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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-11 · Heft 41 (11.10.1918) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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491 „Sogar von einem Julius," unterbrach er sie wieder schmollend. Klaßner war zu ihr getreten, und Julius entfernte sich mit einem Laut, der ebenso Fluch als Seufzer sein mochte. „Liebling," sprach Klaßner zu ihr, „ich will Fräulein Mahlow meine Bücherei zeigen." Ellen sah ihn mit einem leeren Blick an, nickte ihm aber bald verständnisvoll zu. „Wie gefällt Ihnen das, Frau Klaßner?" rief Burger mit erzwungenem Lächeln. „Ihr Herr Gemahl schnappt mir da meine'Braut vor der Nase weg!" Durch ähnliche geistreiche Bemerkungen hatte er sich schon den ganzen Abend ausgezeichnet. Ellen gab keine Antwort, so daß Burgers Ansicht über den Humor des Klaßnerschen Ehepaares tiefer und tiefer sank. Er behielt die Zigarre im Munde und die Hände in den Taschen und sprach weiter, ohne von Ellen unterbrochen zu werden. Inzwischen waren Alice und Klaßner in der .Bücherei' angelangt, und das Mädchen mußte unwillkürlich lächeln, daß er das Stübchen, wo nur wenige Bände vorhanden waren, mit diesem stolzen Titel belegte. Die meisten Bücher stammten aus Ellens Schulzeit her. Sie hatte dieselben zu gleicher Zeit auch erhalten, und dadurch fühlte sie sich in dem kleinen Raum heimisch und traulich. Auf dem Schreibtisch lag eine Anzahl loser Blätter, eng beschrieben, die Klaßner ihr hinreichte. „Nur dieser Blätter wegen habe ich Sie, Fräulein Mahlow, herauf gebeten," sagte er und fuhr dann lächelnd fort: „Für mich ist es jetzt eigentlich ein historischer Moment, denn eben habe ich die Vorrede für mein Buch beendet. Es führt den Titel: .Das Recht der Rasse!'" „Ich erinnere mich, schon früher mit Ihnen darüber gesprochen zu haben," rief Alice eifrig. „Ich weiß es. Sie waren auch so freundlich, ein gewisses Jnteresie zu bekunden, daher hatte ich mit Ellen besprochen, daß Sie es noch vor dem Druck lesen sollen. Sie brauchen aber nicht ängstlich zu sein; es ist gar nicht umfangreich, und wird Sie höchstens zehn Minuten in Anspruch nehmen." „Ich danke Ihnen sehr," sprach Alice freudig überrascht. „Lesen Sie nur ruhig und nehmen Sie auf mich keine Rücksicht. Ich habe dabei den Vorteil, daß ich inzwischen wieder etwas Ordnung in meine Papiere bringen kann." Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie die Blätter auseinanderfaltete. Me Schrift war sehr leserlich und die Sätze klar und kurz zusammengedrängt. ES war der Entwurf einer „Apologia Judaica", um die Stellung zu rechtfertigen, die die indische Rasse unter den anderen Völkerschaften einnahm, die Methoden und Umstände erläuternd, die es zu einem machtvollen Faktor der Zivilisation gemacht, und den Einfluß erörternd, den sie mit Recht auch in Zukunft ausüben würde. Aus der Angabe der Kapitelüberschriften ging deutlich hervor. daß es ein groß angelegtes Werk werden sollte. Alice hatte fertig gelesen und ließ nun ihre Hände, die noch immer die Blätter hielten, nachdenkend in den Schloß sinken. Klaßner schien noch immer mit seinen Papieren beschäftigt zu sein. Alice führ zusammen, als sie jetzt seine Stimme vernahm: ' „Nun, Fräulein Mahlow, Sie sagen nichts! Ist es nicht wert, besprochen zu werden?" „Im Gegenteil! Es ist hochinteressant!" rief sie begeistert. „Aber Sie haben mir ein großes Kompliment gemacht, indem Sie es mich lesen ließen. Nur überschätzen Sie meine Fähigkeiten, wenn Sie von mir ein Urteil erwarten." „Das zu beurteilen, müsien Sie schon mir