Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 4. Oktober 1918 61. Jahrgang Nr. 40 Der Oemeindeüote. Beilage zur „Allgemeine« Leitung de§ IudrnkumK". Sorrespondm?kn und Asäirichten. Srutschiand. E. R. Berlin, 1. Oktober. Die letzte Sitzung der Repräsentant'enversiamml'U'Ng 'fand am Mittwoch, den 25. v. M., 'abends statt. Herr Gcheimvak Dr. M i n d e -n erö'ssnete sie mit herzlichen. Glückwünschen ans Anlaß' «des rekiigiösen Jahreswechsels und sprach der Versammlung den Dank für das zahlreiche Erscheinen in. der Abendstunde aus. Eingegangen war vom Gemeindevorstand die Mitteilung, daß mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, welche die Beheizung der Synagogen verursache, im kommenden Winterhalbjahr keine zweiten Freitagsabendgottesdienste veranstaltet werden können. Herr Sanitätsrat Dr. Steinthal fragte an, ob es nicht doch möglich wäre, wenigstens einmal in jedem Monat einen zweiten Freitagsabendgottesdienst zu veranstalten. Es wäre dies mit Rücksicht auf junge Leute, die im Zentrum der Stadt beschäftigt feien und gern die Synagoge besuchen, sehr wünschenswert. Die Herren Sanitätsrat Dr. Feilchense ld und B a b t 'erklärten, daß es sowohl aus den angeführten Gründen als auch aus Mangel an Rabbinern und Kantoren nicht möglich sei. — Bei der Vorlage betreffend den Geschäftsbericht der Kommission zur Auswahl von Ehrenbeamten bemerkte Herr Emil P i n c u s, daß es oft böses Blut gemacht hat, daß die seitens der Armenkommission vorgeschlagenen Kandidaten so lange, oft 1 bis 1% Jahre hätten warten müssen, ehe man von ihrem Anerbieten, im Ehrendienst der Gemeinde zu wirken, Gebrauch gemacht habe. Die Armenkommission prüft stets vorher, ob ihre Kandidaten sich bereit erklärt haben, das Ehrenamt anzunehmen. Wenn diese dann äber Jahr und Tag nichts hören, dann werden sie ungeduldig respektive fühlen sich gekränkt und verzichten dann nicht selten aus das ihnen angebotene Ehrenamt. — Betreffs Einsprüche gegen die Wählerliste (Referent Herr Dr. L e v y) teilt der Vorstand mit, daß die Wählerliste in der Zeit vom 15. August bis 15. September zur Einsicht für^die Wähler ausgelegen hat und daß zwei Einsprüche gegen die Richtigkeit der Liste ein,gegangen sind. Der eine der beiden Einsprüche ist gemeinsam für 357 Gemeindemitglieder erhoben worden, die in der Zeit vom 1. April 1915 bis 31. März 1918 bezahlt haben und daher wahlberechtigt sind. Der andere Einspruch betrifft. einen Fall, in dem das betreffende Mitglied im Jahre 1915 zur Gemeindesteuer veranlagt, 1916 frei war und für 1917 staatlich noch nicht definitiv veranlagt ist. Das betreffende Gemeindemitglied hat für das Jahr 1915 infolge ursprünglich höherer Veranlagung nahezu das Vierfache des Betrages eingezahlt, den es für 1915 zu zahlen verpflichtet war. Der danach zuviel gezahlte Betrag soll nach dem Willen des Mitgliedes für Steuern für die Jahre 1916 und 1917 bei Annahme einer gleichen Veranlagung wie-im Jahre 1915 verwandt werben und reichte dazu aus. Ter Vorstand, bittet die Versammlung, bis zum 15. Oktober über die Einsprüche zu entscheiden. — Es folgt der Beschluß über Erhöhung des Tarifs für Erbbegräbnisse (Referent Herr Ki r stein). Die Friedhofskommission hat für das zweistellige Mauerbegräbnis einen Preis von 1500 Mark und für jede folgende Stelle 750 Mark vorgeschlagen. Bisher erfolgte die Preisbemessung für die Erbbegräbnisse nach der Größe und betrug für ein zweistelliges Erbbegräbnis 866 Mark und für jede folgende Stelle 280 Mark. Da auch bei den Felderbbegräbnissen nach der Neuordnung der Betrag entgegen dem früheren Grundsatz für jede Stelle gleich berechnet ist, empfiehlt sich auch hier die Anwendung eines Einheitspreises. Der Vorstand hat daher beschlossen, die Gebühr für zweistellige Erbbegräbnisse an der Ilmfriedungsmauer von 860 Mark auf 1500 Mark inklusive der Mauer zu erhöhen und für jede weitere Gräbstelle in diesen Erbbegräbnissen 750 Mark zu erheben. Die Versammlung beschließt gleichlautend. — Folgende Ausgaben wurden bewilligt: der Hauptverwaltung 2300 Mark zur Beschaffung von Ersatz für beschlagnahmte Mesfingklosettzüge. Dem zweiten Verwaltungsgebäude 500 Mark zur Verstärkung an Heizkörpern. — Herr K i r st e i n referierte sodann über den. Rechnungsabschluß des zweiten Waisenhauses. Dasselbe hat im Berichtsjahre 78 Zöglinge betreut, und zwar 64 etatmäßige Waisenkinder und 14 außeretatmäßige Kriegswaisenkinder. Hiervon waren 60 Schüler und 18 Lehrlinge. Durch die Fürsorge der Pankower Gemeindeverwaltung