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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-04 · Heft 40 (4.10.1918) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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478 Eindruck gemacht hat. Und als diebeiden Leidenden uns abwechselnd Bruchstücke aus ihrem vielbewegten Leben erzählten, da standen sie wie angebannt, einer den anderen vielsagend anschauend. Beim Abschiede legte jeder Schüler willig von seinem Taschengelde seinen Obulus auf den Tisch. Tränen des Dankes rollten über die zerknitterten Wangen der Mutter und Tochter. „Was uns unseren Lebenslauf bewahren ließ, trotz der Schicksalsschläge," sagte die Tochter, „das ist unser Gottvertrauen." Die Me vergoß dabei stumm ihre Tränen . . . „Gott hat uns nie verlassen: auch heute hat er uns wieder ein Zeichen seiner Liebe durch euch, meine lieben Jungen, gegeben ... Ach — wenn ihr wüßtet — nun können wir doch die Rechnung bezahlen, um die wir uns heute schon den ganzen Tag sorgten. So hat uns auch heute Gott geholfen. Gott lohne es euch, ihr lieben, guten Jungen," rief sie aus innerstem Herzen — jedem beim Abschiede die Hand drückend . . . Und Gott ha: auch uns bald geholfen . . . Wie wanderten weiter . . . Der Hunger quälte uns . . . Unser Mitgebrachtes hatten wir aufgezehrt . . . Die Bauern — stark mit Erntearbeiten beschäftigt. — wiesen uns erbarmungslos ab ... Da gerieten wir in ein von einer Komtesse bewohntes Haus. Auf unsere Bitte um Ueberlassung von Lebensmitteln sagte sie mitleidsvoll: „Ich bedauere euch ja sehr, aber ich kann euch weiter nichts geben ... als Johannisbeeren . . . und davon könnt ihr so viel essen, als ihr wollt, ohne etwas dafür zu zahlen." Im Schatten einer mächtigen Linde, gegenüber dem Hause unserer Gönnerin, verzehrten unsere 30 Jungen mit Wohlbehagen drei Körbe Johannisbeeren — und erfrischt konnten wir von dannen ziehen. So hat uns Gott bald unsere gute Tat gelohnt. Zeit unseres Lebens wird uns dieses Erlebnis in Erinnerung bleiben. Gegen Abend langten wir in Höhe Wacht an. Dort nahmen wir ein erquickendes Bad in den Fluten der Ostsee, schon bei Einbrechen der Dunkelheit im Spiele der Scheinwerfer einer Seegefechtsübung mit Torpedo- und Unterseebooten. und teilten unser Nachtlager auf Heu und LaUb in einer von ganz armen Leuten bewohnten Waldhütte. Vater und Sohn sind im Kriege und die arme Frau mit ihren sechs Kindern hat uns. so gut bewirtet, als sie konnte. Unser frugales Abendbrot, bestehend aus Pellkartoffeln und Salz, hat uns ganz vorzüglich gemundet. Das war ein herrlicher Abend. Bevor wir uns zur Ruhe legten, machten wir noch einen Spaziergang an den Strand. Dort trafen wir einen wachhabenden Soldaten, gerade das Maariw-Gebet verrichtend. Er endete gerade, besonders laut betonend: bu jaase scholauin olenu woal kol jisroel, als er in uns Glaubensbrüder erkannte ... Er erzählte uns, daß er aus einem sehr frommen Hause eines bayrischen Landstädtchens stamme, seit vier Jahren Soldat sei, in Rußland, Rumänien und Frankreich gekämpft und während dieser ganzen Zeit unter Ueberwindung aller Schwierigkeiten die Speisegesetze und auch die anderen religiösen Vorschriften nach Möglichkeit befolgt habe. — Als wir uns trennten, fragte er mich: „Sagen Sie, wie mache ich es mit dem Nachtgebet, wenn ich Nachtdienst habe; das muß man doch am Abend beten vor dem Schlafengehen."