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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-11 · Heft 41 (11.10.1918) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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484 Viel schlimmer ist folgender Vorfall, der aus Ungarn gemeldet wird: Razzien in Synagogen am Versöhnungs-Lage. Budapest, 19. September. Aus Marmaros-Sziget wird dem „Pester Llol>d" nachstehender unglaublicher Vorfall gemeldet: Am Abend des jüdischen Versöhnungstages wurden hier sämtliche Synagogen und Bethäuser von Militär und Gendarmerie umzingelt und in ihnen eine Razzia veranstaltet. Mehrere Personen wurden verhaftet, da sie wogen des hohen Feiertages keine Ausweispapiere bei sich hatten. In der Großen Synagoge unterbrach der Oberrabbiner den Gottesdienst und bat den befehlshabenden Offizier, den Kordon aufzu-lösen. Er, der Rabbiner, bürge für seine Gläubigen. Der Leutnant willfahrte diesem Ansuchen nicht, sondern drang mit seinen Soldaten in die Synagoge ein, wobei die Anwesenden mit Gewehrkolben traktiert wurden. Die gekränkte Gemeinde wandte sich telegraphisch an den König, an die Negierung und an den Obergespan mit einer Beschwerde und der Bitte um Genugtuung. Aehnliche Vorfälle wurden noch aus zwei anderen ungarischen Komi taten gemeldet. # Höchst unwürdig 'durch ihre Gesinnung und durch ihren Ton ist nachstehende Auslassung der Zeitschrift „Heimgarten": Das haben w i >r notwendig gehabt! Bei Friedensschlüssen Pflegt man sich ängstlich zu hüten, über die unbedingte Notwendigkeit hinaus den Gegner zu beschweren. Vor allem vermeidet es eine weitsichtige Politik, sich in die innerstaatlichen Angelegenheiten des anderen zu mengen. So ließ man den Russen ihren Bolschewikismus — da er ihnen gerade Freude -machte — und sah die Herren Trotzki und Lenin am Ruder, die eigentlich nichts anderes anstrebten, als die Mittelmächte zu revolutionieren. Die Rassengemeinschaft unserer roten Führer mit den neuen Tyrannen in Petersburg und Moskau sorgte in der „großen Presse" dafür, daß die breitesten Schichten unseres Volkes von.unserer Einmengung in die russische Politik nichts wissen wollten. Das war vielleicht ganz klug; ob es wirklich ganz klug war, wird erst die Zukunft lehren! Aber bei Rumänien machten unsere jüdischen Schreiber und Politiker eine Ausnahme, so daß leider Czernin und Kühlmann fremden Einflüsterungen unterlagen: Sie forderten im Frieden von Bukarest, der uns kaum die notwendigsten Grenzsicherungen und keinen finanziellen Vorteil von Bedeutung brachte, obschon die Rumänen frivol zum Schwert gegriffen hatten, die Befreiung der Jrrden"! Was gehen uns die rumänischen Juden an? Nichts. Wir sind doch nicht da, uns auf aller Welt unbeliebt zu machen, um einer zersetzenden Rasse da und dort zum Siege zu verhelfen! Eine unergründliche Tiplomatenweisheit tat es dennoch. Rumänien mußte sich vertragsmäßig zur „Emanzipation" seiner Juden verpflichten . . . Und so meldet denn nun das Korrespondenzbureau aus Bukarest: „Die Kammer hat in der dritten Lesung das Judengesetz mit 84 gegen 13 Stimmen angenommen. Ministerpräside-nt Marghiloman wies auf die Notwendigreit hin, das Gesetz zu erledigen. Der Ministerpräsident betonte, daß die konservative Partei nach der Besetzung von Bukarest sich zur Lösung der Judenfrage verpflichtete. „Man könne daher sagen, daß die Mittelmächte Rumänien gezwungen hätten." Das ist ja recht hübsch! Wenn in Zukunft das rumänische Volk von den ^zuden noch arger als bisher ausgewuchert wird, so macht es selbstverständlich die Mittelmächte dafür verantwortlich! Wer unsere „grosze Presse" wird dann anklagend sagen, die Grenzregulierungen seien schuld an der Abneigung gegen uns ... So hetzt man uns in Feindseligteiten hinein, um nachher zu behaupten, die „unersättlichen Annexionisten" liehen es zu keinem oauernden Frieden kommen . . . * Dem Jüdischen Korrespondenzbureau im Haag müssen wir dre Verantwortung für den nachstehend avgedruaren Artikel überlassen. Die polnische Hetze gegen das jüdische Volk. Die Polen begnügen, sich nicht damit, den Ju-den im eigenen Lande das Leben unerträglich zu machen, sondern sie brld.cn auch im Ausland Zentren antisemitischer Propaganda. Ans Paris wird berichtet, daß eine 'Anzahl Juden, die sich freiwillig der polnischen Legion angeschlossen, seit Juli. 1917 in den Reihen der polnischen Legionäre«gekämpft