Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-11 · Heft 41 (11.10.1918) · p. Seite 482

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229380--74364-3286855
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eindrücke erlebt, und sei es aus einem Hause her, das noch so. fern allem Jüdischen steht! Ein Kind ist eben ein Kind und läßt sich durch Augenschein gefangennehmen. So ein Freitagabend ist eine von den vielen schönen Einrichtungen unserer jüdischen Religion. Die Feste erscheinen nur einmal rat Jahre und vermögen nicht eine Dauerwirkung zurückzulaffen. Der Freitagabend kommt allwöchentlich als eine Ruhepause nach dem Kampf der Woche. Da sollte die Mutter es unter allen Umständen möglich machen, ihren Kindern das Licht der Religion zu entzünden, der Vater mit Stolz und Freude ihnen Kiddusch machen. Und wenn die Söhne zu Jünglingen, die Töchter zu Jungfrauen heranreisen, muß in ihnen das Band der Religion von neuem gefestigt werden. In den meisten Gemeinden ist ein Rabbiner der Führer, und in dm kleinsten, rabbinerlosen ein Lehrer. Sie sind mit dem Rüstzeug der Religion versehen und haben die P s l i ch t, die Heranwachsende Jugend im Auge zu behalten, die ins praktische Leben eingetretene männliche und weibliche Jugend durch die Macht ihrer Persönlichkeit an sich zu fesseln und ein patriarchalisches Verhältnis im Sinne wahrer Religion zwischen Seelsorger und Gemeinde zu schaffen. Nicht die Flinte ins Korn werfen und sagen: es ist umsonst, wir erreichen doch nichts! Die biblischen Propheten sahen ihre größtzügigen Werke zugrunde gehen, predigten tausendfach tauben Ohren und verzagten nicht. Hier können wir etwas leisten, was dankenswert und Licht spendend für Gemeinde und Haus ist. Jeder Jude hat ein gutes Herz, es fehlt ihm nur oft an Betätigung. Es ist eine alte psychologische Erfahrung, daß die Kräfte der Seele einschlasen, wenn sie nicht geweckt und genährt werden. Unsere Brüder und Schwestern lassen sich zu guten Juden erziehen; sie sind nicht verstockt. Unsere Alten werden uns hilfreich zur Seite stehen, wenn es heißt, den Willen zum Judentum aus dem S ch l u m m e r z u wecken. Die Feste haben uns durch ihre hohen Gottesideen den Anstoß zu frischer, froher Tat rat Dienste unseres Judentums gegeben. Führen wir diesen heiligen Dienst treu und stolz bis ins kleinste durch, damit e i n st M ä n n e r u n d Frauen in Israel ersteh en, die zu kämpfen und zu siegen verstehen wie die glaubensstarken Helden der Makkabäer, wie D e b o r a h und Judith! Sie Woche. Berlin, den 8. Oktober 1918. ie Ereignisse drängen, ja überstürzen sich in unerwarteter, geradezu wunderbarer Weise. Am 30. September, also an dem Tage, bevor die letzte Wochenübersicht in Druck gegeben wurde, erschien ein kaiserliches Manifest, laut welchem mit dem alten Regierungssystem in Preußen und Deutschland gebrochen wurde. Ein wahrhaft parlamentarisches Regiment bricht an, die Zeit der Alldeutschen ist vorbei, die Konservativen, die sich an der neuen Regierung nicht beteiligen wollen und können, sind zurückgedrägt, Nationalliberale, Zentrumsmänner, Mitglieder der deutschen Volks- und der sozialdemokratischen Partei sind zu preußischen Ministern und zu Staatssekretären des Deutschen Reiches ernannt. Eine neue Zeit ist im Werden, hoffentlich eine Epoche der Ruhe und des Friedens. Denn der erste Schritt, den der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden getan und in der bedeutsamen Reichstagsrede vom 5. Oktober verkündet hat, ist ein Friedensangebot und die Bitte um Waffenstillstand. Aus dieser Rede seien hier nur die monumentalen Sätze hervorgehoben: Das Programm der Nhehxheitsparteien, auf die ich mich stütze, enthält zunächst ein Bekenntnis zu der Antwort der früheren Reichsregierung auf die Note des Papstes vom 1. August 1917 und die bedingungslose