Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229379--74356-3286846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
479 — - „Das geht nicht, Alice, du bist doch nicht den weiten Weg hergekommen, um meine unsterbliche Seele zu sondieren, sondern um mit mir ein Fest unsterblicher Freundschaft zu feiern. Wir wollen uns daher zu den Herren begeben, damit sie uns Helsen, diese Stunde festlich zu begehen." Lachend umfaßte sie die Freundin und öffnete die Tür, um aber bald verblüfft stehen zu bleiben. Vor der Tür, von der Gasflamme hell erleuchtet, stand Chase Rachel, die sicherlich gelauscht und jetzt, ohne Bewußtsein ihrer Ungehörigkeit, langsam irie Treppe hinunterging. Um den peinlichen Vorgang zu verwischen, eilte Alice der alten Frau nach und sprach lächelnd: „Frau Klaßner, wollen Sie mir nicht wenigstens „Guten Abend!" sagen?" Die Alte starrte sie mit harten Augen an und sagte dann mit einem schlauen Lächeln: „Gut Abend, gut Abend! Ja, ich Ihnen och kenne, wo doch hier waren mit feiner Frau und goldner Brille. Ja, Sie seien jüdisches Blut und besser für ihn, als dort jene. Gut Abend!" Alice blickte die Freundin verlegen an. Diese mußte wohl die wunderlichen, unzusammenhängenden Worte ihrer Schwiegermutter erraten haben, denn kreidebleich, mit zusammengepreßten Lippen, lehnte sie am Geländer, als suche sie dort irgendeine Stütze. Chase Rachel war schon längst wieder fort, ehe Ellen ein Wort sprechen konnte. ,Mice, bleibe einen Augenblick hier. Ich bin gleich wieder da." Mice war wie versteinert und bewegte leise den Kops. Ellen ging mit schnellen Schritten hinunter und betrat die Küche, gerade als die Alte ihr Abendgebet beginnen wollte. Sie schloß die Tür und sprach ernst: ,;Mutter, das war sehr unrecht von dir. Das hättest du nicht sagen sollen. Wenn wir allein sind, kannst du sagen, was du willst. Aber nicht in Gegenwart anderer. Das ist gegen deine ... ich meine gegen unsere Religion. Du hast dich einer schweren Sünde schuldig gemacht, daß du mein Blut wie Wasser vergossen hast." Artur hat mir dies erklärt; ohne Grund und Ursache hast du mich vor Fremden beschämt." Die Alte gab keine Antwort und entfernte einige Stäubchen vom Tisch, die dort gar nicht vorhanden waren. „Hast du mich verstanden, Mutter?" fuhr Ellen fort, bemüht, ruhig zu bleiben trotz ihrer inneren Erregung. „Du darfst mit mir schelten, soviel du willst, wenn keiner zugegen ist; ich werbe es mit Gleichmut hinnehmen. Aber vor Fremden darfst du nicht vergessen, daß ich vor Gott und Menschen die Frau ldeines Sohnes bin, ob du es gern hast oder nicht." Die Worte schienen doch nicht ohne Eindruck aus die Frau zu bleiben. Mit einem Lächeln, daL zu ernst war, um als Ausdruck der Freude gelten zu können, aber auch nicht ernst genug, um Zorn zu bedeuten, sprach sie: „Nu, nu! Ist nicht schlimm so sehr. Du nicht daran sterben wirst." Ellen gab weiter keine Antwort. Leise, wie sie eingetreten, verließ sie wieder die Küche. Hätte sie aber einen Blick hinter sich geworfen, so würde sie bemerkt haben, worüber sie mehr hätte Nachdenken müssen. Es war Chaje Rachels verwunderter Blick, der einen auffallenden Gegensatz zu der bisherigen scheinbaren Gleichgültigkeit bildete, daß die Unterhaltung so Plötzlich abgebrochen wurde. Noch lange stand sie verblüfft auf derselben Stelle, stumpf den Kopf hin und her bewegend, während ihre Lippen fortwährend „Nu, nu!" murmelten. _ , , (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. 1. Psalmen Davids. Von Theodor Tagger. Ausgewählte Uebertragungen. Berlin, im Verlage von Heinrich Hochstim, 1918. 131 Seiten. 2. Psalmen, deutsch, im Rhhthmusder Urschrift. Von Pros. Lic. Hans Schmidt in Tübingen, zurzeit als Hauptmann im Felde. Göttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht, 1917. 116 Seiten. Taggers sehr schön ausgestattetes Buch enthält nicht durchweg, was der Titel erwarten läßt. Weider werden üns unter den ausgewählten 47 (im Inhaltsverzeichnis sind statt des 55., 67. und 69. der 47. und 49. angegeben) nur „Davids" Psalmen noch nur „Uebertragungen" geboten. Einerseits finden wir auch Asaphs und der Korachiten Psalmen, anderseits Uebertragungen, die keineswegs als solche, sondern allenfalls als Neubildungen gelten können. So. lesen wir hier — um nur einige bekannte Psalmen in Betracht zu ziehen — als 8. Psalm: Herrlich ist dein Name über den Ländern Unmündige öffnen -den Mund und Säuglinge heben an z,u preisen dich gegen den Feind. O vordem Mond und bem Ster nen, die Du hinstelltest und dem Himmel, der aus Deinen Fingern leicht und milde h e r v o r g l i 11: Was ist der Mensch, daß Du ihn s i e h st und be t r e u e st se i n e K i n der? Und doch über schütte st ihn mit Deinen Rühmen und den Erschöpfungen deines Geistes und zieh st unter seinen Schr i t t e n auf w i e Teppiche d e i n e Leb e n in den Schafen und Rindern und in den Leoparde n und den Vögeln am Himmel und 'den Fischen und allem was im Wasser geht. Herrlich ist -dein Name. Der 23. Psalm lautet hier: Herr, mein Hirte, ichfeheDich und weide aus deinen grünen Matten lauset der ruhige Quell sanft bin ich gebor gen. Du führest mich mit Deinem Stabe — gerechte Str aßen w e i s e n d e i n e n Namen, unter den Schatten des Todes wärmt Deine Hand, Wanderer stützt mich dein Stab, breitet still sich Dein Tisch vor meinem Angesicht und h e r r l ichflutet mein Becher. Barmherzigkeit folget mir schwesterlich alle Tage des Lebens, daß ich wohne im Haus des Herrn in die Länge der Tage. Auch in Stücken, die man allenfalls als Uebertragungen bezeichnen könnte, weicht der Verfasser ohne ersichtlichen Grund, und ohne — auch wenn man von seinen sprachlichen Eigentümlichkeiten absieht — Schönes zu bieten, vom Texte mitunter weit ab. So lautet hier!der erste Teil des 19. Psalms: Die Himmelsprechen aus die Ehre des Herrn, .(zeigt das -unendliche Gebreitete s e ine H ä n d e) der Tag dem Tag jegliche Nacht u m arm t e sder nächste n Nacht e i n. Jeder Laut geht von Dir a u s g e st r e ck t, tritt ein Bräutigam die Sonne aus der hochzeitlichen Kammer der Nacht und. anbeginnt fröhlich heldenhafte Laufbahn. Stand auf am Himmels a u. f ga n g und wandert Wer das himmlische Land sinkt am Himmelsende, and nichts der Wärme verliert sich und bleibt alles ganz.