Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Der erste Vers -des 30. Psalms (Ich erhebe dich. Ewiger, denn -du hast in ich emporgezogen und meine Feinde nicht über mich frohlocken lassen) wird hier mit Ich tanze Dich an, der 'du mich hobst und nicht liehest die Heiden sich an mir freun wieder gegeb en und -der 9. Vers (Zu dir, Ewiger, rief ich, und zu dem Herrn flehte ich) mit A l l e s s ch r i e m i ch .d i r -z u , und die ersten Worte des 100. Psalms (Jauchzet dem Ewigen alle Lande!) mit: Ihr die ganze Erde! werft Schreie der Ersreudung Nach dem Ewigen. Statt der bekannten Anfangssätze -des 121. Psalms (Ich erhebe ineine Augen zu den Bergen: Von wannen wird meine Hilfe kommen? Meine Hilfe vom Elvi gen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde) lesen wir hier: Gegen die Berge -aufbrechen meine Augen schwebt Hilfe herab, und weiterhin (Vers 5: Der Elvi ge ist dein Hüter, der Ewige dein Schatten zu deiner Rechten): Der Herr schützt: er ist -der Schatten unter d e m Baum, e r i st H and. und an Stelle 'des 11. und 12. Verses des 139. Psalms (Und spräche ich: Finsternis bedecke mich und Nacht sei das Licht um mich her — auch Finsternis finsterte dir nicht, und Nacht leuchtete wie der Tag sFinsternis wäre mein Lichts), bietet der Verfasser (kaum traut man seinen Augen): Wollten mich die Nebel überhüllen — aber die Nacht um mich leuchtet an, hell scheinen und sanft die Nebel dir und aufleuchtet in Strahlen die Nacht, in den blenden Finsternissen. Sapienti sat. Einen ganz anderen Eindruck empfängt man von der oben an der zweiten Stelle genannten Schrift. In den „Psalmen, deutsch, im Rhythmus der Urschrift" tritt uns ein Mann von tiefer Religiosität entgegen, der sich mit dem Rüstzeug des Forschers und der Phantasie eines Dichters in die Dichtung versenkt hat. Das Zeigen die Uebersetznngen der in sechs (mit besonderen Ueberschristen versehenen) Gruppen zusammengestellten 31 Psalmen und die feinsinnigen Erklärungen, die jedem Psalm folgen, sowie die am Schlüsse befindlichen Anmerkungen. Wie ganz anders lautet hier der erste Teil des 19. Psalms (der an der Spitze der ersten Gruppe „Aus der Schöpfung" steht): Es erzählen sich die Himmel von Gottes Glanz, Bon seiner Hände Werk spricht rühmend die Feste! Der Tag dem Tage ruft das Wort, Und die Nacht tut der Nacht ihre Weisheit kund. Das ist kein Wort, das ist -auch kein Laut, Wer hörte ihren Mund? Und doch hallt erdenweit ihr Ruf, An des Weltraums Rand ihr Gesang: „Des Sonnenballs Zelt, er schuf es im Meer! Ter tritt nun hervor, ein Bräutigam schön, Ist froh wie ein Held, zu tun den Lauf Bon der Himmel alleräußerstem her; Und er läuft um zum äußersten hin. Es birgt sich nichts vor seiner Glut." Diese Verse zeigen zugleich, was der Verfasser mit dem Titeb zusatz „im Rhythmus der Urschrift" besagen will. Er versucht so zu übersetzen, „daß möglichst jeder hebräischen betonten Silbe auch im Deutschen eine betonte, jeder unbetonten eine unbetonte Silbe -entspricht". Freilich konnte er hierbei das Satzgefüge nicht überall genau nachbilden, die Worte nicht immer philologisch genau übersetzen. Darauf wie auf manche Textänderungen — vgl. oben „Meer" — weist er in den Anmerkungen hin. Von den Erklärungen fei hier die wiedergegeben, die sich auf die ersten Verse des 104. Psalms bezieht: „Der. leuchtende Himmel, die schwer dahinziehen'den Wolken, der Sturmwind und däs