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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-04 · Heft 40 (4.10.1918) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 477 (sequence 9)
Language
German
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477 Mäntel mit „Zaddeln und Lappen um Saume" die beiden Sittenprediger an den jüdischen Gebetmantel. Vielleicht denkt Geiler auch an den mit Buchstaben verzierten Tallis. pus der Sommerfrische. Bericht über das Ferienheim für jüdische Schüler höherer Lehranstalten in Malente-Gremsmühlen, (Holsteinische Schweiz). Von Lehrer Adolf Rothschild (Achim-Bremen). tele jüdiDhe Großstadtkinder haben auch die diesjährigen Sommerferien auf dem Lande verbracht und sind erfrischt und gestärkt an Geist und Körper zu ihren 'Eltern und zur Schularbeit zurückgekehrt. Sogar die gastfreie Schweiz hat ihre Pforten in hochherziger Weise der jüdischen Großstadtjugend geöffnet. Konnten die Eltern nicht dafür sorgen, so haben unsere rührigen Verbände und edle Menschenfreunde für eine Unterbringung auf dem Lande — teils in Kolonien, teils in Privatfamilien — Sorge getragen. Doch da auch deren Macht nur eine Grenze hat, mußte doch noch eine große Anzahl Kinder schmachtend und darbend in der Großstadt verbleiben, was man erst in seinem ganzen Umfange begreifen kann, wenn man in Betracht zieht, daß die Ferieninonate in diesem Jahre, da die Lebensmittelvorräte zur Neige gingen und die Ernte des Frühgemüses unter den ungünstigen Witterungsverhältnissen sehr gelitten hat, auch für die jüdische Großstadtjugend recht unangenehm fühlbare Mißstände gezeitigt haben. Und nun folge ein kurzer Bericht über unseren Ferienaufenthalt. Ich wanderte mit 35 Schülern, aus Berlin, Hamburg und Leipzig stammend, diesen Sommer nach der Holsteinischen Schweiz. In dem herrlich gelegenen, von Seeü und Bergen umgebenen Mälente-Gremsmühlen. hatten wir ubser Heim ausgeschlagen. Die aus einer Anhöhe gelegene Villa, die wir bewohnten, gewährte einen wunderbaren Fernblick aus den Kellersee und die anschließenden üppigen Wiesen und Wald'landschaften. In Malente wohnen keine Juden, und auch eine jüdische Restauration ist nicht vorhanden, und doch hat man unter den Kurgästen sehr viele Juden gesehen. Wie in den Vorjahren — auf Norderney, in Harzburg und Friedrichroda— haben wir auch in diesem Jahre in Malente und aus unseren zahlreichen Wanderungen trotz der immer schlechter gewordenen Lebensmittelverhältnisse im 5. Kriegsjahre bei den Behörden stets, das wärmste Entgegenkommen gefunden, und unsere Jungen sind vollauf befriedigt, geistig und körperlich gekrästigt von ihrem Ferienaufenthalt in die Heimat zurückgekehrt. Allerdings muß hier gesagt werden, daß auch unsere jüdische Großstadtjugend viel bescheidener geworden ist. * Was wir erlebt und geschaut haben, kann nicht im Rahmen eines Zeitungsberichtes erschöpfend dargelegt werden; nur was allgemein interessieren dürfte, wollen wir hier verraten. Da auch in der näheren Umgebung keine Synagoge vorhanden war, haben wir in unserem Heime Gottesdienst abgehalten. Trotzdem die Schüler den verschiedensten religiösen Richtungen angehörten, haben sie alle, unterschiedslos, ohne Zwang, von einem natürlich-religiösen Empfinden getrieben, am Gottesdienst teilgenommen, und die kleine Gemeinde zeigte sich recht andächtig, folgte interessiert meinen allsabbatlich gehaltenen Tchrifterklärungen, an die sich immer noch am Schluß des Gottesdienstes eine lebhafte Debatte anschloß. Aus einer mitgebrachten kleinen Seser-Thora habe ich den Wochenabschnitt vorgelesen. Die Jungen, von denen keiner Gelegenheit hat, am Sonnabnd die Synagoge zu besuchen, zeigten sich sehr ersrent, auch endlich einmal beim