellen dürfen, es sind Einzelerscheinungen, und es nutzt dem kranken Körper sehr wenig, wenn ein einzelner Finger kerngesund erscheint. Man muß die Methode, mit der man Wissen verbreitet, der Auffassung moderner Zeiten anpassen. Es ist nun eine Eigentümlichkeit der meisten Menschen, die man beklagen kann, mit der man aber rechnen muß, daß sie erst im Vergleich mit den Gütern anderer Wesen ihre eigenen Güter schätzen lernen. Und hierin, liegt der Psychologische Wert.der Apologetik, auf die man in, unseren Tagen wieder zurückkommt. Apologetik soll einem doppelten Ziele zustreben. In erster Reihe soll sie den Angriffen entgegentreten, die von feindlicher Seite gegen unseren Glauben erhoben werden, dann aber soll sie, indem sie den Angriff in die Reihen der Ankläger trägt, dem Verteidiger die Größe und Schönheit dessen, was er leidet, ins hellste Licht setzen. Die apologetische Literatur des Judentums — so groß sie an sich sein mag — kann sich mit keinem anderen Zweige unseres Schrifttums an Bedeutung messen. Die Abwehr des Angriffs bringt es fast unwillkürlich mit sich, daß man selber zum Kritiker wird, und wie hätte die gehetzte und bedrückte Judenheit des Mittelalters 'es wagen dürfen, gegen das mächtige Ehristentum aufzutreten, das nicht gereizt werden durste, das stärkere Waffen befaß als die des Geistes und einfach totschlagen konnte, wenn ihm unbequeme Kritik — und das ist ja die berechtigte fast stets — begegnete. So flüchtete man zu den unzugänglichen Höhen der Satire und nur wenige Bücher - wie des Karäers Isaak Troki Streitschrift „Chissuk emuno" — wehren offen Angriffe ab und untersuchen freimütig Lehren und Auffassungen des Christentums. Wir sind die Minderheit, und es bedarf eines außerordentlichen Taktes und einer weisen Mäßigung, wenn man aus dem Felde der Apologetik fruchtbare Saaten Pflanzen will. Schlimm wäre es aber, wenn äußere Rücksichten uns überhaupt hindern sollten zu sagen, was ist. Und um so dringender ist es, dieses Gebiet zu Pflegen, als es — worauf nochmals hingewiesen sei — dem modernen Empfinden so besonders nahe liegt. In vielen wird die positive Lehre — schlicht für sich entwickelt — nicht Wurzel fassen, während sie sofort fesseln und begeistern wird, wenn sie im Hinblick auf eine andere Lehre wie deren Ansprüche und Angriffe vorgetragen wird. Freuen dürfen wir uns darum von Herzen über das Büchlein, das Herzberg verfaßt hat. Kurz und knapp, mit bewußter Volkstümlichkeit hat er die Lehren des Christentums dargestellt und zu jedem Punkte die Anschauungen des Judentums hinzugefügt. Klar und kräftig treten die Unterschiede hervor, und ohne daß ein Wort der Kritik geäußert wird, empfindet doch der Jude, der das Buch liest, ein Doppeltes. Es geht ihm eine Ahnung auf von der Kraft und der Größe seines Glaubens, er empfindet aber auch, daß dieses Judentum nicht eine Ruine ist, die sich im Glanze vergangener Tage sonnt, sondern daß es eine Zukunft hat, eine Zukunft kraft der lebendigen Wahrheit, die aus seinen Lehren strömt und die Herzen gesangennehmen muß. Von Einzelheiten der Schrift an dieser Stelle zu reden, ist überflüssig. Wie überall so wird auch hier eine strengere Kritik Manches anders, manches ergänzt und weiter ausgeführt wünschen. Daraus kommt es aber gar nicht an. Die Methode ist zu rühmen und das tapfere Büchlein, das von jedem jungen Juden verstanden werden kann, sollte auch in seine Hände gelangen. Unsere Organisationen, besonders die Jugendverbände, werden sich ein großes Verdienst erwerben, wenn sie für seine Verbreitung sorgen. Wohin es kommt, wird es Segen stiften. Es zeugt für die Größe unserer Religion und wirkt beiden feindlichen Strömungen gegenüber. Jener oberflächliche Hochmut unserer halbgebildeten Jugend, der mit einem spöttisch gutmütigen Mitleid auf alles Religiöse herabsieht, wird entwaffnet und der leichtfertigen Sucht, ohne jede Ueberlegung und ohne zu wissen, was man damit auf sich nimmt, zum Christentum überzutreten, wird ein Hemmnis bereitet. Man kennt die Gründe des Uebertritts gewiß und sollte vermeinen, daß bei Leuten mit so ausgeprägten egoistischen und moralischen Grundsätzen jedes Wort vergebens sei. Viele Einzelfälle beweisen aber, daß dem nicht so ist. Wer solche Darlegungen liest, wird, wenn er nicht jede Spur von Charakter verloren hat, zum mindesten stutzig werden. Von sachlichen wie von methodischen Gesichtspunkten aus ist zu wünschen, daß Herzbergs Buch die erste einer ganzen Reihe von Aufklärungsschriften sei, die einerseits den knappen und volkstümlichen, von jedermann verstandenen Ton treffen, anderseits die dargestellten Gegenstände in eine solche Beleuchtung rücken, daß auch der hastige Mensch unserer Tage in seinem Lause gehemmt wird und Interesse gewinnt. Der Wissenschaftler, der die Dinge nur um ihrer selbst willen betrachtet, mag gewiß für eine solche Forderung nur Verachtung und mitleidiges Lächeln übrig haben; solange man aber praktische Ziele verfolgt, muß man praktische M e - thoden aniwenden. Besonders sollten das die Geschichtschreiber bedenken. Wissen wird nur dort gedeihen, wo Interesse vorhanden ist. Interesse wird aber nur dort geweckt, wo des Judentums Schicksale in den Rahmen allgemeinen Geschehens gespannt, wo die kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge ausgesucht und dargestellt werden. Und für viele andere Gebiete gilt genau dasselbe. Unsere Zeit ist der jüdischen Arbeit günstig. Der Wunsch nach jüdischem Leben, der Drang nach jüdischer Betätigung zeigt sich überall. Sorgen wir dafür, daß die Frucht dieser schnell aufschießenden Triebe nicht die Politisierung des Judentums und aller seiner Probleme sei, wie es für jeden aufmerksamen Zeitgenossen der Fall zu sein scheint. Politik als Selbstzweck ist im Judentum immer ein Unglück gewesen. Judentum ist in erster Reihe Religion, die Gesetzesreligion, die Wissen voraussetzt und Lernen erfordert. Möge es glücken, die schöne Begeisterung der Jungen und ihren ernsten Willen in diese Bahn zu lenken! Dann und nur dann ist dem historischen Judentum wirklich gedient. Iedrm das Skimge. (16. Fortis.) Roman von M. Pulvermann. aßner war fort, um einer Sitzung des „Vereins der Säulen des Gelsetzes und Hüter der Sabbatweihe" beizuwohnen, von wo er erst spät nach Hause kommen wollte, so daß Ellen genügend Zeit hatte, ihre Aufgabe zu erledigen. Sie schlug den Fenstervorhang zurück, um das Tageslicht besser auf das weiße Papier fallen zu lassen, als Chase Rachel mit einer brennenden Lampe in der Hand im Zimmer erschien. „Ich danke dir, Mutter," sprach Ellen freundlich. „Ich könnte mir vielleicht.doch die Augen verderben."

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