Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-11 · Heft 41 (11.10.1918) · p. Seite 486

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229380--74368-3286859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

486 1. Die Heimschaffung der Kriegsopfer und die Hilfeleistung an dvese und. überhaupt au, alle, die vom Kriege betroffen wurden, ist eine nationale Arbeit, an der sich alle Gemeinden, alle zentralen jüdischen. Organisationen und alle lebendigen Kräfte des jüdischen Voltes beteiligen müssen. 2. Um einen Arbeitsplan für diesen Zweck zu .entwerfen, muH ein Spezialorgan .eingesetzt werden, das sich zu je 50 Prozent aus Vertretern des von der Gemeindetonferenz zu schaffenden Zentraler gans und ans Vorstehern der Zentralorganiifationen znfammenseht. 3. Das gesamte Material bezüglich des Hilfswerkes für die Repatriierung der vom Kriege Betroffenen und der Hilfeleistung an diese wird dein neu zn schaffenden Ziöntrailorgan überwiesen,. 4. Die Konferenz -beau>ftratgt das 'kommende Zentralorgan der Gemeinden, eine Delegation zu organisi.eren und in die besetzten Gebiete undandere Länder Ml dem Zwecke zu entsenden, Verbindungen mit den Gemeinden und denen, die an der Repatriierung der von dem Kriege Betroffenen imb' der Hilfeleistung an diese interessiert sind,, anzuknüpfeni. Es ist wünschenswert, daß sich an der Delegatiion Vertreter der Heimlosen beteiligen. Die Konferenz ist der Ansicht, daH -ans die Tagesordnung des internationalen- Friedenskongressesdie Frage der von feilten der betreffenden Stawten zu leistenden Hi-lfe für hm Wiederaufbau der Wirtschaft der von dem Kriege heimgesuchten. Bevölkerung uud die Erstattung ihrer Schäden gesetzt werden mutz. Die Konferenz schlägt dem zukünftigen Zentralorgan vor, die Frage zu prüfen, wie eine nationale Anleihe für den/ im vorigen Punkte angegebenen Zweck durchzuführen ist. Die Konferenz faßte Protestresolutionen gegen die Judenpogrome uild gegen die Auslösung der jüdischen Gemeinden durch die lokrle Sowjetmacht in mehreren Städten-. Die Konferenz setzte ein Zentralorgan ein, das aus 40 Mitgliedern besteht, von denen 15 das Präsidium bilden. $£.em Zentraloraan -gehören. Vertreter sämtlicher jüdischen Parteien an. Der Sitz des Zentralorgans ist Moskau. * Endlich sei aus den Berichten des Jüdischen Preßbureaus Zürichein Artikel „D i e palästinensischen Juden w n n sche n ein religiöses Z en tr u m" mrtgeteilt: Das Jerusalemer Rabbinat sandte ein Schreiben an die am 7. Tammus in Jaffa stattgefundene Gründungskonferenz der jüdischen Organisationen im okkupierten Gebiete und stellte darin seine mini malen vorläufigen Bedingungen wie folgt fest: a) Die Gründungsversammlunq hat die Gesetze der Thora als Grundlage für alle Gesetze, die auf dem Gebiete der Landwirtschaft, Produktion, Erziehung usw. gefaßt werden, anzuerkennen, b) Der „Choschen Mischpat" mutz auch für das jüdische Schiedsgericht in Palästina als Richtschnur gelten, ch Die Beamten der öffentlichen Anstalten, die Gewählten und Vertreter der allgemeinen Organisationen des Jischuw sind verpflichtet, die heiligen Gebote nickt öffentlich zu verletzen. ck) Die Talmud-Thoroth und Jeschiwoth, die die einzigen Stätten für die Ausbildung der Thoragrößen und religiösen Juden sind, sollen nicht in die Erziehungsarbeit der zu schaffenden Organisation eingegliedert werden. Diese Erziehungsanstaltenmüssen unoer Aufsicht der Rabbiner ohne jede äußere Beeinflussung stehen. Dieses Schreiben wurde in der Versammlung vorgelesen, dann wurde zur Tagesordnung übergegangen, da die Zionisten, welche die Versammlung leiteten und jetzt dem Scheine nach Herren der Situation sind, selbstverständlich solche Forderungen nach einem religiösen Zentrum als für sie gegenstandslos betrachten. Dieser Schritt aber des Jerusalemer Rabbinats, welches trotz dem überwältigenden gegenwärtigen Einfluß des als britischen Regierungsvertreters auftretenden Dr. Weizmann dennoch den Mut gehabt, das wahre jüdische Verlangen zu präzisieren und es öffentlich der gesamten jüdischen, zionistischen und nichtjüdischen Welt zu verkünden, findet begeisterte Zustimmung in allen echt jüdischen Kreisen. * Wir haben nicht