Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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483 „Die deutsche Regieruritz erftrvcht den Präsidenten der Verei nigtenS tauten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von' diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung-von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen ein zu laden. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich der Rede vom 27. September, ausgestellte Programm als Grundlage für die Friedens Verhandlungen an. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft he rb ei zufüh r en." * Wir freuen uns ganz unbodinA des offenen Friedensangebots. Aber die Freude ist gedämpft durch den Zweifel, ob Präsident Wilson und seine Bundesgenossen ohne weiteres aus das Ersuchen eingehen, und durch die Erwägung, daß Der Friede für Deutschland ein wenn auch nicht entehrender, aber in seinen Folgen höchst trauriger sein wird. Keine der stolzen Hoffnungen, die wir noch vor wenigen «Wochen hegen durften, hat sich dann erfüllt. Entschädigungen, furchtbare Verluste, drückende Verpflichtungen werden uns auferlegt werden. Eine traurige Zukunft steht uns bevor. Aber wir werden versuchen, sie mit Mut und Kraft zu tragen. Unser Vertrauen auf deutsche Energie bleibt unerschüttert. Sollten aber die Gegner auch dieses Angebot zurückweisen, so werden sie, «wie wir glauben und vertrauen, an deutscher Zähigkeit und Widerstandskraft zuschanden werden. Wie es auch kommen mag, nun gilt es, die Mittel für die nächste Zukunft — denn für die fernere können wir nicht sorgen — zu schaffen. Darum muß gerade in diesem Augenblick alles angewendet werden, die neunte Kriegsanleihe -so glänzend wie möglich zu gestalten. Sage keiner, daß, da der Friede vielleicht in naher Aussicht steht, eine Kriegsanleihe nicht nötig ist. Umgekehrt muß, eben weil vielleicht, wie wir in tiefster Seele hoffen, das furchtbare Blutvergießen seinem Ende naht, das deutsche Volk seine ganze Kraft zusammennehmen, um die nötigen ungeheueren Mittel zu beschaffen. Zeichnen und immer zeichnen, bis zum letzten Pfennig, das ist die einzig würdige Antwort des gesamten deutschen Volkes aus die Verheißungen, die ihm zuteil geworden sind. Die große Epoche, die nun anbricht, muß eine Generation finden, die ihrer würdig ist. Folgende schöne poetische Mahnung zur Zeichnung veröffentlicht Rudolf Pres'ber: Kriegsanleihe. Deutschland schickt keine Bettler aus Gen West und übers Meer, Deutschland hat noch im eignen Haus Den Schatz für Wehr und Ehr! Klopft scheu nicht an die fremde Tür; Es weiß: es geht ums Land, Geht um die Ehre. Und dafür Ist offen seine Hand. Es hat des Krieges Wut geschaut Und es gelobt sich's still: Daß es, was es sich selbst gebaut. Auch selbst erhalten will. Es weiß, die Münze, rund und hart. Verzinst sich hundertfach; Wehrt ihm doch Gold, das Eisen ward, Den Feind von Herd und Dach. Ein Knecht wird, wer dem Fremden zinst. Und muß gewärtig sein. Daß morgen schon die Sorge grinst Ins Fenster, ihm hinein. Nur wer den fremden Wechsler mied Im Silberkugel-Krieg, Der wird fein eigner Waffenschmied Und schmiedet sich den Sieg. Und weil so stolz und frei sein Haus, So stark als wie ein Heer, Schickt Deutschland keine Bettler aus Gen West und übers Meer! Zeichnet die neunte Kriegsanleihe! Das ist -das einzige, was alle Die tun können, die den Segen der Heimat, der Ruhe und Sicherheit bisher genossen haben. Sie sollen damit beweisen, daß sie -bereit sind, nach ihren Kräften . zum Anbruch einer gewaltigen, großen Zukunft 'beizutragen. -Hoffen wir, daß wirklich' ein neuer Völkerbund die Menschheit einigt. Auf Generationen hinaus ist ein Krieg nicht möglich. Aus den Tiefen des Gemüts entringt sich! der Wunsch, . daß nun eine Aera gedeihlicher Friedensarbeit für die Menschheit beginne, daß alle Nationen im edelsten Wetteifer der Kulturarbeit sich zuwenden. Erfüllt sich dieser Wunsch, dann wollen wir auch -diesen Krieg mit seiner ungeheuren Zerstörung, trotz der endlosen Trauer, trotz der unübersehbaren Verluste segnen und preisen und uns. glücklich schätzen, daß wir den Anbeginn eines neuen Weltzeitalters erleben durften. So viele Opfer auch jeder in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird bringen müssen, so muß er sich sagen, daß, wenn endlich wieder Ruhe einkehrt, er seine Kräfte friedlich regen, -sich betätigen, sich beteiligen kann an dem Wiederaufbau unseres geliebten Vaterlandes, an der Aufrichtung -einer geeinigten, nach den höchsten Ziele strebenden Menschheit. * In dieser Hoffnung und in diesem Wunsche gehen wir vertrauensvoll, nicht stolz und übermütig, aber auch nicht geknickt und in schwächkcheiv Zerknirschung, der Zukunft entgegen! Wird die neue Zeit den Antisemitismus vernichten und uns überall Ruhe und Frieden gewährend Einstweilen sieht es leider gar nicht danach aus. Wie schlimm -es unsere Gegner selbst in Berlin treiben, beweist folgende Notiz der „Welt am Montag": Ein Dokument der Zeit. Ein Leser aus den westlichen Vororten übersendet uns eine kleine Flugschrift, die, wie er schreibt, während der hohen jüdischen Feiertage vor die Türen der Bewohner gelegt worden ist, die nach ihrem Namen als Juden gelten konnten. Die mit einer hetze-vischen Illustration versehene Flugschrift ist von der „Deutschvölkischen Buchhandlung" herausgegeben und enthält das Gedicht eines ungenannten Verfassers. Das Gedicht, das im wüstesten Radauantisemitenstil Ahlwardts und Pücklers gehalten ist, schließt mit dem Vers: Ju'dengeld ist's, das den großen Weltenbrand hat angefacht, Juden sind es, die ihn schürten. Die von England geschmierten Sonnino und Roosevelt. Oppenheimer, Englands Held, Will uns gar verhungern lassen. Ja, mein Christ, kannst du es fassen- Daß wir beid' mit Weib und Kind Nur noch Jüdensklaven sind? Efeu an der deutschen Eiche, Wahrer Hecht im Karpfenteiche. Ueberall.grinst ihr Gesicht, Nur im Schützengraben nicht! Das ist die Art und Weise, wie unsere wackeren Antisemiten an ihrem Teil für die „Geschlossenheit der inneren Front" sorgen. *