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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-18 · Heft 42 (18.10.1918) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 urweltliche Kraft muß doch diesem ungeheueren Weltbeben innewohnen, daß es auch vor diesem Manne, der mit einer unverwüstlichen Lebenskraft ausgerüstet schien, nicht haltmachte! Nicht etwa, daß der am 5. August erfolgte Tod Güdemanns eine unmittelbare Folge des Krieges war; bei einem Manne, der das 84. Lebensjahr erreicht hat, kann davon billigerweise nicht gesprochen werden. Wer aber, wie Schreiber dieser Zeilen, Güdemann fast täglich zu sehen gewohnt, gewahren mußte, wie die bis in die letzte Zeit noch staunenswerte Elastizität seines Körpers zusehends dahinschwand, der fest und stark ausgreifende Schritt, der den Achtzigjährigen vor den beschwerlichsten Hochtouren nicht zurückschrecken ließ, unsicher unschleppend, Seh- und Hörorgane dienstunfähig geworden, der kann nicht umhin, neben den natürlichen Ursachen ein vollgerütteltes Schuldmaß an diesem jähen Niedergange den j unheilvollen Kriegsverhältnissen zuzuschreiben, die ihn, den „Deutschen", der er in Wesen, Haltung und Forschung bis an fehr Ende blieb, besonders hart treffen mußten. Einen Riesen habe ich Güdemann genannt, und nicht mit Unrecht, wie ich glaube. Ein Niese war er des Geistes, des Wissens, vor allem aber des Willens, des unbezwingbaren, stahlharten Willens. Wäre er von der Vorsehung zum Soldaten berufen worden, Güdemann hätte es zu einem gefürchteten Heerführer gebracht, hätte siegreiche Schlachten geschlagen, viele Feinde bezwungen, denn ein imperatorischer Zug des Willens- und Kraftmenschen lag ihm im Blute, beherrschte sein Wesen und Wirken als Mensch, als Gelehrter und auch Güdemann als Rabbiner. „Der Wille macht den Menschen groß und klein. Es wächst der Mensch mit seinem größeren Ziele", dieses bekannte Dichterwort kann als Leitmotiv für die Wirksamkeit gelten, die Güdemamn ein halbes Jahrhundert hindurch als Rabbiner und Oberrabbiner der Wiener Gemeinde entfaltete. Vor unseren Augen ^gleichsam stieg er von den bescheidensten Anfängen zu der überragenden Höhe empor, auf der ihn alle Welt sehen konnte, sehen mußte: ein Schulbeispiel für die einander abwechselnden Generationen, zu welch großartigen Erfolgen selbst auf dem engbegrenzten Felde rabbinischer Tätigkeit zielbewußte, vor keinem Hindernis zurückweichende Schaffenskraft emporzuführen vermag. Als Güdemann im Februar 1866 nach Wien als Prediger an den Leopoldstädter Tempel berufen worden war, ahnte er freilich nicht, welch großen Schwierigkeiten er sich bald gegenübergestellt sehen würde. Zunächst solche persönlicher Natur. Auf der einen Seite die noch frische Erinnerung an Jsak Noah Mannheimer, den abgöttisch verehrten ersten Wiener Prediger, aus der anderen die überragende Gestalt Adolf Jellineks, des weltberühmten Kanzelrebners, der allsabbatlich vor einer internationalen und interkonfessionellen Zuhöverschiast Triumphe der Kanzelberedsamkeit feierte — zwischen diese zwei Mühlsteine geriet der 31jährige Magdeburger Prediger, eine unbekannte Größe, täglich der Gefahr ausgesetzt, von ihnen zerrieben zu werden. Nicht weniger schwierig gestalteten sich die Gemeindeverhältnisse. Wien war schon damals ein heißer Boden, auf welchem, wie einst in den hellenistischen Staaten und Städten, die verschiedensten und oft entgegengesetzten religiösen und kulturellen Strömungen zusammenschlugen. Ost- und Westjuden, Orthodoxe und Liberale, Freimaurer und Logenbrüder, Zionisten, Sephardim und Galizianer — all die Gegensätze, welche, unter dem Hochdruck des fünften Kriegsjahres bis zur Siedehitze gesteigert, die Wiener Gemeinde heute mit der Gefahr der völligen Zersetzung bedrohen, sie lagen schon damals embryonal vorgebildet, um Geltung und Anerkennung ringend. Welche Fülle nicht erlahmender Tatkraft und hoher Lebensweisheit gehörte dazu, einem solchen, in steter i Vibration befindlichen Gemeinwesen Führer zu sein, inmitten hochausschäumender Brandung sich zu behaupten und zur Geltung zu bringen! Güdemann hat es vollbracht, vollbracht mit seiner glühenden, an den sich auftürmenden Hindernissen immer von neuem sich entzündenden Energie, die in seiner sprichwörtlich gewordenen Klugheit die wirksamste Ergänzung fand. BeiallerVerehrnng und Bewunderung, die er Jellinek zollte, hatte Güdemann mit seltenem ScharMick gar bald erkannt, daß weder die beispiellos dastehenden Erfolge, welche dieser Meister der jüdischen Predigt auf der Kanzel erntete, noch auch der doktrinäre Liberalismus.dem Jellinek in glühender Leidenschaft anhing, tiefere Wurzeln schlagen würden im Boden des Wiener Judentums. So ward chm Jellinek Lehrer und Meister vor allem darin, wie es nicht zu geschehen habe, und der kaum verhüllte Antagonismus zwischen zwei mächtigen Individualitäten, wie so oft im Leben des einzelnen und der Völker, war auch für Güdemann und sein Wirken von schicksalfügender Bedeutung. Hatte Jellinek, ein Kind der nachmendelss ohmschen Zeit, mit Hintansetzung des „Rabbiners" ausschließlich nur den „Prediger" gelten lassen und jedenfalls in der Predigt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit erblickt, so schlug Güdemann den entgegengesetzten Weg ein: er bestieg den „Thron des Rabbinates", errang Titel und Würde des Oberrabbiners, die mit dem Glanz seiner überragenden Persönlichkeit zu erfüllen er bis an sein Lebensende nicht aufgehört hat. Indem er solcherart das Wiener Rabbinat zum Mittelpunkt des religiösen Gemeindelebens gestaltete, ward er zugleich der geistige Vater des Begriffes „Wiener Rabbiner" überhaupt, wenn er auch von einem zeitgemäßen Ausbau dieses Begriffes und einem festen, nur dem Wohl der Wiener Gemeinde dienenden Zusammenschluß der Wiener Gemeinderabbiner nichts wissen wollte. Dazu fühlte er sich zu sehr als Oberrabbiner und mit dieser Würde derart verwachsen, daß er jeglicher organisierten kollegialen Mithilfe entraten zu können und die erstere für sich allein als das OberrabbinerKDr. M. Güdemann in Wien s. A. •W/'~

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