Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229381--74387-3286879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
500 zu beugen, geschweige denn niederzuwerfen vermochte; er flüchtete mit seinem Schmerz in die Studierstube, schrieb, kämpfte und siegte. Das kampferprobte Schwert, seine Feder — erst der Tod konnte sie seinen Händen entwinden. Von ihm aber gilt in gewissem Sinne, was von Moses, dessen Namen er trug, geschrieben steht: „Und Moses starb, und man begrub ihn, doch niemand kannte seine Begräbnisstätte", welche Worte von unseren Weisen dahin gedeutet werden, daß er auch nach seinem Tode allen gegenwärtig war. So ist Moritz Güdemann der Wiener Gemeinde, seiner Familie, den zahlreichen Freunden und Verehrern nur körperlich entrückt: seine mächtige Persönlichkeit, das inhaltsschwere und an Erfolgen reiche Leben, das er gelebt, hat unverwischbare Spuren hinterlassen, nicht bloß in seinem eigentlichen Wirkungskreise, sondern in der jüdischen Kultur und Geistesgeschichte. lßrfrf aus Kroatien und Slawonien. Don Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann (Virovitica). enn wir über jüdische Verhältnisse in Kroatien und Slawonien sprechen wollen, müssen wir auf mehr als drei Jahrzchnte zurückgreifen, um feststellen zu können, daß das kroatische Judentum eine günstige Entwicklung seit jener Zeit gemacht hat. Vor etwa drei Jahrzehnten mangelte es förmlich an einer jüdischen Intelligenz in unserem Lande. Rabbiner mit akademischer Bildung waren nur drei: Dr. Spitzer in Essegg, Dr. Jacobi in Agram und Dr. Ernst in Varasdin. Die Amtswirksamkeit von Dr. Gelbhaus in Karlstadt und des nachmaligen Großrabbiners von Bulgarien, weil. Dr. Grünwald in Belüvar, war von so kurzer Dauer, daß es sich nicht lohnt, davon Notiz zu nehmen. Alle übrigen Rabbiner Kroatiens und Slawoniens zu jener Zeit haben sich mit Ausnahme derer von Vinkorce und Jllok diesen Titel entweder selbst zugeeignet oder auf irgendeine Weise, die wir jetzt nicht erörtern wollen, verschafft. Man wird es nun leicht begreifen können, daß unter solchen Umständen jüdische Angelegenheiten in Kroatien, religiös-ethisch gewertet, nicht hoch eingeschätzt werden dursten. Die israelitischen Kultusgemeinden wurstelten nur fort, wie es ging; die Rabbinatsverweser oder Rabbiner, wie sie sich nannten, hatten einen schweren Kampf ums leidige Dasein zu führen, und gesetzt den Fall, daß ihnen von den Gemeinden ein besseres Auskommen gesichert worden wäre, war der Bildungsgrad dieser Beamten zu niedrig und zu tief stehend, als daß diese für die kulturelle Hebung des jüdischen Gemeindelebens in Kroatien und Slawonien etwas mit Erfolg hätten unternehmen können. Durch die Zunahme weltlicher Bildung unter den Juden. Kroatiens ist auch in dieser Hinsicht in Kroatien und Slawonien eine Wendung zum Besseren eingetreten. Anfangs der neunziger Jahre sehnten sich auch die kleineren jüdischen Gemeinden auf dem Lande nach einer religiösen Führung ihrer religiösen Angelegenheiten, die würdiger sei als die frühere. So kamen dann endlich einige akademisch gebildete Rabbiner ins Land. Aber sie hatten anfangs einen schweren Kampf um die Behauptung ihres Ansehens zu bestehen, und zwar nicht zu ihrem Vorteile. Die Kantoren erschwerten noch das auch sonst dornenbesäte Amt des Rabbiners in Kroatien. Alteingebürgerte Vorurteile, etwas Bosheit und eine große Dosis von Unbildung, die Mutter von Selbstüberhebung und Kabalen, spielten bei diesen tragikomischen Ränken eine nicht unbedeutende Rolle. Die modernen Rabbiner, bis jetzt, d. h. während ihrer Studienzeit nur im Kreise ihres Standes und ihrer Studiengenossen sich bewegend, wurden die Opfer ihrer Vertrauensseligkeit, da sie nun Leute ihres Vertrauens würdigten, die es nicht verdienten. Die Gegensätze zwischen Idealismus und trocken berechnendem Philistertum stießen