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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 498 (sequence 6)
Language
German
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498 wirksamste Schutzmittel gegen alle die Gemeinde von außen und von innen bedrohenden Gefahren erachtete. Und noch ein zweites war dabei hinzug-ekommen. Güdemann war nicht der Mann, der auf halbem Wege stehenblieb; was er einmal als richtig erkannte, das verfolgte er in unentwegtem Streben, dem der Erfolg in der Regel treu geblieben war. Das von ihm mit einer Fülle von Macht und Würde ausgestaltete „Wiener Rabbinat" war ihm gleichsam der Archimedespunkt, von dem aus er die radikalen Ideen, nach denen Jellinek die Zukunft der Wiener Gemeinde formen wollte, aus den Angeln zu heben wußte, um an ihre Stelle jenen konservativen Geist zu setzen, den er in der Breslauer Schule eingeatmet und der seiner religiösen Gemütsanlage am meisten entsprochen hatte: jene „mittlere Linie", die in den Worten des weisesten aller Könige am anschaulichsten dargestellt erscheint: „Gut ist es, daß du an diesem haltest und auch von jenem deine Hand nicht lassest; denn der Gottesfürchtige entgeht dem allen." So hat Güdemann das Meisterstück zuwege gebracht, das darin besteht, daß eine zweihunderttausendköpfige, in mannigfaltige Parteiungen und Gegensätzlichkeiten zerklüftete Gemeinde nach außen hin das Bild einer geschlossenen Einheit zeigt. Diese Einheit geschaffen zu haben, bildete den Stolz seines Lebens; sie mit allen Mitteln und Kräften, selbst um den Preis großer Opfer, zu erhalten, beeinflußte den wesentlichsten Inhalt seiner mehr als 50jährigen rabbinischen Tätigkeit so wesentlich, daß alle anderen großen Probleme der gegenwärtigen Judenheit im allgemeinen und der Wiener Gemeinde im besonderen in die zweite Linie seines Interesses rücken mußten. Daraus erklärt sich sein — besonders in den letzten zwei Jahrzehnten — mehr passives als aktives Verhalten gegenüber dem aufstrebenden Zionismus, dem Unterricht und der Erziehung der Heranwachsenden jüdischen Jugend, gegenüber allen auf eine Reform der Wiener Gemeindeverhältnisse abzielenden Bestrebungen und vielen anderen großen Fragen, an deren Lösung entscheidend mitzuwirken er wie kein anderer berufen war. Man mag indessen darüber denken, wie man wolle; selbst der Heftigste Gegner Güdemanns wird nicht umhin können, in der Schaffung dieser vielgerühmten und vielgelästerten „Einheit" eine — vom Standpunkt der österreichischen Verhältnisse betrachtet — höchst verdienstvolle Leistung zu erblicken. Denn mangels jedweder zusammenfassenden Organisation der österreichischen Judenheit ist die einheitliche, ungeteilte Wiener Kultusgemeinde wie von selbst zum führenden und repräsentativen Organ der gesamten Judenschast Oesterreichs geworden: das einzige Forum, von welchem aus die Stimme der Abwehr gegen Unrecht und Verleumdung, weithin vernehmbar, ertönen konnte. Niemals hatte diese Stimme einen feierlicheren' Klang und fand sie einen mächtigeren Widerhall, als wenn sie Güdemann erhob. Die einheitliche Wiener Gemeinde war ihm der geheiligte Boden, auf dem er die erhabensten Kämpfe hat! ausgefochten, Kämpfe Gottes, Kämpfe des Lichts gegen die Finsternis, des Rechtes und der Freiheit für sein Volk, gegen Unrecht, Vorurteil und Zurücksetzung. Auf diesem Boden wuchs Güdemann über sich selbst zur Ueberlebensgröße empor;! da war er ganz er 'selbst; da fand er Töne und Worte von solcher Wucht und Macht, wie sie nur ungeheuchelte Entrüstung über erlittenes Unrecht hervorzubringen vermag; da feierte er Triumphe, die selbst die kanzelrednerischen Erfolge Jellineks in den Schatten stellten. Das führt uns zur Betrachtung der zweiten Seite seiner Tätigkeit, zu Güdemann als Redner. Wenn man von Güdemann als Redner spricht, muß der Kanzelredner vom Gelegenheits- und Volksredner streng geschieden werden. Nach den vorstehenden Ausführungen dürfte die