Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Buche „An Deutschlands Jugend" (nach dem Probestück im „Berliner Tageblatt" vom 28. September d. I.)' zum Zwecke eindringlicher Belehrung auf das jüdische Volk hinweist. Rathenau ist kein Tempelherr, und doch ist seine Aeußerung viel ungerechter als die des heißblütigen Assad-Sprossen. Er sagt: „Es hat ein Bolk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße und Tränen ist noch heute kein Ende. Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle." Was für eine seltsame religiöse Geschichtsauffassung liegt dieser Ansicht zucp-Ande? Wegen seines Glaubens an den eigenen Wert soll Israel in 'die Qualen des Erils gejagt sein! Ist es nicht vielleicht untergegangen, weil das winzige Volk, zwischen die mächtigsten Nationen gelagert, ein Svielball der Weltmächte geworden war? £>at nicht vielleicht die unkluge Politik seiner regierenden Herren die Vernichtung seines Staatswesens verschuldet? Wenn der fromme Jude in diesen Festeszeiten immer wieder demütig bekennt: „Wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande vertrieben", so denkt er in seinem unerschütterlichen Glauben an die göttliche Gerechtigkeit, nicht an die Sünde, die Rathenan als seiner Leiden Quell ansiebt. Hätte Israel nicht den Glauben an seine ..Auserwäbltbeit" gehabt — ein Glaube, den jedes selbstbewußte Volk, das seine Bedeutung fühlt, heat und heaen muß —. hätte es nicht den Glauben an sein herrliches Reliaionsaut, an seine währende Bekenneraufgabe gehabt, so hätte es nicht zweitausend Jahre in Blut und Tränen verbringen können. Es wäre zermalmt und zerrieben unter den Völkern, es wäre längst untergeganaen im Wirbel der Völkeraesckicke. Aber Israel lebt! Wie die Großen in Israel zu a l l e n weiten den Auserwähltbeitsalauben nicht im Sinne nationaler Ueberhebuna. sondern als sittliche Aufgabe gedeutet und gepredigt haben, scheint leider Ratbenau nicht zu wissen, Rathenau, der doch selbst ein Beispiel dafür ist, wie die feinsten und stolzesten Geister des Judentums es nie an unerbittlicher Selbstkritik haben fehlen lassen. Er scheint nickt zu wissen, daß schon der alte Prophet Amos (Kav. 3,2) «seinen Volksgenossen sagt: „Euch habe ich erkannt aus allen Geschlechtern der Erde - darum will ick an euch all eure Sünden ahnden" und (Kar. 8. 7): „Seid ihr mir nickt wie die Kuschiten, Kinder Israels? ist der Spruch des Ewigen. Ja. ick habe Israel aus dem Land Aegypten geführt — und die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir." Wie leickt hätte Ratbenau über den jüdischen Erwählungsglauben sich belehren lassen können, wenn er etwa Dienemanns Artikel in Nr. 31 des „Korrespondenz-Mattes des Verbandes der Deutschen Juden" (1912) oder die Darstellung in Bäcks ..Wesen des Judentums", S. 45 ff. — um nur leickt zugängliche populäre Schriften zu nennen — gelesen hätte. Seinen Aussatz schließt Rathenau mit den schönen Worten: „Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern voraus, eines, das keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid heraussordert: die Härte und Schwere der metaphysischen Pflicht. Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben. das Streben zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter vrüfen als alle anderen und das Schwerste von uns verlangen. Und deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt, damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen Geist zu verherrlichen. Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die dankbarsten aller Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die demütigsten sein." So spricht sicherlich ein guter Deutscher. Aber Walter Rathenau mag es uns nicht übelnehmen: genau so, mit denselben Worten, kann der gute Jude seine Auserwähltheit" bekennen. frjgjjbLeSQyf Jedem das Srmigr. (15. Fort?.) Roman von M. Pulvermann. ls die Freundinnen wieder das Wohnzimmer betraten, wurden sie von Burger mit einer grobkörnigen Schmeichelei empfangen, die Alice mit einem Erröten und Ellen mit einem unbestimmten Lächeln aufnahm. Burger war überhaupt in der rosigsten Laune und erzählte vieles, von seinem fernen Leben in Afrika. Ellen war inzwischen zu Julius getreten, der erschreckt zusammenfuhr, als sie an ihn das Wort richtete. „Wie geht es Ihnen, Julius? Haben Sie mir nichts zu berichten?" Der Angeredete blickte sich um. Wenn er die Stimme ein wenig dämpft, ist er außer Gehörweite der anderen und er kann die Last von seinem Herzen wälzen — „Was sollte ich Ihnen zu sagen haben? Ich weiß doch nicht einmal, wie ich Sie jetzt nennen soll?" „Warum nicht ,Ellen', wie bisher?" fragte sie freundlich. „Sie haben recht. Es kann nicht viel schaden, wenn ich Sie auch weiter so nenne. Ich bin ja doch für alle nur ein unerfahrener Knabe,!den keiner ernst zu nehmen braucht." „Dann wollen Sie mich wohl lieber ,Frau Klaßner' nennen?" Seine Verdrossenheit nahm zu. „Es war wirklich nicht nötig, mich zu erinnern, daß Sie verheiratet sind." „Sie sprechen jetzt den reinsten Unsinn. Wenn beides Ihnen nicht paßt, dann steht es Ihnen doch frei, gar nicht zu mir zu sprechen." „Jawohl, es ist Unsinn! Alles, was ich reden und tun mag, ist ja doch nur Unsinn!" „Julius, sind Sie nur hergekommen, um mit mir zu zanken?" Er vermied ihren Blick. „Offen gestanden, weiß ich selbst nicht, warum ich hergekommen bin." „Wenn Ihr Herkommen keinen besonderen Zweck hatte, dann wollen wir uns einen solchen schaffen, indem wir unsere alte Freundschaft erneuern. Wollen Sie, Julius?" „Ich bin stets Ihr guter Freund gewesen und will es auch bleiben." „Dann müssen Sie diese Freundschaft auch auf Meinen Gatten übertragen," sprach sie schnell. „Sie dürfen ihm nichts nachtragen, weil er zufällig mein Gatte ist. Uebrigens hatte ich allen Grund, mit Ihnen böse zu sein, weil Sie mir zu meiner Vermählung nicht einmal einen Glückwunsch geschickt." "Ist Ihnen das ausgefallen?" Seine Züge hellten sich aus. „Wenn ich nur geahnt, daß Sie. . „Nein, Julius," unterbrach sie ihn schnell. „Ich habe nur gescherzt. Ich bin nicht böse; aber an einem solchen.Tage, wo Zagen und Zweifel alle Nerven anspannen, da ist jeder wohlwollende Ausdruck, da ist auch die geringste Teilnahme eine Wohltat und Beruhigung."