überlasien," sprach er freundlich. „Glauben Sie, daß das Buch Anklang finden wird?" „Zweifeln Sie daran? Sie haben unserem Volke einen großen Dienst geleistet und es zu großem Danke verpflichtet." „Dank?" rief er fröhlich. „Sagen Sie das nicht, denn -ich beanspruche keinen. Das Werk wird mir bester gelingen, wenn ich nur zu meiner eigenen Freude daran arbeite, als zum Vergnügen anderer. Mer wenn meine wertgeschätzten Glaubensgenossen einen moralischen oder materiellen Vorteil dabei haben, werde ich es ihnen nicht mißgönnen." „Ich lehne es ab, zu glauben, daß dies Ihre aufrichtige Gesinnung ist," sprach sie ernst. „Sie glauben nicht, daß mir der Dank der Menge gleichgültig ist? Aber es ist tatsächlich so. Ich schwelge im Bewußtsein, daß ich ohne jeglichen Eigennutz an meine Aufgabe gehe; es bereitet mir die größte Freude, daß ich persönlich nicht den geringsten Vorteil davon haben werde außer den, den etwa der Verleger mir gewähren wird. Doch verzeihen Sie, Fräulein Mahlow, mir fällt eben ein, daß ich Sie möglicherweise falsch verstanden habe. Sie haben sicherlich unsere hiesige kleine Gemeinde im Auge gehabt. Wenn aber Ihre Worte sich auf die große Gesamtheit beziehen, da will ich Ihnen gestehen," er atmete tief auf, bevor er weiter sprach, „wenn ich daran denke, daß ich damit das Geschick unserer Rasse auch nur um Haaresbreite fördere, dann wäre meine Mühe tausendfach belohnt! Mer gerade das muß ich sehr bezweifeln." „Warum aber wollen Sie nicht auch mit wenigem zufrie-. den sein? Offen gestanden, Herr Klaßner, ich glaubte zuerst, daß Sie das Buch gerade für unsere kleine Gemeinde geschrieben, als — als — Sühnopfer für das Urteil, das man sich in der Gemeinde über Sie gebildet." „Weil ich eine Nichtjüdin zur Frau genommen?" unterbrach er sie. Sie schwieg einen Augenblick und sprach dann mit großem Ernst: „Ich glaube nicht, daß man Ihre Heirat so auffaßt." „Das will ich gern glauben, da doch die Gemeinde sich selbst nickt widersprechen darf, indem sie selbst im Nachahmen fremder Sitten keine Grenze kennt. In meinem Falle aber hat die Gemeinde sckließlich keinerlei Grund, sich selbst etwas zur Last zu legen. Wie Sie wissen., habe ich Ellen geheiratet aus dem einfachen Grunde, weil ich sie liebte. Ich hätte sie geheiratet, auch wenn sie eine Heidin gewesen wäre." „Gewiß weiß ick das." sprach sie schnell und lenkte das Gespräch wieder auf das Buch. „Ich glaube, daß ich es in etwa drei Monaten druckreif haben werde," erwiderte er auf eine diesbezügliche Frage. „Es soll noch vor den großen Festtagen fertig sein, da diese Zeit doch eine Unterbrechung des Alltagslebens verursacht und für andere Arbeiten nicht geeignet ist." „Meses Jahr." fuhr er fort, „wird es durch Ellen für mich mebr als sonst der Fall fein. Ungeduldig sieht sie den ersten jüdischen Festtagen entgegen." Als Kaßner und Alice wieder das Wohnzimmer betraten, war Burger in großer Unruhe und drängte zum Aufbruch. Julius begleitete das Brautpaar bis zur nächsten Ecke einer verkehrsreichen Straße, wo Burger eine Minute später einen Wagen fand. Julius verabschiedete sich, um noch eine Stunde in seinem Klub zu verbringen. Als das Brautpaar die mütterliche Wohnung betreten hatte, sagte Burger: „Alice, mein Herz verlangt ungestüm nach dir. Nur ein einziges Mal laß mich deinen Mund küsten!" Sie trat schnell zurück. „Heute nicht. Ein anderes Mal!" „Alice, ich sagte dir doch, daß mein Herz nach dir lechzt." Mit einer schnellen Bewegung entzog sie ihm die Hand und schritt zur Tür. Im nächsten Augenblick aber hatte er sie

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