Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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495 Die Macht. Berlin, 15. Oktober 1918. mit tiefer Wehmut und aufrichtiger Trauer verzeichne ich das Hauptereignis der verflossenen Woche. Die deutsche Regierung hat, nachdem der Präsident Amerikas Erläuterungen zu der Bitte um Waffenstillstand verlangt hat, die geforderten Erklärungen abgegeben. Sie nimmt die Sätze an, die der Präsident in seiner Note vom 8. Janurr und in seinen ferneren -Auseinandersetzungen, formuliert hat, d. h., sie willigt in eine Räumung der besetzten Gebiete, stimmt einer Jnternationalisierung Elsaß-Lothringens zu, ist bereit, „das Unrecht" wieder gut zu machen, das Frankreich 1871 durch Einnahme von Elsaß-Lochringen zugefügt worden ist, erklärt sich geneigt, daß ein unabhängiger polnischer Start errichtet werde, der alle Länder umfaßt, die von einer unzweisechaften polnischen Bevölkerung bewohnt werden, einen Staat, der einen Zugang zur See besitzt (Danzig?). Damit ist, wenn Wilson und seine Verbündeten damit zufrieden sind, das Schicksal Deutschlands besiegelt, seine volle Demütigung erreicht/seine Verkürzung um wichtige Gebiete ausgesprochen. Wir, die wir die geschichtliche Notwendigkeit einer Teilung Polens anerkannt, wir, die wir die Eingliederung Elsaß- Lothringens als'eines deutschen Landes in Deutschland als einen Akt der Gerechtigkeit jubelnd begrüßt hatten, können nur mit tiefster Trauer von diesen Erklärungen Kenntnis nehmen. Noch vor wenigen Wochen glaubten wir hoffen zu dürfen, daß unsere Heere siegreich dem Ansturm widerstehen, ja unsere Waffen weiter vorwärts tragen würden; nun müssen nur bekennen, daß wir nicht bloß gezwungen Schritt für Schritt zurückweichen, sondern daß wir freiwillig große Gebiete räumen müssen, die wir erobert hatten und in denen wir vier Jahre als Herrscher weilten. Es ist nicht unseres Amtes zu untersuchen, wieso dieser jähe Umschwung erfolgt ist. Wir wollen nicht fragen, wen die Schuld trifft. Wir beugen uns kummervoll der Notwendigkeit und gehen mit tiefster Wehmut der Zukunft entgegen, die uns zu den unendlichen Verlusten, die uns die letzten Jahre zugefügt, die Vernichtung unserer Machtstellung bereiten, schier unerträgliche Lasten auserlegen wird. Wir wollen versuchen, diese schwere Zeit mit männlichem Mute zu ertragen. Ein kleiner Trost liegt in der inneren Neugestaltung Deutschlands. Wir begrüßen diese parlamentarische Neuordnung als freiheitlich Gesinnte und als Juden mit höher Freude und wünschen von Herzen, daß damit auch für uns eine Zmt der Freiheit anbricht. Deutschland gehört unsere Liebe, unsere Sehnsucht, unser Herz. Wir wollen nicht aufhören, freilich in anderem Sinne, als wir es bisher taten, den Sang anzustimmen: Deutschland, Deutschland über alles, lieber alles in der Welt. * Deutschland hat seine Söhne aufgerufen, ihm die Mittel zu gewähren, deren es bedarf. Die neunte Kriegsanleihe ist notwendig, auch wenn, wie wir hoffen, der Waffenstillstand bald eintritt, als Vorbedingung zu Friedensverhandlungen. Möge jeder seine Vaterlandsliebe auch in diesen bitterbösen Zeiten beweisen. Eine poetische Aufforderung unserer verehrten Mitzrrbeiterin Frau Anna Goldschmidt möge hier Platz finden. Sie ist zwar vor den traurigen Ereignissen geschrieben, die unsere Seele verfinstern, aber der Frohmut, der diese Verse erfüllt, mag uns erquicken.. Die Verse lauten: Mein Ähnemus! Warum ich mit so großem Eifer Gerad zur Neunten dränge hin? Warum ich mit Entzücken Käufer Der neuen Anteilscheine bin? Ja, freilich, es ist ewig schade. Daß wir auch noch die Neunte sehn. Doch Herr, neun Musen sind es grade, Die uns das Leben machen schön. Und warf im Kegelklub „Zur Sonne" Mein Vater alle Neune mal, Schwamm er direkt in Stolz und Wonne. Nenn ist solch wunderschöne Zahl. Und dann, was alles Holde einte, Ach, aller Kunst und Schönheit Zier, Ich sage nur: Beethovens Neunte! Wird Ihnen auch da gleich wie mir? '§ ist Aberglaube, ich gestehe. Daß mir mein Herz vor Hoffnung hüpft. Doch immer war es Sieg und Höhe, Die sich an diese Zahl geknüpft. Und, Herr, der alle Zeitungsblätter Hält, liest und dann verkündet laut. Und dem der Generalstabsvetter Die ganze Ehose anvertraut, Und der vom ersten Tag an wußte. Wie heut die Weltenlage steht. Und daß so alles kommen mußte — Sön kluger Hintenrumsprophet — Ach, alle, die so oft mich schlugen Und mich blamierten fürchterlich. Mein bester Herr, die Neunmalklugen, Die wissen auch nicht mehr als ich. Drum, mein verehrter Freund, drum freue Ich mich an meinem Ahnemus Und zeichne recht viel Kriegsanleihe, Weil die den Frieden bringen muß. Ihr Klugen wißt, ich fühl' und meine. Vielleicht wählt' ich das beßre Teil, Ich juble laut: Hurra, die Neunte! Sie bringt uns Frieden! Ruh und Heil! * Uns geht folgendes Schreiben zu, das wir an dieser Stelle einrücken: Sehr geehrte Redaktion! Sie haben über das von dern Vertreter -der polnischen Regierung in Berlin-, Graf Nonikier, in der Judenfrage an unser Komitee gerichtete Schreiben berichtet. In dem Bericht befindet sich die Bemerkung, daß das Schreiben an das „Komitee für die Ostj u de n" gerichtet war. Um Verwechslungen mit dem in Frankfurt bestehenden „Komitee für die Ostjuden" vorzubeugen, bitten wir Sie, davon Notiz zu nehmen, daß der Vertreter der polnischen Regierung das Schreiben- -auf Vorstellungen des „Komitees für den Osten" a » n n s gerichtet hat. Vielleicht haben Sie die Güte, -eine entsprechende Rtchtigst-ellung in Ihrem -geschätzten- Blatte z-n veröffentlichen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung „Komitee für den Osten" Dr. A. Friedemann-. * Herr Felix Saul in Stockholm sendet uns folgenben Artikel: In einem Leitartikel des finnischen „Hufvudstadsbladet", der sich mit -den in letzter Zeit hier und da aufgetauchten Meldungen von judenfeindlicher Stimmung in Finnland besaßt, heißt es: „Für jeden, der die hiesigen Verhältnisse und die gegenwärtige Stellung unserer jüdischen Bevölkerung kennt, ist es natürlich völlig unbegreiflich, was man in dieser Beziehung