im Raume hart aneinander. Trotz alledem gelang es doch diesen hartbedrängten modernen Rabbinern unseres Landes, neues jüdische? Leben in die jüdischen Gemeinden zu tragen. Es wurden jüdische Literaturvereine nach dem Muster Deutschlands in Kroatien und Slawonien gegründet, überall im Lande Vorträge über jüdisches Wissen und jüdisches Leben veranstaltet, so daß man auch außerhalb Kroatiens vom Leben des jüdischen Volkes an der Grenze der Balkanländer Kenntnis erhielt. Die Feder einiger kroatischer Rabbiner, die nicht ungeschickt geführt ward, trug zu dieser Kenntnis wesentlich bei. Durch diese modernen Rabbiner, die ihre Feder dem Dienste des Judentums geweiht hatten, wurde in unserem Lande auch dem Zionismus der Weg gebahnt, dessen Bewegung in diesem kleinen Lande viel stärker ist als im freien Ungarn, wo der Antisemitismus von der Regierungsbank verurteilt wird. Zu Anfang des großen Weltkrieges wurde jede Vereinstätigkeit bei uns von Amts wegen eingestellt. Die mit großen Opfern und viel Mühsal schwer zur Welt gekommenen jüdischen Literaturvereine mußten eben ihre Tätigkeit provisorisch einstellen. Da nun seit Beginn der parlamentarischen Tätigkeit in unserem Lande vieles zur Diskussion gestellt wird, das viel bedenklicher zu sein scheint als die reine ideale literarische Tätigkeit eines Vereines, ob nun derselbe jüdisch oder nichtjüdisch sei, hat der Israelitischkroatische Literaturverein zu Agram jüngst beschlossen, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen, zu welchem Zwecke er eine Reihe von Rednern und Vortragenden namhaft gemacht hat, die mit Beginn des kommenden Semesters Vorträge halten sollen. Es wäre allerdings zu wünschen, -daß diese angesehene jüdischliterarische Gesellschaft in Agram auch ein literarisches Jahrbuch mit literarischen Beiträgen herausgebe. Von großem Uebel ist es für die modernen Rabbiner in Kroatien, daß die ältere jüdische Generation in unserem Lande der Landessprache nicht mächtig ist. Die modernen Rabbiner gaben sich viel Mühe, die Landessprache zu erlernen. Die meisten halten ihre gottesdienstlichen Vorträge im Gotteshause in kroatischer Sprache. Nur die Rabbinatsverweser-Rabbiner haben sich während einer dreißig- bis vierzigjährigen Amtswirksamkeit nicht dazu bequemen können, die Landessprache zu erlernen, um wenigstens bei offiziellen Anlässen im Beisein der Staats¬ und Landesrepräsentanten im jüdischen Gotteshause, den offiziellen Vortrag in der Sprache des Volkes, in deren Mitte wir leben, den gottesdienstlichen Vortrag abzuhalten. Ein drastisches und auch drolliges Beispiel, wenn es nicht geradezu beschämend für gewisse jüdische Kreise in unserem Lande wäre, möge als Illustration dazu dienen, zu welch traurigen Ergebnissen von Disziplinlosigkeit man gelangt, wenn man dem Geiste der Zeit in Religion und Gottesdienst keine Rechnung trägt und dabei doch nicht der orthodoxen Richtung des Judentums angehört. In einer Mittelgemeinde in Kroatien sollte ein jüdisches Gotteshaus eingeweiht werden. Da der Rabbiner der betreffenden Gemeinde, in der er über 30 Jahre wirkte, kein Wort Kroatisch versteht, wurde mit ihm vereinbart, daß er die Abschiedsrede in der alten Synagoge halte, während die Einweihungsrede ein Rabbiner, der der kroatischen Sprache mächtig ist, zu halten habe. Der Rabbinatsverweser-Rabbiner ging aus diesen Vorschlag seiner Gemeinde ein, um aber, wie es sich später zeigte, seinem Kollegen einen Schabernack zu spielen. Tenn als der Rabbiner der Nachbargemeinde in der neuerbauten Synagoge die Weiherede hielt, insultierte ihn der alle Weihe und Heiligkeit in diesem Moment mißachtende Rabbiner. Anwesend waren bei dieser Szene die Vertreter sämtlicher k. u. k. Militärbehörden und solche ber Zivilbehörden. Außerdem waren sehr viele Repräsentanten amtlicher und privater Körperschaften anwesend. Daß so etwas,