- Schließen will ich meinen Bericht mit dem frommen Wunsch der kleinen Ruth in ihrem Willkommengruß bei dem Unterhaltungsabend in Malente: „Gib uns den Frieden nach glänzendem Sieg Und mache ein Ende dem schrecklichen Krieg Und führ' uns, lieb Väterchen, recht bald heim, Damit wir wieder froh können sein!" * .T3lv5gl Ieürm Üss Lrimge. (14.Forts.) Roman von M. Pulvrrmann. eißt du, Ellen," nahm Alice das Gespräch wieder auf: „ich dürfte dich ja gar nicht fallen lassen, selbst wenn ich Neigung dazu hätte. Habe ich mich, nicht dir als eine Art Bürgschaft angeboten? Habe ich dich nicht zu meinem Schützling erkoren?" Die junge Frau sah sie verblüfft an und schüttelte den Kops. „Hast du vergessen," 'fuhr Alice fort, „daß ich mich verpflichtet, dein Führer, Ratgeber und Dolmetscher zu sein, wenn du eines solchen benötigen solltest?" Ellen setzte sich kerzengerade und ergriff Alices beide Hände. „Glaubst du denn, daß ich auch nur Zeinen Augenblick das vergessen könnte? War es doch erst gestern, daß ich es Artur gesagt, wie sehr ich Ursache habe, dir dankbar zu sein! Ich sagte ihm auch, welche Mühe du dir in jener fürchterlichen Stunde gegeben, um meine Zweifel zu beschwichtigen . . ." „Du hast es ihm gesagt?" „Sollte ich denn nicht?" „Und auch, was ich noch weiter für dich tun will?" „Das allerdings nicht: denn wie hätte ich es auch nur andeuten dürfen, daß ich an seiner Seite noch eines anderen Helfers gebrauchen könnte! Er hätte mir ja zürnen müssen, wenn ich dadurch zu erkennen gab, daß ich Schwierigkeiten erwarte, die er nicht beseitigen, Mißverständnisse, die er nicht aufklären, Widersprüche, die er nicht in Einklang bringen könnte?" „Du hast recht; das durstest du ihm nicht sagen. Und nun nur noch eine Frage, Ellen: Seit wir damals diese Sache besprochen, hast du seitdem Gelegenheit gehabt, dir eine bessere Meinung zu bilden?" Die junge Frau schlug die Augen nieder und sprach nur sehr langsam: „Alice, du bist grausam. Du willst mir nur eine einzige Frage stellen, tue aber schwieriger zu beantworten ist als tausend andere. Zunächst aber muß ich es verneinen, daß ich Gelegenheit hatte, mir eine neue Meinung zu bilden. Du mußt doch in Betracht ziehen, daß so viele äußere Einflüsse an der Arbeit waren, um mich von einem inneren Nachdenken abzuhalten: meine Verpflanzung in eine ganz andere Welt — anders kann ich es nicht 'bezeichnen —, sodann die vielen neuen und befremdlichen Sachen, die mich verwirrten, und vor allem, Alice, meine Glückseligkeit. Bis jetzt habe ich daher noch gar nicht Zeit gehabt, mein Innenleben zu beginnen. Aber das eine kann ich dir sagen, daß ich, seit ich meine Verwandten verlassen, noch nicht ein einziges Mal das Verlangen empfunden, zu beten!" „Auch das kommt sicherlich noch." „Ich weiß es nicht. Mir will es scheinen, daß es besser ist, wie es ist." Mit verschlungenen Händen saß sie da, den Blick in die leere Ferne gerichtet. „Das wäre schlecht von diir," sprach Alice mit einem Ernst, der auch durch das Lächeln nicht abgeschwächt wurde. „Doch dafür kenne ich dich ja zu gut. Ich bin fest überzeugt, daß du bald zu einer anderen Ansicht kommen wirst." Ellen schüttelte den Kops, als wollte sie dadurch ihren Zweifel noch unterstreichen. Mit einer raschen Bewegung stand sie auf und veranlaßte dadurch die Freundin, ihrem Beispiel zu folgen.

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