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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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499 dem granitenen Grunde der Wahrheit, geformt aus dem Edelmetall strengster Wissenschaftlichkeit. Auch hier, wo er in Kampfesstellüng sich befindet gegenüber Haß und Lüge, Verdrehung und Verleumdung, verliert er keinen Augenblick die vornehme Ruhe und würdevolle Haltung, die man so oft an ihm bewundern konnte. Weit entfernt von jedem agitatorischen Ton, läßt er lediglich historisch begründete Tatsachen ihre unerbittliche Wahrheit sprechen, begleitet aber diesen Aufmarsch mit Worten von solcher Wucht und Schlagkraft, daß sie auch noch bei der Lektüre wie Keulenschläge wirken. Wahrlich, diese Reden verdienten es, zu einem Kranz geflochten, unserer Heranwachsenden Jugend als Zehrung und Labung auf den Lebensweg mitgegeben zu werden! Neben dieser die Kräfte eines Mannes voll und ganz in Anspruch nehmenden Wirksamkeit entfaltete er eine sehr fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit, die uns Güdemann als Gelehrten von tiefgründigem, weite Sprach- und Kultürgebiete umfassendem Wissen erkennen läßt. Oftmals wandte ich mich staunend an ihn mit der Frage, woher er denn die Zeit zu solchem Schassen nehme. „Keine Zeit", lautete seine Antwort, „haben in der Regel nur diejenigen, die über viel freie Zeit verfügen." — Güdemann war ein Gelehrter, aber kein Zunftgelehrter; ihm sind Einseitigkeit und Eigendünkel fremd geblieben, die bei dem Berufsgelehrten sich oft so unangenehm fühlbar machen. „Ich schreibe zum Vergnügen", Pflegte er zu sagen, und dieses „zum Vergnügen schreiben" äußerte sich in jeder Zeile, die er niederschrieb. Da merkt man nichtsvon dem Schweiß der aufgewandten Mühen: ein frischer, wohltuender Schmelz durchzieht -alle seine Arbeiten, der im Verein mit der kristallenen Klarheit seines Stilssie auch dem gebildeten Laien zugänglich macht. Und diese Frische und Klarheit haben im Alter eher zuals abgenommen — das Kriterium des wahren Talmid- Ehacham, dessen Geist nach einem Ausspruch unserer alten Lehrer mit dem fortschreitenden Alter an Klarheit und Helle gewinnt. Seine wissenschaftlichen Forschungen bewegen sich aus zwei Hauptgebieten. Von Haus aus ist Güdemann Historiker, ein Adept Grätzens, dem er in pietätvoller Verehrung erst vor kurzer Zeit anläßlich der hundertsten Wiederkehr an dessen Geburtstag ein literarisches Denkmal gesetzt hat. So sehr er aber auch unter dem Einfluß seines großen Lehrers stand, ein Nachschreiber und Nachtreter von Grätz ist Güdemann keineswegs; vielmehr hat er auch ihm gegenüber seine kraftvolle Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Die Früchte seiner historischen Forschungen sind: „Jüdisches Erziehungswesen während der spanisch-arabischen Periode", die „Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichtes und der Erziehung bei den deutschen Juden" und das dreibändige Werk „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur bei den deutschen Juden" — allesamt Quellenwerke ersten Ranges, in denen auf Grund authentischer Dokumente aus den verschiedensten Kulturkreisen und Zeiten und eines gut durchforschten Handschriftenmaterials- bis dahin ung-ekannte Zusammenhänge und ungeahnte Einblicke in das innere Leben der Juden des europäischen Mittelalters erschlossen sind. Abgesehen von der staunenswerten Vielseitigkeit des Wissens, die in ihnen zutage tritt, offenbaren diese Arbeiten eine Weite des Gesichtskreises und eine an den Vorbildern der klassischen Altertumskunde entwickelte Reise des Urteils, ohne welche an die wissenschaftliche Durchdringung von geschichtlichen Quellen nicht geschritten werden kann. Mag immerhin die Kritik Steinschneiders und David Kaufmanns an den Einzelheiten 'das eine oder andere bemängelt haben, auch sie konnten nicht umhin einzuräumen, daß hier ein ganz neues Arbeitsfeld -erschlossen war, das auch heute noch wissenschaftlich sehr ertragsfähig