und sich vielfach .ausgezeichnet hatten, zum Austritt aus der Legion gezwungen wur>de. In London verweigert das polnische Nationältomitee den polnischen und den galizischen Inden die Ausstellung hon- Zertifikaten, die ihre Befreiung von der Internierung erwirken würden. In der -antisemitischen Pariser Zeitung „Libre Parole" lesen wir einen Auffach von polnischer Seite, in welchem der Versuch.gemacht wird, die Entente gegen die Juden mißtrauisch zu stimmen.. Die Juden werden als germanophil bezeichnet und Instrumente der deutschen Politik genannt. Die Forderung einer nationalen Autonomie wird «als ein Versuch, einen eigenen jüdischen. Staat im polnischen Staate zu, bilden, zurÄckg-ewiesen. Es erübrigt sich, auf die Verlogenheit dieser Argumente hmzuweisen. In der Ukraine haben die Polen dieselbe nationa-le Autonomie gefordert und erhallten, die sie im eigenen Lande den drei Millionen Juden verweigern und als Stlaatsfo-r-derung zu diskreditieren versuchen. Noch haltloserist der Vorwurf einer deutschen Orientierung der polni'schen. Judenheilt. Zweifellos- -fehlte es nicht -an Versuchen Mens der deutschen Juden., die Sympathien der polnischen Juden für Deutschland zu gewinnen. Diese Bestrebungen., die sich im „Komitee für den Osten" konzentrierten, stießen indes nicht nur in der polnischen Judenheit, sondern auch unter den deutschen Juden aus Widerstand. Die Juden Polens sind lediglich jüdisch orientiert, und nichts liegt ihnen ferner, als Schrittmacher des Deultschturns in Polen zu werden. Diesen Vorwurf heute zu erheben., wo das polnische Judentum und weite jüdische -Kreise in Deutschland Über -den judenseindlichen. Kurs der deu-tschen Pjolitik in Polenties enttäuscht .und ihrer. Entrüstung über die antisemitischen Maßinahmemder deutschen Regierung enitschiedenen. Ausdruck geben, lbeweist lediglich, daß -der' polnische Antisemitismus -in der Wahl seiner Waffen gegen ldais jüdische Volk keine Skrupel kennt und sich nicht scheut, mit der Wahrheit in Konflikt zu« geraten, wenn er durch Br-unMnvergistung die Oess-entlichkeiit gegen die jüdische Sache stimmen will. Wiewohl die antisemitische Politik der regierenden Kreise Polens immer -unverhüllter zuitage tritt, habensämtliche jüdische Mitglieder des p-olnischjen StaatsratcA ihre Lohalitält gegenüber idem Polnischen.Staate bekundet. Symptomatisch für die Stimmung in der Polnischen Judenhoi-t ist -sicherlich die Erklärung -des zionistischen Mitgliedes des Staatsrates Rosenblatt: „Die Zjeniträlmächte sind hierher gekommen, nicht um Polen zu befreien, sondern um ihren eigenen Nutzen zu suchen." Der polnische Berileum-dungssieldzug gegen das jüdische Volk wird nicht verhindernkönnen, daß die Entrüstung derdemokratischen und freiheitlichen Welt gegen ein Volk aufflammt, das im Namen der Freiheit -und Gerechtigkeit an alle Völker appelliert, Millionen von Juden aber im .eigenen Liande national entrechtet und unterdrückt. Die 'erschütternde jüdische Tragödie, die sich in Polen abspielt, wird die Juden -der .ganzen Welt zwingen, sich zu einer Gegenaktion zusammenzuschließen, und die jüdische Politik in allen Zentren veranlassen, an die 'gesittete Welt den Appell zu richten, mit der Verwirklichung der polnischen Freiheiitsziele auch die Befreiung -der unter unerhörtem Druck lebenden jüdischen Massen Polens zu verbinden. Nicht minder beschämend und traurige Zukunft verkündend ist die in verschiedenen Zeitungen stehende Notiz: Judenpogrome in Sibirien. Moskau, 26. Sepember. Aus Sibirien wird gemeldet, daß dort in vielen Ortschaften gegen die zahlreichen jüdischen Flüchtlinge Pogrome veranstaltet werden. Diese Pogrome werden im allgemeinen als Racheakte gegen die Sowjets betrachtet, da eine Anzahl von Volkskommissaren' jüdischer Herkunft ist. Ebenso werden auch aus der Ukraine beklagenswerte Pogrome gemeldet. * Dagegen ist es mit Freude zu begrüßen, daß die Judenschaft in Altrußland sich zu organisieren beginnt. Aus diesem Grunde halten wir es für unsere Pflicht, das nachfolgende sehr -ausführliche Aktenstück nach den Mitteilungen -des Stockholmer Preßbureaus unseren Lesern zu unterbreiten: D e r jü d-is ch-e G erne i n-dedu n«d in Ru ßl a n d. Die Moskauer Gründungskonferenz. Wie wir seinerzeit gemeNet, fand Anfang Juli ei.ne Konferenz der jüdischen Gemeinden Aentralruhümds statt, die-einen Bund der

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