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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-11 · Heft 41 (11.10.1918) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
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'-492 mit seinen Armen umschlungen, und sie fühlte seinen Atem an ihrem Gesichte. .Sie 'wußte nicht, ob sein Mund den ihrigen berührt, denn flink wie der Blitz hatte sie sich von ihm befreit, und ohne noch ein weiteres Wort zu sprechen, war sie aus dem Zimmer geeilt. Mit einem verlegenen Lächeln bückte sich Burger nach seinem Hut, der ihm aus der Hand gefallen war. Als er sich wieder aufrichtete, stand Stella vor ihm. „Ich habe auf die Mutter gewartet," erklärte sie verschmitzt lächelnd. „Sie haben hoffentlich nichts dagegen, daß ich unfreiwillig Ihr Flüstern vernommen, da sich dies in Ihrem Eifer etwas laut gestaltet hatte. Armer Burger! Schon vierzehn Tage verlobt und noch nicht ein einziges Mal die Braut geküßt! Sehr bedauerlich! Aber könnte nicht dieser Ausfall durch einen, Stellvertreter ersetzt werden?" Die gespitzten Lippen sprachen deutlicher als die einladenden Worte. Burger sah sie erstaunt an und wandte sich schnell weg. „Kleine Hexe!" sprach er, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte. 13. Mit einem leisen Schreckensruf bückte sich Ellen, um die beschriebenen Blätter aufzuheben, die vom Schreibtisch gefallen waren. Sie glättete jedes Blatt, um auch das kleinste Stäubchen zu entfernen, das die Sauberkeit beeinträchtigen könnte. Das war die achtzehnte Seite, nein, die neunzehnte schon, aber sie fühlte noch keine Spur von Müdigkeit. Nur die Augen schmerzten ein wenig, weil die Dämmerung so schnell hereinbrach. Nur noch zwei Seiten, dann war sie fertig. (Fortsetzung folgt.) Lprrchlaal. Sehr geehrte Redaktion! Zu den Ausführungen des Herrn Dr. N. v. Schwarz-Hiller habe ich folgendes zu bemerken: Herr Dr. v. Schwarz-Hiller ist der Meinung, daß derartige Pressemittcilungen, wie mein Artikel, der jüdischen Sache eher schaden als nützen können. Ich kann diese Meinung nicht teilen; denn nützen können sie schon dadurch, daß manche Kreise, die dazu berufen wären, dem Iudentume zu helfen, aber aus einfacher Bequemlichkeit und aus anderen egoistischen Gründen ihre Hilfe nicht gewähren, durch Mitteilungen in der Presse dazu angeregt und indirekt anfgesordert werden mitznwirken. Und schaden! Ach du lieber Gott! Kann man den Juden noch mehr Schaden zufügen, als dies bis jetzt bereits geschehen ist? Ich bin der Ueberzeugung, daß dies nicht mehr möglich ist. Nachdemman ihnen ihr Hab und Gut in Asche und Schutt verwandelt, sie von der Heimat in eine unbekannte fremde Gegend verschallt hat und sie nur beim nackten Leben gelassen hat, kann man ihnen doch nicht mehr schaden. Schädlicheres als arm, verlassen und Vertrieben zu sein, gibt es wahrlich nicht mehr auf dieser blutdurchtränkten Erde. Und nun all 1. Es besteht also kein offizieller Zwang zur Abreise aus Wien. Gut! Ist die Entziehung der staatlichen Untorstützungsgelder den Flüchtlingen ----- deren Gemeinden zur Rückkehr sreigegeben werden — nicht identisch mit einer Aufforderung zur Abreise? Berücksichtigt man die hohen Lebensmittelpreise in Wien, die ins Unglaubliche verlaufen, so fragt man sich, wie haben diese Menschen mit 2 Kronen Unterstützungsgeld pro Kopf — aber nicht pro Magen — und Monat leben können! Und nun plötzlich ohne jedwede Unterstützung und Beruf. Wurden diese armen Geschöpfe etwa nicht gezwungen, die Stadt an der Donau zu verlassen? Die Entziehung der Unterstützungsgelder ist also nur eine „höfliche" Form der Ausweisung. Ad 2. Sagen wir, die Flüchtlinge haben am Sonntag gewußt, daß sie am Montag Wien verlassen müssen. Haben sie dadurch die Möglichkeit gehabt, sich Nahrungsmittel für die lange, schwere Reist zu verschaffen? Selbstredend ist das nicht; denn erstens bekämen sie keine Unterstützung mehr, hatten also kein Geld zum Einkäufen, und zweitens verabfolgte man ihnen keine Karten mehr. Es steht also unabänderlich fest, daß diese Armen aller Aermsten ohne ein Stück Brot Wien verlassen haben. Darüber verliert Herr Dr. v. Schwarz- Hiller kein Wort, ja