Morgengottesdienst zur Thora gerufen zu werden. Wie mächtig kamen sie sich vor, daß kein Erwachsener ihnen dieses hier genoffene Vorrecht streitig machen konnte! Um auch äußerlich der Kurverwaltung unseren Dank zum Ausdruck zu bringen, hatten wir zum Besten der Malenter Kriegshilfe einen Unterhaltungsabend veranstaltet, - der glänzend verlaufen ist. Unsere Jungen, vom Sextaner bis zum Primaner, haben trotz der kurzen Vorbereitungszeit ganz Vorzügliches geleistet, was auch von allen Seiten rückhaltlos anerkannt worden ist. Der ideale und materielle Erfolg unserer Veranstaltung überstieg weit unsere Erwartungen. Der „Ostholsteinische Anzeiger" brachte hierüber folgendes (auszugsweise): „Der von den Schülern des Rothschildschen Ferienheims veranstaltete Unterhaltungsabend nahm in allen Teilen einen vorzüglichen Verlauf. Es ist zu bewundern, wie es möglich war, in solch kurzer Zeit solche Leistungen zu erzielen. Das zeugt nicht nur vom Fleiß der Schüler, sondern auch von Verständnis und Energie des Leiters. Der Saal war bis aus den letzten Platz — trotz der hohen Eintrittspreise — besetzt. Eingeleitet wurde der Abend durch eine packende Ansprache des Leiters, des Herrn Lehrer Rothschild. Nach einigen Worten der Begrüßung legte er den Zweck der Veranstaltung dar. Dann wies er auf den nahen Beginn des 5. Kriegsjahres hin und erinnerte daran, was Heer und Volk in den vier schweren Kriegsjahren an Opfern und Entsagungen in Geduld ertragen haben. Er gedachte mit Bewunderung unserer glorreichen Truppen und ihrer zielbewußten Heerführer und forderte am Schluß seiner Ansprache aus, unserem obersten Kriegsherrn, der jetzt in schwerer Sorge um Heer und Volk lebt, freudig mitzuhelfen im Kampfe der deutsch-idealistischen gegen die englischmaterialistische Weltanschauung. Die Ansprache fand ihren Abschluß in einem Hoch auf Kaiser und Reich, in das die Versammlung begeistert einstimmte. Dann folgte ein vom Leiter verfaßter Willkommengrnß, den die 7jährige Tochter Ruth allerliebst vorgetragen hat. Der Primaner Hans Kaufmann (Charlottenburg) hat hierauf einen von ihm verfaßten Prolog meisterhaft zum Vortrag gebracht. Die Darbietungen der Schüler wurden mit größtem Beifall ausgenommen. Aufgeführt wurden das Lustspiel „Die Hamsterjagd", „Die drei Musterschulbuben", „Großstadtjungen bei der Erntearbeit auf dem Lande" und einige Klaviervorträge." Wir konnten der Malenter Kriegshilfe 600 Mark überweisen. Aus Wunsch mußte die Aufführung am Sonntagnachmittag für die Jugend mit gleichem Erfolge bei vollbesetztem Hause wiederholt werden. So haben wir gezeigt, was deutsch-jüdische Jungen leisten können. Die Kurverwaltung hat uns für unsere tätige Mitwirkung zur Linderung der Not öffentlich gedankt. Es würde zu weit führen, wenn wir alle unsere Erlebnisse auf unseren Wanderungen hier zu Papier bringen wollten; nur eins soll erwähnt werden: Auf unserem Ausfluge zur Hohen Wacht an der Ostsee kamen wir in dem Dorfe Stöß an einem recht armselig aussehenden Strohdachhause vorüber, das uns. anffiel. Die Tür stand offen. Ein notdürftig ausgestattetes Stübchen. — Ich trat ein. — Im Bett lag eine recht blaß aussehende kranke Frau. Auf mein Befragen erzählte sie, daß sie schon 22 Jahre gelähmt in diesem Bette liege. — Vor ihrem Bette stand auf einem Ständer eine Handnähmaschine, auf der sie sich ihren Unterhalt zu verdienen schien. Auf einem Lehnstuhl am Fenster saß die 89jährige bebrillte Mutter, die nur noch mit Hilfe von zwei Stöcken zu gehen vermochte . . . und sie ist noch die Bediente ihrer schwerleidenden Tochter. Allmählich füllte sich das Stübchen mit meinen Jungen, auf die das Bild einen märchenhaft überwältigenden

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