nötig, unseren Standpunkt darzulegen, daß wir solche zentralistischen Bestrebungen, die von Palästina ausgehen, nicht gutheißen. Aber es ist jetzt keine Zeit, darüber zu reden. Kommt der Friede, so werden die Juden der einzelnen Völker zunächst nötig haben, für sich zu sorgen. Eine weitere Frage ist es dann, wie die Vereinigungen unserer Glaubengemeinschaft, die bisher bestanden, wieder anzuknüpfen und zu gestalten sind. Die inneren religiösen Verhältnisse in den einzelnen Ländern sind so verschieden, daß eine Einigung kaum denkbar ist. Wir erkennen dankbar an, daß von Palästina die Lehre ausging; unsere Auffaffung der Lehre aber von Palästina leiten und bestimmen zu lassen, ist weder zu wünschen noch zu denken. * Im Anschluß daran sei folgende Nachricht der Berliner Abendblätter vom 6. Oktober wiedergegeben: Kaiser Karl und der Zionismus. Wien, 6. Oktober. Am Mittwoch erschien der neue Oberrabbiner Dr. Chajes beim Kaiser Karl zur Audienz. Der Kaiser erkundigte sich nach der Lage der Ostjuden. Dr. Chajes antwortete, daß die Lage der Ostjuden schlecht sei, hauptsächlich infolge des gespannten Verhältnisses der Polen zu den Juden. Die einzige Möglichkeit einer Abhilfe liege in der Sicherung der Rechte der Juden als nationale Minderheit. Auf die Frage des Kaisers: „Was bedeutet eigentlich Palästina für die Juden?" antwortete Dr. Chajes: „Die Juden sind in Tausende und aber Tausende von Gruppen zerspalten, von denen jede einzelne um ihre Existenz kämpfen muß und nur wie durch ein Wunder sich bis heute erhalten konnte. Auch die Juden in Abessinien, die seit 2000 Jahren von uns getrennt sind, haben ihre Nationalität bewahrt, doch kann ein Volk seine Existenz nicht auf ein Wunder ausbauen. Wir müssen einen nationalen religiös enMittel- Punkt haben." Der Kaiser fragte weiter: „Kann dieser Palästina sein?" Hierauf erwiderte der Rabbiner: „In Palästina haben wir unseren Ursprung, und an Palästina hängen wir seit Jahrtausenden mit Liebe und Sehnsucht." „Kann denn Palästina alle Juden ausnehmen?" Hierauf antwortete der Rabbiner: „Auch zur Zeit des zweiten jüdischen Staatswesens hat der größere Teil der Juden in der Verbannung gelebt und jeder von ihnen hat dem Lande, dem er angehörte, gute Dienste erwiesen." Hierauf erkundigte sich der Kaiser noch noch der Verbreitung der zionistischen Bewegung. Wir möchten bescherdentlich meinen, daß die Welt augenblicklich Wichtigeres telegraphisch zu erfahren begierig ist als diese recht irrelevanten Ansichten, des Herrn Chajes. * Ende September ist unser treuer Mitarbeiter Rabbiner Dr. B. Seligkowitz in Köthen (Anhalt) gestorben. Wir haben vor einiger Zeit sein Bild und seine Biographie gebracht; der „Gemeindebote" hat von seinem Tode und seiner Beerdigung berichtet. Wir wollen aber unserseits dem Heimgegangenen noch einmal unsere Anerkennung bezeugen. Unter den Treuen war er einer der Treuesten. Zuverlässig, pünktlich, auf jede Anregung eingehend, mit eigenen Anerbietungen nicht sparsam. Er schrieb klar, verständlich, prahlte nicht mit seinem Wissen, obgleich ex ein vielseitiger Gelehrter war, war unermüdlich in seinen Beiträgen, niemals empfindlich, wenn einer seiner Aussätze lange liegen blieb oder gar abgelehnt werden mußte. Denn er stellte seine Person nicht in den Vordergrund, sondernwollte nur der Sache dienen. Er war ein kenntnisreicher, freisinniger, von echter und tiefer Frörmnigkeit erfüllter Mann. Sein frühzeitiges Hinscheiden erregt unser tiefes Mitgefühl. Wir beklagen aufrichtig diesen stets gern gesehenen, klaren und eifrigen Mitarbeiter und werden ihm ein treues Andenken wahren. * In diesen Tagen, am 18. Oktober, ist ein Jahrhundert verflossen, seitdem der Hamburger Tempel begründet wurde. So ist das Jahr 1918 dasjenige, in dem die Wissenschaft des Judentums und die praktische Reform 109 Jahre alt werden. Unsere Mitkämpferin, die Monatsschrift „Liberales Judentum", widmet ihre eben erschienene September/Oktober- Nummer ganz diesem bedeutsamen Ereignis. In sechs Aufsätzen: „Dem Hamburger Tempel zu seinem hundertjährigen Jubiläum", von Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt a. M.);

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.