Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 41 Berlin, II. Oktober 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Vegrün-et von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierrmgsrats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint «Sch ei, tl ich. Abonnements «Preis: durch den^Buch- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3JI— Postscheckkonto 32$. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße H6-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Die festtose Zeit. Von Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal (Berlin), zurzeit im Heeresdienst. — Die Woche. — Der Hamburger Tempel und seine ersten Prediger. Zur Hundertjahrfeier des Tempels. Bon Rabbiner Dr. D.. Leimdörfer (Hamburg). — Walter Rathenau unv die Auserwähltheit. Von Tr. M. Spanier (Berlin). — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Aus der Provinz Posen, Lifsa i. P., Breslau, München, Wien, Budapest. — Bon Nah und Fern. Sie keAolr Leit. Von Rabbiner Dr.' Arthur Rosenthal (Berlin), zurzeit im 1' Heeresdienst. ie ernsten und die heiteren Feste liegen hinter uns. Sie sollen aber nicht einem äußeren Glanze gleichen, der eine Zeitlang blendet und dann für immer verrauscht. Israel denkt nicht so äußerlich; es feiert seine Feste nicht in bacchantischer, ausgelassener Freude, die keine nachhaltigen Folgen zeitigen kann. Israel wendet sich andererseits nicht entsagend von der Welt und ihren Genüssen ab. Es vereinigt den Begriff der Lebens bejah un g mit dem des Gottesk ä mp f e r s zu klangvollster Harmonie. Es. ist kein Zufall, sondern eine weise Einrichtung der göttlichen Vorsehung, daß Rausch-Haschonoh und Jaum Kippur vor dem Sukkaussest liegen. Man sollte doch der Meinung sein, daß die ernsten Bußfeste an Bedeutung verlieren und ihren Einfluß nicht in voller Kraft zur Geltung bringen, wenn das liebliche Laubhüttensest mit dem schlichten Gepräge feiner Freude den Reigen der Feste beschließt. Aber gerade in diesem Abschluß liegt der ganze Zauber echt jüdischer Innigkeit, und die wunderbare Anschauung tritt deutlich zutage, daß nur der Mensch wahre Freude empfinden kann, der den Weg zu seinem Gott wiedergefunden hat und dessen Seele durchdrungen ist vdp dom Gedanken der Versöhnung mit uns selber und der Welt. — In diesem Sinne sollen die Feste uns Wegezeichen sein und uns im Alltagsleben leuchten gleich der Feuersäule durch die dunkle, weite Wüste unserer Kämpfe und Sorgen. . Die lange, sestlose Winterzeit kommt heran. Sollen wir müßig dasitzen und alles um uns gehen lassen, wie es wolle, bis uns von neuem Festgedanken ans unserem Winterschlaf aufschrecken? Da8 wäre töricht Und schlecht gehandelt. Die Feste sollen uns nur eine Anregung geben und uns für die sestlose Zeit vorbereiten. Wie ist das zu verstehen? Es wird vielleicht manchem folgendes Wort unserer Weisen bekannt sein: Efrip "i'-stz, „Das Beständige, dem Unbeständigen gegenübergestellt, erhält den Vorzug vor dem Unbeständigen." Also nicht die Feste mit ihrer noch so hohen Bedeutung sind das Ausschlaggebende im jüdischen Leben, sondern der Wochentag und Sabbat mit ihren Pflichten, das Schalten und Walten des einzelnen und der Gemeinschaft in der sestlosen Zeit s?nd typisch für die Existenzberechtigung des Religionsgebäudes Israels. .Und dy sind so v i ele Ris s e.w i ed er g u tzuma ch en am alten, ehrwürdigen Jakobszelt! Ich will keine neuen Gedanken und Anregungen mit schöngeistigen Worten geben. Bleiben wir bei lden vorhandenen Ideen! Ein Kardinalfehler, woran das moderne Judentum krankt, ist die Frage des Religionsunterrichts. Unsere Väter und wir haben auch ein Gymnasium besucht, unsere Mütter und Frauen waren ebenfalls Schülerinnen einer höheren M ä d ch e nschule. Sie wie wir haben mindestens so viel in fremden Sprachen, Mathematik und Geschichte gelernt wie das jetzige Geschlecht der Schüler und Schülerinnen. Und doch war Zeit genug vorhanden, uns in den Inhalt des Gebetbuchs einzusühren, Hebräisch lesen und übersetzen zu lernen, uns zu erbauen an den biblischen Geschichten und späterhin mit dem Geiste der jüdischen Sitten- und Pflichtenlehre vertraut gemacht zu werden. Früher war nicht das Prinzip durchgeführt, das wir Gottlob jetzt überall haben: nämlich die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts an allen höheren Lehranstalten. Was nützt das aber alles, wenn Elternhaus und Schule nicht Ha ndinHand gehen? Bis zum vierzehnten Lebensjahre allenfalls lassen die Eltern ihre Lieblinge oft nur den Religionsunterricht besuchen. Sie gebrauchen die Ausrede, ihre Kinder seien zu sehr mit Arbeiten in den Profanfächern überlastet, die Musikstunden nähmen zu viel Zeit in Anspruch, der Sport sei wichtiger und ins Freie kämen die ärmsten vor Uebevbüvdung gar nicht. Das alles geht auf Rechnung des jüdischen Religionsunterrichts. Blicket einmal aus die christlichen Mitschüler und Mitschülerinnen eurer Kinder hin, wie sie alle bis zum Verlassen der Schule im Religionssach unterrichtet werden. Well wir als Inden staatlich nicht anerkannt sind, sollen wir unsere eigene Religion ächten? Wenn wir selber keine Achtung vor dem Glauben 'bei Väter haben, können wir auch keine Berücksichtigung von fremder Seite verlangen. Es ist also nötig, dem Heranwachsenden Geschlecht seinen Gott, den wir ihm rauben, wiederzugeben. Sonst verlieren unsere Kinder an Halt und knicken um wie ein schwaches Rohr, vom leisesten Windhauch umgestohen. Wie einfach sind die Mittel, den rechten Weg zu finden! Das Judentum wirkt in allen seinen Einrichtungen aufs Gemüt. Die Jugend ist am meisten für Gefühlsregungen empfänglich und noch nicht verbildet. Einen wie erhebenden Eindruck macht es beispielsweise auf das Kind, wenn es am Freitagabend einem Gottesdienst in hell erleuchteter Synagoge beiwohnt! Dieser Gottesdienst setzt sich im frommen jüdischen Hause in der schlichten, freundlichen Sabbatstube fort. Wie glücklich ist das Kind, wenn es solche