ist. Das zweite Forschungsgebiet, auf dem er als -Alleinherrscher sich bewegte und welches den wissenschaftlichen Ruf Güdemanns auch in nichtjüdischen Kreisen begründete, erstreckt sich auf die große Zahl von Arbeiten größeren und kleineren Umfanges, welche die systematische Verteidigung des Judentums und seiner Lehre zum Inhalt und die in der von der Gesellschaft zur Förderung des Judentums herausgegebenen- „Apologetik des Judentums" ihre Krönung gefunden haben. Wer diese Arbeiten gelesen, wird in ihnen gleich mir Güdemann als den geborenen Strategen erkannt haben, der nach der bekannten Fechterregel das wirksamste Mittel der Verteidigung im geschickt geführten Angriff zu finden weiß. Mit -wahrem Späherblick entdeckt er auch die unscheinbarsten Blößen -des Gegners, um ihn an solcher Stelle zu treffen und zu verwunden. Von dem Tage, da er vor mehr als 40 Jahren die Klinge mit Hilgenfeld gekreuzt, hat Güdemann die Kampsarena nicht mehr verlassen, hat er daselbst Sieg um Sieg erfochten und den Gegnern schwere Niederlagen bereitet. , Davon wissen die Häupter der protestantischen Theologie von Wellhausen bis zu Kittel manches wehmutsvolle Lied zu singen, sie, die Güdemann fürchteten, wie keinen zweiten in unserem Lager. Und nicht ohne Grund und Berechtigung! Denn ihm gebührt das Verdienst, als erster und einziger den Mut gesunden zu haben, das angemaßte Privilegium, eine Art Aussicht über das jüdische Schrifttum zu führen, diesen Herren streitig zu machen und sie selbst in die Schranken zu weisen. In allen seinen apologetischen Arbeiten widerhallt der Ruf, den er ihnen entgegenschleudert: Hände weg, kehrt vor der eigenen Tür, machet Ordnung vorerst im eigenen Haus; zu Hause aber sich nicht zu mucksen getrauen und bei anderen den großen Herrn spielen, steht Historikern und Kritikern, so urteilt Güdemann, sehr übel an. Was aber die „Unordnung im eigenen Hause" betrifft — gemeint sind die Widersprüche und Anachronismen in den neutestamentlichen Schriften, ihre gänzliche Abhänaigkeit vom jüdischen Schrifttum, die Widersprüche in der Auffassung und Auslegung der christlichen Hauptdogmen seitens der orthodoxen- und liberalen protestantischen Theologie —, so hat Güdemann diese und noch vieles andere mit einer Gründlichkeit -aufgezeigt, deren nur er als vorzüglicher Kenner des neut-estamentlichen Literaturkreises fähig war. Gefährlicher aber noch als im Zornwar er, wenn er die Lauge des Spottes über das Haupt seiner Gegner goß. Ein klassisches Beispiel hierfür liefert der im März/April-Hest 1915 der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" -erschienene Aufsatz: „Eine spaßhafte Prozeßgeschichte mit ernstem Hintergrund", worin er die Bosheit und Niedertracht des Fritzschen Unternehmens mit schneidender Schärfe bloßlegt — Kittel aber mit seinem „Obergutachten" dem Fluch der Lächerlichkeit preisgibt. So erscheint der Verewigte auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten als scharfumrissene Persönlichkeit, die uns zugleich einen Einblick in G ü d e m a n n a l s M e n s ch gewährt. Denn wie bei allen Männern von starkem Willen ist auch bei ihm der Mensch vom Werk nicht zu trennen; sie gehörenzusammen- und bilden eine harmonische Einheit. Diese letztere kam auch in seinem A-eußeren zum Ausdruck: in der vornehmen Haltung, dem gemessenen, gleichmäßigen Schritt und der würdevollen Gebärde. Von- Natur aus wortkarg und zugeknöpft, war er um so mitteilsamer im vertrauten Freundeskreise; da war es nicht bloß Genuß, sondern ein dauernder Gewinn-, den Worten dieses außergewöhnlich klugen, immer geistreichen und schlagfertigen Manneszu lauschen. Eine Herrscher- und Kämpfernatur, fand er als Sechzigjähriger an der Seite einer edlen und biederen Gattin, umgeben von fröhlicher Kinderschar, seltenes Lebensglück, dessen Himmel jedoch in den späteren Jahren durch Leid und Kummer verdüstert war. Güdemannwar aber 'nicht der Mann, den Mißgeschick

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