Gewitter: das ist das erste Bild. War es nicht Les-sing, der uns gelehrt hat, daß die echte Kunst des Wortes sich ihrer Unfähigkeit bewußt sei, Zuständliches, Ruhendes wiederzugeben? Sie muH, was sie malen will, uns in Bewegung zeigen. So malt unser Dichter das Sonnenlicht, wie Gott es sich als seinen Mantel umtut, den Himmel, wie er ihn als seine Burg erbaut, und «die große blaue Fläche, die uns den Blick nach oben begrenzt, wie er sie — wie ein Zelttuch — ausbreitet. Wir sehen die schweren Wolken, von den Schwingen des Sturmes bewegt, daherfahren als Gottes rollenden Wagen. Und die Winde und -die Gewitter, sie brausen und blitzen übers Land als seine gehorsamen Diener." Manche Erklärung erhält einen besondern Reiz durch des Verfassers genaue Kenntnis von Land und Leuten, die er sich auf einer Palästinareise erworben hat und hier -wie früher in seinen Vorlesungen (an einem Krieg sh ochs ch it lkurse) über den Propheten Amos anmutig verwertet. Von den Punkten, in denen wir andrer Ansicht als der Verfasser sind, können wir nicht umhin, seine Auffassung des 8. Psalms zu erwähnen, die schon in der Ueberschrift: „Des. Menschen Kind" zum Ausdruck kommt. Er findet darin nämlich nicht, wie allgemein angenommen wird, eine Gegenüberst-ellung der Niedrigkeit und Hoheit des Menschen überhaupt, sondern eine solche der Hilflosigkeit und Hoheit — des Kindes. In der Erklärung heißt es: „Hat er (der Dichter), als er hinaustrat in das Licht des Mondes und der Sterne, zuvor noch auf die winzigen, im Schlaf geballten Hände, auf das kleine Haupt im Schatten seiner Hütte gesehen? „Was ist der Mensch, -daß du an ihn denkst. Was ist sein Kind, daß du seiner acht hast!" Das hilfloseste Wesen in der ganzen Schöpfung; und doch welch ein Wunder: „Den Säugling, das lallende Kind, Du brauchst sie als Macht." Jenes Bild in der Hütte — man möchte meinen, daß hier -die Phantasie den Forscherstnn überwältigt habe — hat den Verfasser übersehen lassen, daß den ’ädäm durchweg nur im Sinne von;is, ’enös, geber, und zwar öfters parallel mit diesen gebraucht wird, nie aber in 'der Bedeutung „Kind eines Menschen"; hat ihn auch übersehen lassen, daß es im Texte heißt: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du eine Macht gegründet." Und ist denn schon das Kind als solches von Gott zum Herrn gesetzt über seiner Hände Werk? Ist ferner die Gottäh-nlichlkeit, die Herrscherwürde des Menschen überhaupt nicht Wunders genug? Lprrchlaal. Zu dem Aussatz des Herrn N. Cohn (Nr. 27) -über „Treu und Glauben usw." macht Herr Dr. R-atner auf den eminenthumanen Grundsatz in Babah Bathrah 8a: pp"7l2 J1# aufmerksam, ferner auf die Maxime: NÄ BfiVIV Ein scharfes Bild von der r a t i o n e l l -e n altjüdischen Sozi -a l fürs o r g e wird in Tr. Babah Bathrah 1. c., ebenso im Tr. Peah entworfen. Genaueres siehe auch in den Cod'd. Maimonidis und Caro in betreffenden Abschnitten JYQ^n)- Einiges hierüber ist wi-ed-ergegeben in seinen Arbeiten „Soziale . . . Fürsorge" („Hygienische Rundschau" 1910), ebenso in „Volksküchen im jüdischen Altertum" („Hygienische Rundschau" 1915, Nr. 13). Drucksehlerberichligung. In dem in Nummer 39 erschienenen Artikel „Freude an der Lehre" muß es heißen: Gesellschaft zur ,,Förderung" und nicht Beförderung -der Wissenschaft des Judentums. Ferner, die Adresse des Herrn Moritz Wolssohn ist nicht Berlin W 50, Augsburger Straße 63, sondern 46.