Zustimmung zu der Entschließung des Reichstages vöm 19. Juli desselben Jahres. Es bekundet ferner die Bereitwilligkeit, sich einem allgemeinen Frieden der Völker auf Grund der Gleichberechtigung aller, also der Starken und Schwachen, anzuschließen. Die Lösung der vielumstrittenen belgischen Frage steht es in der völligen Wiederherstellung Belgiens, insbesondere seiner Unabhängigkeit und seines Gebietsumfanges. Auch eine Verständigung über die Entschädigungsfrage soll angestrebt werden. Die bisher geschlossenen Friedensverträge will das Programm zu keinem Hindernis für den allgemeinen Friedensschluß werden lassen. Es strebt im besonderen an, daß sich in den baltischen Ländern, in Litauen und Polen, alsbald auf breiter Grundlage Volksvertretungen bilden. Das Zustandekommen der dazu nötigen Voraussetzungen wollen wir ohne Verzug durch die Einführung von Zivilverwaltungen fördern. Ihre Verfassung und ihre Beziehung zu den Nachbarvölkern sollen jene Gebiete selbständig regeln. In bezug aus die innere Politik heißt «es: ... daß im Frieden eine Regierung nicht wieder gebildet werden kann, die sich nicht stützt auf den Reichstag und die nicht aus ihm führende Männer entnimmt. Der Krieg hat uns über das alte, vielfach zerrissene Parteileben hinausgeführt, das es so sehr erschwerte, einen einheitlichen, entschlosienen politischen Willen zur Durchführung zu bringen. Mehrheitsbildung heißt politische Willensbildung, und ein unbestreitbares Ergebnis des Krieges ist, daß in Deutschland zum ersten Male große Parteien sich zu einem festen, einheitlichen Programm zusammengeschlossen haben und damit in die Lage gekommen sind, das Schicksal des Volkes von sich aus mit zu bestimmen. Dieser Gedanke wird niemals erlöschen, diese Entwicklung niemals rückgängiggemacht werden. Dabei vertraue ich, daß, solange Deutschlands Geschick von Gefahren umbrandet ist, auch die außerhalb der Mehrheit stehenden Volkskreise und deren Vertreter, die nicht der Reichsleitung angehören, alles Trennende zurückstellen und dem Vaterlande geben, was ihm heute gebührt. Im einzelnen wird verheißen, daß bas Versprechen des demokratischen Wahlrechts schnell und restlos erfüllt werde, daß in bezug aus den Belagerungszustand', ferner auf dem Gebiete der Zensur, des Vereins- und Versammlungswesens die Gesichtspunkte der zivilen Derwaltungsbe hördenmaß ge bendzurGeltungkom men und daß die Entscheidung letzten Endes unter die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers gestellt wird. Zu diesem Zwecke wird ein Befehl des Kaisers an die Militär b e s e h l s h a b e r ergehen und die kaiserliche Verordnung vom 4. Dezember 1916 unverzüglich -entsprechend ausgeibaut werden. Dieser Verheißungen können wir uns rückhaltlos freuen. Damit ist wirklich der Beginn einer neuen Aera verkündet, die für Preußen und Deutschland mit den rückläufigen Tendenzen der Vergangenheit entschieden und für alle Zeiten bricht. Mir, vom jüdischen Standpunkt, müssen über diese Wandlung um so mehr jubeln, als nun auch für uns eine neue große Epoche beginnen muß. Unter den Staatssekretären befindet sich auch ein jüdischer, der Sozialdemokrat Dr. David. In dem neuen Deutschen Reich kann, darf und wird, wie wir hoffen, kein Platz mehr sein für irgendwelche Ausnahmemaßregeln gegendie Juden. Wir werden, des sind wir gewiß, nun ohne jede Einschränkung gleichberechtigte freie Bürger eines freien stolzen Deutschen Reiches sein. Wir werden, des find wir gleichfalls sicher, uns dieses Zustandes würdig zeigen. ' * Mit so hoher Befriedigung wir auch diese Wandlung begrüßen, so find wir über den ersten Schritt der neuen Regierung nicht gleichmäßig erfreut. Der Reichskanzler hat durch Vermittlung der Schweizer Regierung an den Präsidenten Wilson folgende Depesche gerichtet:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.