wurden Lebensmittel in so ausreichendem Maße bereitgestellt, daß kein Zögling unterernährt befunden, bei manchen sogar eine beträchtliche Gewichtszunahme festgestellt werden konnte. Alle etatmäßig angestellten Lehrer befinden sich im Felde, auch von den Hilfslehrern sind die meisten zum Heeresdienste eingezogen, so daß gegenwärtig nur zwei Hrlfslehrer im Hause tätig sind. Der Differenzbetrag zwischen den 132 197 Mark betragenden Ausgaben und den Einnahmen in Höhe von 94 787 Mark wurde mit 37 410 Mark von der Repräsentationsversammlung nachbewilligt. Auch über den Rechenschaftsabschluß in der Friedhofsverwaltung referierte Herr K i r st e i n. Es werde dort außerordentlich fleißig und sparsam gearbeitet. Bemerkenswert sei, daß die Zahl der Beerdigungen in höheren Klassen gewachsen ist. Ein Rabbiner allein habe im Etatsjahre 236 Leichenreden gehalten. — Alsdann wurde dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund außer dem Beitrag von 15 000 Mark eine Erhöhung von 3750 Mark gewährt. Demselben wurde zur Erwägung anheim gegeben, ob die den nicht von ihm gegründeten Vereinen und Anstalten gezahlten Beitrüge weiter zu bewilligen feien. Gegen 10 Uhr wurde die öffentliche Sitzung geschlossen. L/D Berlin, 1. Oktober. Vom Präsidium der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" erhalten wir nachstehende Zuschrift: Die die Bildung eines jüdischen Zentrums in Palästina betreffende Erklärung, welche der türkische Großwesir Talaat Pascha anläßlich seiner Verhandlungen mit den Vertretern jüdischer Organisationen einem -der Delogierten gegeben hat, hätte sicherlich sämtliche Gruppen der Jüdenheit befriedigt, wenn sich nicht eine durch die türkischen Verhältnisse bedingte Unklarheit in den Text eingeschtichen hätte. Diese Unklarheit hat zu unrichtigen Interpretationen und zu einer Polemik zwischen den Organen der Zionistischen Organisation undder Orthodoxie in Deutschland geführt. Tie Beseitigung dieses Mißverständnisses liegt ebenso im Interesse -des einträchtigen weiteren Zusammenwirkens der jüdischen Organisationen wie in dem des Erfolges der noch bevorstehenden Verhandlungen. — Da S. H. der Großwesir bereits im Januar 1918 gegenüber den Vertretern der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation" und der „Deutsch-Jsraelitifch-Osmanischen Union" über seine Absichten sich ausgesprochen hat und auch im September d. I. Mitglieder des Präsidiums der A. I. K. O. empfing, glauben wir über seine Intentionen richtig informiert zu sein. Wenn Talaat Pascha das künftige jüdische Zentrum als ein religiöses bezeichnete, so wollte er damit keineswegs sagen, daß die türkische Regierung ausschließlich die religiösen Bestrebuvgen der Juden in Palästina fördern würde, ohne den nationalen entsprechende Fürsorge angedeihen zu lassen. Dies ist allen Delegierten durch die Darlegungen des Großwesirs hinsichtlich der Haltung, welche die Regierung in Sachen des jüdischen Schulwerkes, der hebräischen Sprache, des jüdischen Vereinswesens usw. einzunehmen gedenkt, genügend klar geworden. Daß Talaat Pascha trotzdem in der erwähnten Erklärung nur von einem religiösen Zentrum spricht, dürste aus'zwei Gründe zurückzuführen sein. Nach der überlieferten türkischen Auffassung, die mit der Anschauung der orthodoxen und zionistischen Kreise übereinstimmt, bilden die Juden nicht nur eine religiöse, sondern auch eine nationale Gemeinschaft. Eine solche wird in der türkischen Sprache mit dem Worte „millet" bezeichnet. In einem von den Vertretern der A. I. K. O. und der D. I. O. U. am Beginne der Verhandlungen ausgearbeiteten Entwurf, welchen der Großwesir genehmigt hatte, war auch ausdrücklich hervorgehoben worden, daß dem jüdischen „inillek" nationale Rechte ebenfalls zustehen sollen. Bei den außerordentlichen Schwierigkeiten, welche die innere Lage der Türkei mit sich bringt und mit denen die Regierung rechnen muß, fällt es ihr jedoch sehr schwer, auf das Wort „national" besonderen Nachdruck zu legen, weil diese Bezeichnung mit den gegen die Integrität der Türkei, gerichteten Bestrebungen der Armenier und Araber zu sehr verquickt wurde. Miau darf nicht aus den Augen lassen, daß die türkische Regierung in Sachen des Palästinaproblems zu einer vorsichtigeren Sprache gezwungen ist als England, welches als Erobevermacht auftritt und sich auf eine liberale Oeffentlichkeit stützt. Alle Kenner der türkischen Verhältnisse werden zugeben, das; bereits ein großer Schritt nach vorwärts und eine bedeutende