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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-11 · Heft 41 (11.10.1918) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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487 „Die Bedeutung des Hamburger Tempels für die Geschichte des neuzeitlichen Judentums", von Landesrabbiner Dr. Rieger (Braunschweig); „Zur Entstehungsgeschichte des Hamburger Tempels", von Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt a. M.); „Der Hamburger Tempel und seine ersten Prediger (zur Hundertjahrfeier des Hamburger Tempels)", von Rabbiner T>r. D. Leimdörfer (Hamburg); „Bemerkungen zum Gesang im Hamburger Tempel", von M. Henle (Hamburg); „Hundert Jahre Hamburger Tempel", von Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld) wird die epochemachende Tat nach allen Seiten gewürdigt. Wir wollen nicht verfehlen, unsere Leser, die durch den Aufsatz LeimdörferS in dieser Nummer von dem Ereignis unterrichtet werden, auf diese Studien hinzuweisen. Wir entbieten auch unserseits dem Hamburger Tempel unseren Gruß und unseren Glückwunsch-. Er ist viel angefeindet worden und wird noch immer verkannt, er hat schwere Zeiten durchlebt und sie siegreich Überstunden. Möge ihm eine lange, segensreiche Wirksamkeit beschieden sein. In der Reform, der er dient, liegt die Zukunft des Judentums. Nur wirkliche Freiheit kann wahrhafte Entwicklung verbürgen. O Alles deutet darauf hin,, daß eine große neue Epoche des Friedens und der Freiheit im Anzuge ist. Wir erflehen diesen Frieden und die Freiheit auch für uns. Dunkel ist die Zukunft, schwere Sorgen belasten daS Herz. Der Winter naht mit seinem Grausen und feinen Schrecken. Aber wie die Sonne stets das Dunkel durchbricht, so wird — danach richtet sich unser Sehnen — auch die Sonne der Freiheit unsere Anstrengungen erquicken und unser Mühen belohnen. Nur durch Freiheit können wir erstarken, nur in Freiheit leben und uns entwickeln. Darum kein Kleinmut und keine Anwandlung von Schwäche. In felsenfestem Vertrauen auf die Zukunft schreiten wir hinein in das Ungewisse, gefestet in unserem Glauben, gestärkt durch die Liebe zu unserem Vaterlande, erfüllt von dem Bewußtsein, daß das Dunkel dem Lichte weichen muß. Vorwärts! Ser Hamburger Tempel und seine ersten Krrdigrr. Zur Hundertjahrfeier des Tempels. Von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer (Hamburg), m 18. Oktober, dem historischen Denktag der Völkerschlacht bei Leipzig, ist vor hundert Jahren der erste Hamburger Tempel seiner Bestimmung übergeben worden. Das vielgepriesene, mehr noch verlästerte Gotteshaus rief die größte Umwälzung des öffentlichen Kultus der Israeliten Deutschlands, später auch Oesterreich-Ungarns und vieler anderer Staaten beider Hemisphären hervor. Die Schöpfer des Tempels hatten lediglich ideale, tiesreligiöse Ziele im Auge. Die nachmendelssohnsche Zeit stellte als wichtiges Erfordernis der Neuzeit einen geordneten, weihe- und würdevollen Gottesdienst hin. Me in deutscher Sprache und Wissenschaft geschulten und gebildeten Geschlechter vermochten nicht mehr den in den meisten Synagogen üblichen Formen und Weisen der herkömmlichen Andachten sich anzupassen; es war ihnen das Verständnis und die Kenntnis der heiligen Sprache, der Bibel im Urtexte, der hebräischen Gebete, ihres Vortrages, ihrer Sang- und Klangart, ihrer Rezitation und vor allem' das Interesse abhanden gekommen, ohne welches eine Erbauung im Gottes- Hause unmöglich ist. Der tiefe, Geist erleuchtende und Herz veredelnde Gehalt der jüdischen Gotteslehre, verkündet in einer der Jugend unverständlichen Sprache und Vortragsweise, drang nicht in die Seelen ein, um das Interesse für das heilige Erbgut der Gemeinde Jakobs zu heben und zu beleben. Die Folgen davon mußten sein: Entfremdung vom Elternideal, Erkaltung des religiösen