nicht einmal eine Silbe. Und gerade dieser Punkt ist der wichtigste Faktor in meiner Anklage. Worin besteht nun die ganze Hilfeleistung, wenn nicht im Versorgen mit Nahrungsmitteln? Es jist sehr anerkennenswert, haß .diije Müchtlinge so elegant und bequem gereist sind, wie Herr Dr. v. Schwarz-Hiller berichtet, aber die schönste Reise wird einem zur Qual, wenn die kleinen und großen Kinder bei den Eltern weinend um Brot bitten und die Eltern ihrem Wunsche nicht entsprechen können-. Man muß noch bedenken, daß, wenn die Flüchtlinge an ihrer Zielstation angelangt find, nicht einmal ein Brotkrumen zur Verfügung steht. Ob die Flüchtlinge die Transp-ortzüge den Perfonenzügen vorziehen,. möchte ich dahingestellt fein lassen. Sie sind gezwungen, die Transportzüge zu benutzen mit Rücksicht auf ihr Mobiliar. Die Bemerkung, daß Aerzte, Advokaten ufw. die Transportzüge benutzen, ist nicht stichhaltig, denn man müßte die Gründe -dazu angeben, warum sie es tun. Aus Rücksichten der Bequemlichkeit (sie!) wohl ausgeschlossen. Man muß noch dazu die Reisedauer, Wartezeit usw. der Flüchtlingszüge berücksichtigen, um zur klaren Uebcrlegung zu gelangen, welche Züge wohl vorzuziehen wären. Ad 3. . Ich wünsche weder meinen Freunden noch den Feinden diejenigen Stöße und Flüche einzustecken, die jene „Wanderer" bei ihrer Abreise eingesteckt haben.. Daß Herr Dr. v. Schwarz-Hiller bei der Abfertigung der Züge persönlich anwesend war und ist, ändert nichts an der Sache. Unsere Beamten find im- Verabfolgen von Stößen viel gewandter, als unsere Augen sie verfolgen können. Ad 4. Herr Dr. v. Schwarz-Hiller behauptet, es waren nur zirka 900 Müchtlinge am besagten Montag zur Abreise bestimmt. Das mutet etwas eigenartig an. Jedermann weiß, daß heutzutage ein . großer Mangel an Wagen herrscht, und da kaum man ja der Eisenbahnverwaltung kaum zumuten, daß sie den Flüchtlingen zuliebe andere wichtigere Transporte einschrünken wird, um die; Flüchtlinge bequem — 6 bis 7 Personen in einem Waggon, der für 40 Personen Fassungsraum bestimmt ist —- fahren zu lassen. Ziehen wir 40 Personen für den Bedarf an Raum für Möbel ab, so verbleiben immer noch 30 Personen für einen Wagen. Und wenn, wie Herr Dr. v. Schwarz-Hiller angibt, 150 Wagen zur Verfügung standen, so waren es demnach 4500 Seelen. Und nun noch zur Behauptung, daß ich nicht persönlich am Bahnhof war. Wünscht etwa Herr Dr. Schwarz-Hiller, daß ich dies beeiden soll? Der verehrten Redaktion dürfte es noch in Erinnerung sein, daß ich am selben Tage aus Wien brieflich über den Vorfall berichtete. Cs liegt mir sehr fern, Herrn Dr. v. Schwarz-Hiller irgendwelche Vorwürfe zu machen, im Gegenteil, ich will nicht einmal verschweigen, daß die Flüchtlinge über die Behandlung durch Herrn Dr. v. Schwarz-Hiller voller Lob und Dankbarkeit waren. Das kann aber unmöglich den Tatbestand aus der Welt. schaffen. Die Flüchtlinge wurden und werden schlecht behandelt, das liegt einmal in der Jnteressenlostgkeit weiterer jüdischer Kreise; Herr Dr. v. Schwarz-Hiller allein ist nicht in der Lage, dem abzuhelfen, wenn er nicht die tatkräftige Unterstützung der berufenen Kreise genießt. Mit vorzüglicher Hochachtung Elias Nacht. * Siehe geehrter Herr Geheimrat! Leider. konnteich erst heute die Nummer vom 9. August, worin die Replik des Herrn.' Dr. Gelles abgedruckt ist, zur Einsicht bekommen. Ich gestatte mir, darauf folgendes kurz zu. entgegnen-. In meinem demnächst erscheinenden Aufsatz „Merkmale talmudischer Sentenzen über die alltägliche Ernährungsweise" habe ich aus biblischen und talmudischen u nan fechtbaren Quellen zur Evidenz bewiesen (und nehme an, daß Herr Dr. Gelles den Talmud als Autorität in der Bib e l so r schun g anerkennt!), daß nach biblisch-talmudischer Ansicht die gem i sch te E r nähr un gs - weise die zuträglichste sei. Der Hinweis Dr. Gelles^ auf Jes. LVI ist ein lapsus exegeticus. Die größten Autoritäten, wie Rubner u. a., sind Gegner des starren Vegetarismus. Ten besten Beweis für die Schädlichkeit desselben für die Gesundheit hat die leider herrschende Z e i t n o t erbracht. ... Hochachtungsvoll Dr. Ratner.

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