Behauptung nicht allzu gewagt erscheinen: Güdemann wollte gar nicht äls der glänzende Kanzelredner gelten, zumindest nicht in dem Sinne, wie Jellinek es war. „Nicht die Predigt," lautet einer seiner häufig verlautbarten Aussprüche, „sondern der Prediger, seine Lebensführung und Gesinnung sind das Entscheidende; peetus 68t, quod disertos facit." Diese hehre Auffassung des Predigeramtes ist es auch, die seiner Predigt das bezeichnende Gepräge verleiht. Nichts ist daher unrichtiger und ungerechter, als die Predigt Güdemanns gering einzuschätzen; nur darf an sie keineswegs der landläufige Maßstäb angelegt werden, nicht einmal der der tlassisch-jüdischen Kanzelberedsamkeit. Denn Güdemann war eine Persönlichkeit von scharf ausgeprägter Eigenart, von der, wie alleAeußerungen seines Geistes, auch seine Predigt nicht unbeeinflußt geblieben war. Sein eigener Lehrer und Meister, ist er im Gebiet der Predigt selbständige Wege gegangen, die weitab von der Straße des Herkommens liegen. . Folgt man der Lockung, den, Prediger Güdemann mit Jellinek zu vergleichen, so läßt sich zwischen beiden auch hierin der nämliche Gegensatz unschwer erkennen, welchen wir im vorhergehenden Abschnitt als ' entscheidend und ausschlaggebend für die Amtsführung Güdemanns hingestellt haben. War Jellinek der heißblütige Eiferer, der, in der Predigt den Spuren Pleßners und Salomons nachwandelnd, mit seiner nach den strengen Regeln der Homiletik aufgebauten, mit hinreißendem Pathos vorgetragenen Rede Phantasie und Gemüt im Höchstmaß zu erregen wußte, so erscheint Güdemann auch auf der Kanzel zunächst als der nüchterne, kühle Denker, der, ohne bei Disposition und Gliederung länger zu verweilen, geradewegs auf das Thema losgeht, das er in kurzem Umriß, aber mit unfehlbarer Treffsicherheit in verstandesmäßiger Gliederung wie ein logisches Exempel -behandelt und mit einigen wenigen, wuchtigen, in stetem Aufstieg der Gedanken sich erhebenden Sätzen, oft auch mit Anwendung eines Witzes, nach allen Seiten hin beleuchtet. Durch die Reden Jellineks werden wir im Geiste in einen mit den erlesensten und ehrfurchtgebietenden Kunstgegenständen gefüllten Prachtsaal versetzt; Güdemann führt uns hinaus in Gottes freie Natur, in Wald und Flur, wo Lerchenschlag und der frohe Gesang schaffensfreudigen Arbeitsvolkes uns an das Ohr dringt. Wahre Meisterschaft in der weisen Beschränkung zeigt Güdemann -in den zahllosen Kasualreden, die er während eines halben Jahrhunderts gehalten hat und welche im Verein mit seinen während der Wintermonate abgchaltenen Freitagabend-Exhorten Kabinettstücke sind in ihrer Art, Musterbeispiele, wie der inmitten des pulsierenden Großstadtlebens wirkende Rabbiner die kaleidoskopartig wechselnden Ereignisse im homiletischen Spektrum festzuhalten und in ihre Bestandteile zu gliedern hat. Ein mächtiges Hilfsmittel der Darstellungskraft bot ihm die deutsche Sprache, die er in souveräner Meisterschaft beherrschte und welche, auch hier im Gegensatz zu Jellineks Ornamentik, in ihrer klassischen Reinheit und wundervollen Prägnanz der allergetreueste Ausdruck seines Wesens ist. Mit Hilfe dieser eigen-, im gewissen Sinne auch einzigartigen Darstellungsgabe versteht Güdemann selbst den sprödesten Stoff zu meistern und trockene wissenschaftliche Themata genußfähig zu gestalten. Zu unübertrefflicher Kunst erhebt sich aber seine Darstellungskrast in den volkstümlichen Vorträgen und Reden, die er im Vortragssaal oder, wie z. B. anläßlich der Pogrome in Rußland, der Hilsner- und Beilis-Prozesse, in Versammlungslokalen vor einem vieltausendköpfigen Publikum gehalten hat. Hier steht er aus der höchsten Höhe seines rednerischen Könnens und erhebt er sich zu einer Größe, die nur das Bewußtsein, für die Wahrheit zu kämpfen, verleihen kann. Abgesehen von ihrer historischen Bedeutung, sind diese Reden in ihrer Art monumentale Schöpfungen, errichtet auf

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