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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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501 noch dazu in ernsten schweren Kriegszeiten, in einem jüdischen Gotteshause geschehen und von der jüdischen Kultusgemeinde ungeahndet bleiben konnte, erinnert uns daran, daß wir uns in der nächsten Nähe des Balkans befinden. Professor Dr. Gavio Schwarz in Zagreb hat ganz recht, wenn er im „Zidov" — einem in Agram erscheinenden Organ der kroatischen Zionisten — solchen Elementen, die sich mehr mit Intrigen und sonstigen sehr materiellen Dingen als mit dem Studium der Thora befassen, sehr stark zu Leibe geht. In Kroatien und Slawonien besteht, wie anderwärts in Europa, ein kroatisch-flawonischer Rabbinerverband, außerdem ein fünfgliederiges Rabbinerkomitee, das, je auf drei Jahre gewählt, von der königlich kroatischen Landesregierung bestätigt und teilweise mit den Rechten eines Konsistoriums ausgestattet wird. Professor Dr. Gavio Schwarz in Zagreb, der präsumtive Nachfolger Dr. Jacobis auf dem Oberrabbinerposten in Zagreb, macht im „Zidov" dem Rabbinerkomitee den Vorwurf, daß es für die Sache der jüdischen Religion und des Judentums wenig tue. Trifft dieses Komitee einerseits mit Reckt der Vorwurf, daß es zu wenig Beratungen abhalte, so darf anderseits nickt vergessen werden, daß wir in außerordentlich schweren Verhältnissen jetzt leben und von einigen der Konsistorialmitglieder, die, da sie einen Hungerlohn als Iahresgehalt von ihren Gemeinden beziehen, arm wie eine Maus sind, nicht gefordert werden kann, kostspielige Reisen zu Sitzungen nach Agram zu unternehmen. Die Konsistorialmitglieder müßten wenigstens aus Billigkeitsgründen mit Ermäßigungsfahrkarten zum halben Fahrpreis der Staatsbahnen versehen sein: eine Begünstigung, die den Volksschullehrern zugestanden wird, welche hier zulande doch auch keine Staatsbeamte sind. Sollen wir noch vom Antisemitismus sprechen, so müssen wir allerdings mit Bedauern die Tatsache feststellen, daß dieses Geschwür am Körper der Gesellschaft, diese Pestbeule, welche den Geist der Völker tödlich infiziert, in letzter Zeit zu erstarken beginnt. Da aber unsere Regierung liberal, tolerant und fest ist, da ferner der Kern des ritterlichen kroatischen Volkes ein gesunder ist, steht nicht zu befürchten, daß diese Erscheinung solche Formen annehmen könnte wie im verhetzten Oesterreich. Außerdem haben wir gottlob an der Spitze der kroatischen Landesregierung einen Banus, der als großer Menschenfreund bekannt ist und daher keine Hetze in unserem Lande dulden wird. Zum Schluffe sei noch hervorgehoben, daß ein Jude, der ein treuer Sohn seines Volkes ist, schon seit Jahren Mitglied des allerhöchsten Gerichtshofes in Kroatien, nämlich der Septemviraltafel in Zagreb, ist. Dieser tüchtige und gediegene Richter in Kroatien heißt Mijo Heim. Seine Biographie habe ich im Jahre 1905 in der „The Jewish Encyclopedia" in New Pork veröffentlicht. „Drin Judentum."') Von Felix G o l d m a n n (Leipzig). man hat sehr oft, zumal in neuerer Zeit, gegen jenes Wort aus den Sprüchen der Väter sich gewandt, das da sagt, es sei kein Unwissender ein frommer Mensch. Man hat hierin einen gewiffen geistigen Hochurut, eine Ueberhebung der Gelehrten erblicken wollen, die den armen und ungelernten Mann aus dem Volke verachteten und ihm h „Mein Judentum." Die hauptsächlichsten unterscheidenden Merkmale des Judentums und des Christentums. Für jung und alt dargestellt von Jsaac Herzberg, Erstem Lehrer der Shnagogengemeinde zu Bromberg. — Leipzig 1918, Verlag von M. W. Kaufmann. jede religiöse Bedeutung absprachen. Aus dieser Stimmung heraus ist es zu