Sinnes, Gleichgültigkeit gegen das religiöse Leben und Streben, moralische Verwahrlosung, ein Verfall, der allmählich zum Abfall führt. Die Gründer des Tempels, begeisterte Anhänger des Judentums, ernst besorgt um die Zukunft der Heranwachsenden Geschlechter und tiesbekümmert um die Forterhaltung des uralten Vaterglaubens bei Kindern und Kindeskindern, legten sich die Frage vor: Was soll, was muß geschehen, um unser uraltes Judentum lebensfrisch, gegenwartsfroh und zukunftskräftig der neuen Generation zu sichern dermaßen, daß dieses Fundament des ethischen Weltbestandes ihr nicht verlorengehe? Die Antwort auf diese Frage war die Gründung des Tempels. In neuer Gestalt, der Kultur, der Wissenschaft und dem Zeitbewußtsein-entsprechend, muß die Lehre Moses, für die Väter und Mütter Jahrtausende gerungen, gelitten und die schwersten Opfer gebracht hatten, die Gemüter entflammen, die Jugend mit Begeisterung erfüllen. Das Mittel hierzu sei die Erbauungsstätte, aus der wie einst „von Zion die Gotteslehre ausgehe und das Gotteswort von Jerusalem!". An der Spitze dieser neuen Epoche standen zwei Theologen glänzenden Namens: Dr. Eduard Israel Kley und Dr. Gotthold Sal-omon. Schreiber dieser Skizze beabsichtigt , zur Hundertjahrfeier des Tempels eine Festschrift herauszugeben, die außer wichtigen Aufsätzen und archivalischen Dokumenten zur Geschichte des Tempels einen Abschnitt über die Prediger enthalten soll. Hier möge, dem Wunsche der Schriftleitung dieses Blattes entsprechend, nur ein kurzer Abriß des Wirkens der ersten zwei Prediger gegeben werden, von denen die grundlegende Organisation dieser Bet- und Redestätte ausgegangen und die die geistigen Urheber und wirksamsten Förderer dieses neuzeitlichen Kultus- und Kulturheims gewesen sind. Die Bahnbrecher der Wissenschaft des Judentums im vorigen Jahrhundert haben in ihren Schriften die Arbeiten und Verdienste Kleys und Salomons des öfteren gewürdigt, nämlich Leopold Zunz und Abraham Geiger, aber auch der religiöskonservative Salomon Jehuda Rappoport konnte nicht umhin, in seinen hebräischen Briefen „Jgrot -Ha SIR" besonders Salomon als hervorragenden Homiletiker zu verherrlichen. Der 1817 zum Direktor der israelitischen Freischule von Berlin nach Hamburg berufene Eduard Kley, geboren am 10. Juni 1789 zu Bernstadt in Schlesien, war 22 Jahre langPrediger amTempel, legte dann seinAmt freiwillig nieder und starb am 4. Oktober 1867. Gott hold Salomon, geboren am 1. November 1784 in Sandersleben (Anhalt), kam von der Franz-Schule in Dessau, wo er als Lehrer gewirkt hatte, 1818 nach Hamburg, fungierte 39 Jahre als Geistlicher des Tempels und starb am 17. November 1862. Es dünkt mir wie ein Fingerzeig der Vorsehung, daß zwei Schulmeister fast zu gleicher Zeit zum Predigtamte Hierselbst gelangten. Das abgebrauchte Wort: „Wer die Schule hat, hat die Zukunft" und der vielfach angewandte Volksspruch vom „deutschen Schulmeister, der die Schlacht gewonnen", dürften auch da, wo es sich um die Pflegestätte religiöser Andacht handelt, in deren Mittelpunkt das Lehramt oder die Kanzel steht, angeführt werden. Wie beim Sonnenaufgang der jüdischen Geschichte — nach dem Midrasch Jalkut — der treubewährte Leiter einer kleinen Herde zum Hirten Israels erwählt worden ist — Mos^ —, wie beim Niedergange der Davidschen Dynastie Hillel und nach dem Untergänge Ben Sakkai Schulen gegründet hatten, dort Bet-Hillel, das Lehrhaus Hillels, hier Jabne, aus deneu die Erhaltung des Judentums sich herleitet und die Meister und Lehrer der Schulen musterhafte, religiöse Wortführer für ganz Israel geworden, so sind berufliche Pädagogen, Erzieher der Kinder, Lehrer der Jugend an israelitischen Stistungsschulen zu Volkslehrern und geistigen Führern der jüdischen Gemeinde erkoren worden. Die kleine Herde der

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