Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m strebend sich bemüht", druu» «nkt ihr vielleicht nicht nur »Errettung vom Lösest sondern auch die Lösung von Problemen, die jetzt, noch tief umhüllt -und verschleiert sind wie „das Bild «ESaiS". An eine besonders tief gehende Lösung des Judenproblems denkt schließlich Professor Wilhelm Fo erster, der frühere Direktor der Berliner Sternwarte und Mitbegründer der Gesellschaft für Ethische Kultur, in seiner Schrift „Die internationale Wirksamkeit des Judentums in der Vergangenheit und in der Zukunft""), indem er dem Judentum, wie in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft die Aufgabe zuweist, nicht nur die spezifisch-jüdische Literatur zu verbreiten, sondern vor allem auch die allen Völkern gemeinsame Wissenschaft zu vertiefen und zu verbreiten. Damit würden nicht nur in Deutschland, sondern auch in der übrigen Kultuvwelt nach und nach die Zurücksetzung und der Vertrauensmangel gegenüber den Juden schwinden und die volle Gleichberechtigung erzielt werden. Ob dieses »Ziel aufs sehnlichste zu wünschen" auf solchem Wege zu erreichen sein wird, wir wollen es nicht schwarzseherisch bezweifeln. Wir wollen an der Hoffnung festhalten, daß dem Judentum noch eine hohe, segensreiche Friedensnnd Kulturmission, zu seinem eigenen Heil und Glück, beschieden sein möge. Entbiete den Geilt! Von Bezirksrabbiner Dr. SBceriiutnn (Heilbronn). s lastet auf den Seelen, daß in des Krieges eiserner Not die Aeußerung der Gedanken strengstens überwacht werden muß, und wie Sehnsucht nach Frieden, so lebt in den Herzen das heiße Verlangen nach Gedankenfreiheit . . . Wie groß erscheint Moses, der auf des Josua Bitte, den Unbeauftragten Volkssprechern Eldad und Medad zu wehren, entgegnet: Wäre doch das ganze Volk Propheten! Des Geistes Regung soll nicht gehemmt werden. Aber groß ist auch Josua; gewiß hat ihn nicht gekränkt, daß sie, sondern, was sie predigten. Ton und Weise, Grundstimmung und Grundgesinnung jener beiden verlangten seinen Einspruch. Darüber nach Winken der Alten einige zeitgemäße Bemerkungen. Falsche Volksfreunde waren die beiden, vor denen der Jünger des Größten zu warnen sich berufen fühlte. * Denn sie redeten al iske s’law über die Segensgabe der Wachteln, welche die Fleischnot der Wüstenwanderer beseitigte. Magen frage und wieder Magenfrage war ihrer Worte Kern. Sicherlich darf der religiöse Wortführer nicht einseitig aufs Geistige gerichtet sein. Des Leibes Bedürfnis soll nicht verneint, sondern verklärt werden. Trunksucht, Unzucht. Wohnungsnot, schlechte Besitzverteilung hemmen das Reich Gottes. Aber es ist der Geist, den sich der Körper baut. Nicht von Brot allein lebt der Mensch. Nicht jeder Reiche ist glücklich. Nicht robuste Volkskraft und Schwergewicht der Masse verbürgt den Sieg. Rußlands tönerner Koloß brach im Weltkrieg zusammen. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!" Wie die Pflanze nicht nur vom Nährstoff, den die Wurzel dem Boden entnimmt, lebt, sondern auch vom Lichte der Höhe, so der Mensch. „Gebt mir einen großen Gedanken, daß ich davon lebe!" ruft Herder. Wer einem Volke rettende Worte sagen will, darf den Ezechielrus nicht vergessen! Entbiete den Geist! * Sie redeten über die neuen Dinge, die kommen müssen — al bias hoorez. Vom Zuge ins Gelobte Land sprachen sie. An allen Mängeln Israels trügen allein die Verhältnisse Schuld, der Aufenthalt in der Wüste; neue Zustände würden neue Menschen schaffen! Wieder eine gefährliche Halbwahrheit. Viel machen die Umstände; doch nicht alles! Wo immer alle Schuld den Dingen um uns zugewälzt wird, da wird die Verantwortlichkeit eingeschläfert. So im kleinen. Der Beamte, der im bescheidenen Wirken trag ist, weil er im engen Kreis sich nicht ausleben kann, wird nachher oft auf größerem Plan versagen. Die abhängige Magd, der es nicht lohnt, für andere ihre Pflicht zu tun, wird später in der eigenen Häuslichkeit die Ordnung missen lassen. „Hier oder sonst nirgends ist, was du suchst." Der Mensch muß stärker sein als die Verhältnisse. Heute sind's viele und geben ein herrliches Vorbild. Die Kriegsverstümmelten, Taube, Blinde, die aller furchtbaren Not gegenüber ihr kräftiges „Dennoch" haben und sich, Mitleid verschmähend, durchsetzen. Jene von Josua angefochtenen Prediger züchten Schwächlinge. Der Geist des Gottessehers will Helden! * Sie redeten über den späten Weltkrieg al milebeinos goss. Sie boten Zukunftsmusik. Sie leiteten zum Träumen und Schwärmen. Gotteskinder sollen aber Gegenwartsarbeit treiben und so die herrliche Zukunft vorbereiten. Nicht pangermanische Weltmachtphantasien, nicht kühne Judenstaatsgedanken haben rettende Kraft für die Seelen. „So viel Geld hat Ophir nicht, als in ihrem Munde die flüchtige Stunde." Das Gebot des Tages will beherzigt werden. Wann kommt der Messias, wurde ein alter Meister gefragt: „Heute, wenn ihr auf Gottes Stimme höret!" Stille, schlichte Pflichterfüllung der Not der Gegenwart zum Trotz ist die Losung der Religion, die ja die heidenmäßige Form des Lebens sein will. Jene von Josua befehdeten Schwarmgeister luden zur Höhenfahrt in ein luftiges Wölkenkuckucksheim ein, statt zur treuen Erdenarbeit zu erziehen. Das war die gefährliche Einseitigkeit ihres Wesens und Wortes. * Dennoch wollte sie Moses reden lassen. Die Wahrheit braucht keinen Polizeischutz. Sie bahnt durch eigene Kraft ihren Weg. Wo waren die beiden Großsprecher in der Stunde von Israels Gefahr? Damals sprach Moses: „Rette Israel oder tilge auch mich aus deinem Lebensbuche!" Ihm ging die Sache über die Person . . . Prophetengröße hier, Kleingeisterei bei jenen beiden andern. Moses der Mensch der großen Innerlichkeit, und doch ein Mann von unerhörtem Wirklichkeitssinn, und sie verloren an Aeußerlichkeiten und Einbildungen ... Die Juden Preußens wollen eine Organisation. Zweifellos ist an der alten Unordnung vielerlei zu tadeln. Und gerade wir, die wir in einer glücklicheren besseren Verfassung leben, haben für die dortigen Mißstände einen geschärften Blick und wünschen dem Sehnen und Suchen nach Besserem Gelingen und Erfolg. Doch das scheint sicher: die Rettung des preußischen Judentums kommt nicht durch neue Institutionen, sondern durch einen neuen Geist! Menschen oder besser Männer, nicht Methoden und Systeme schaffen das Heil. Entbiete den Geist! ") Verlag von Otto Hendel, Halle a. d. S. 1918. *