erklären, wenn das Neue Testament sagt: „Selig sind die geistig Armen." Daß dem nun nicht so ist. daß der Wert des Menschen nicht nach seinem Wissen, sondern nur nach seinen Taten und seinem sittlichen Willen zu bemessen ist, braucht für keinen bewiesen zu werden, der auch nur flüchtig die jüdische Religion kennt. Dennoch aber kommt in jenem Ausspruch, der Wissen und Frömmigkeit in Beziehung setzt, eine wichtige Tatsache zum Ausdruck. Das Judentum ist und bleibt Gesetzes religion, und die Unterschiede zwischen orthodox, und liberal beziehen sich einzig und allein auf die Auffassung deffen, was als verbindliches Gesetz zu gelten habe. Ein Gesetz muß man aber kennen, wenn man es halten soll, und so erklärt sich der große Wert, den man im Judentum auf das Wissen gelegt hat und legt, ganz logisch aus dem Charakter der Religion. Ein Judentum, das sich nicht auf Kenntnissen ausbaut, ist bei aller Würdigung der Gemütsmomente ein haltloses Gebilde. Das Schwinden des Wissens vom Judentum ist die eigentliche Tragödie unserer Gemeinschaft. Aus dem Haß der Welt jeden Augenblick zu erfahren, daß man der jüdischen Religion angehört, in seinem Innern aber nicht erkennen zu können, worauf diese Zusammengehörigkeit beruht, ist das traurige Geschick, dem besonders in Westeuropa ganze Scharen von Glaubensgenossen anheimgefallen sind. Heutzutage redet man so oft und so gern von der „seelischen" Judennot, von der innerlichen Zerrissenheit und der Zersetzung der jüdischen Seele, und in den modernen jüdischen Zeitungen wimmelt es geradezu von „geistreichen" Essays, in denen Jüden ohne religiöse Kenntnisse und ohne das daraus entspringende religiöse Empfinden ihre Gefühle sezieren, um die wildesten Auffassungen vom Wesen des Judentums und der Judennot zu vertreten. All das krause, oft pathologisch anmutende wirre Zeug verrät aber nur, daß die seelische Judennot vornehnllich auf den Mangel an Wissen zurückgeht. Die jüdische Religion ist eben anders als alle anderen Glaubensfysteme. Weder die mystische Verzückung, die man getreulich dem Christentum abgeguckt hat, noch das bloße Spekulieren führt zur Erkenntnis des Judentums. Und selbst auf die Gefahr hin, daß man innerhalb und außerhalb unserer Reihen als kühler Verstandesmensch und als trockener, phantasieloser und kleinlicher Krämergeist gescholten wird, muß es immer wieder betont werden, daß Wissen die Grundlage des Judentums ist und bleibt. Gewiß ist es allein noch keine Religion, aber es ist der unumgänglich notwendige Anfang. Die äußere Judennot des Mittelalters war, ohne daß man schönfärberisch von der beklagenswerten Lage von heute zu denken braucht, ganz sicherlich unvergleichlich drückender und von einer seelisch zermürbenden Kraft. Und doch gab es damals keine seÄische Judennot! Von Zerrissenheit und innerem Zwiespalt war keine Rede. Im Gegenteil! Der Jude des Mittelalters ist ein in sich gefestigter Charakter, und nur die erstaunliche Sicherheit seines Wesens vermochte ihn über Leiden und Prüfungen hinwegzubringen, die man heute seinen Nachkommen — und ganz gewiß jenen nicht, die urbi et orbi von ihrer geplagten, schwankenden zersetzten Judenseele so Rührendes zu künden wissen — nicht zumuten darf, wenn man nicht von ihrer Standhaftigkeit furchtbar enttäuscht sein will. Sie kannten eben das Judentum, und auf dieser Grundlage erhob sich Glaube, Bekenntnismut, Beharrlichkeit und Opfevwille. Die Lösung der inneren jüdischen Schwierigkeiten ist nur die Frage der Verbreitung von Wisien. Man muß freilich die Dinge nehmen, wie sie sind, und darf nicht, wie eS von orthodoxer Seite nur zu häufig geschieht, die Maßnahmen zur

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