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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-04 · Heft 40 (4.10.1918) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
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476 Die gehäufte Aufzählung der Einzelheiten des Putzes bei Brant brachte mich auf den Gedanken (Paul >u.Braune, Beiträge zur Geschichte 'der deutschen Sprache und Literatur, 18, 37 Anmerkung — 1893), daß Brant an die ähnliche Stelle bei Jesaja 3, 16 bis 26 erinnern wollte. Mit der jüdischen Sitte wäre dann jene von Jesaja gegeißelte Putzsucht gemeint. Wenn nun auch der Interpolator des Narrenschiffs und Geiler diese Jesaja-Stelle anführen, so möchte ich doch meine Ansicht nicht aufrechterhalten. Aber DH. Maus macht es sich doch etwas zu leicht, wenn er ohne Kenntnis anderer Erklärungen und ohne genaue Prüfung des Zusammenhangs die Meinung äußert: „Geilers Schilderung widerlegt jedoch klar diese Erklärung, es ist wirklich die jüdische Tracht gemeint." (Branh Geiler, Murner. Marburger Dissertation, 1914.) Welche jüdische Tracht? Der häufige Hinweis auf Geiler in. den Deutungen der Stelle erfordert eine Klarstellung des Verhältnisses, in dem Geiler zu Brant steht. Geiler ist kein Kommentator Brants. Die gleiche Wendung bei Geiler kann unter Umständen eine andere Bedeutung haben als bei Brant. In den fahren 1498 und 1499 predigte Geiler über die einzelnen Kapitel des Narrenschiffs, und zwar legte er nicht die autorisierte Ausgabe Brants zugrunde, sondern die Bearbeitung des Interpolators, die zum berechtigten Aerger Brants in Straßburg so verbreitet war, daß sie gewissermaßen als Volksausgabe gelten konnte. Das Modenkapitel Brants hat nur 34 Verse, die der Interpolator zu 108 Versen aufschwemmt. Geiler behandelt das Thema wohl im Anschluß an das Narrenschiss, aber nicht in der Weise, daß er das einzelne ausdeutet und die Gruppierung des Stoffes beibehält, sondern in der Art, wie ein geist- und kenntnisreicher Prediger an einen Text anknüpft, im übrigen aber seine eigenen Wege geht. Geilers Predigten, die sicher deutsch gehalten wurden, liegen uns im Original nicht vor. Die lateinische Ausgabe der Predigten (die auch durch Lochers lateinische Uebersetzung des Narrenschiffs — wie gerade bei unserem Kapitel leicht zu beweisen ist — beeinflußt erscheint) wurde durch Jac. Otther besorgt und zuerst 1510 gedruckt. Ich gebe nun im folgenden eine Erklärung der eingangs abgedruckten Stelle aus Brants Narrenschiff im Zusammenhang, da bei den Uebersetzern -und Erklürern doch manch wichtige Einzelheit übersehen ist. Das (Vermehren der Läuse) kommt daher, weil alle Kleider jetzt voll Falten sind (gemeint sind die e n g e n Falten, die Zierfalten, die den Läusen zum Versteck dienen können. Brant spricht überhaupt nicht von den großen weiten Falten, vom Faltenwurf der Gewänder, woran fast alle Erklärer nur denken): Röcke, Mäntel, Hemden und Brusttücher (diese vier ganz besonders sind mit den Zierfalten geschmückt). In der Ailszählung nennt nun Brant in seiner abgehackten und oft nur andeutenden Art Bekleidungsgegenstünde überhaupt, die in besonders wechselnder Modeform getragen werden: Pantoffeln, Stiefel (beides die Fußbekleidung der Vornehmen), Hosen, Schuhe (der Interpolator und Geiler sprechen ausführlich von den italienischen und französischen Schuhen, von dem Gebrauch törichter Formen, von den bunten und durchbrochenen Hosen), seltsame (wild) Umhänge, Mäntel (man beachte, daß hier das Wort noch einmal —aber in -anderem Zusammenhang steht!), Besatz daran — die jüdische Sitte will ganz aufkommen. In diesem Anbringen des Umlaufes, des Besatzes, mag er nun an den Besatzstreifen oder an die Fransen und Zizis des Tallis gedacht haben, sieht Brant die jüdische Sitte. Die neuaufgekommene Mode der „Kappen", jener leichten Mantelkragen, wie sie das Bild des Gecken zeigt, konnte Brant schon an den Tallis erinnern. Die schwarzweißen Besatzstreifen habe ich schon erwähnt. Wenn nun Israel Jsserlein (bei Berliner, a. a. O. S. 65) schreibt, daß die Christen in den deutschen Ländern glauben, es sei den Juden ebenso streng wie das von der Schrift untersagte Tragen von Wolle und Leinen auch verboten, zwei- oder dreifarbige Kleider oder solche mit Z a d d e l n und Lappen a m S a u m e anzulegen, so sieht man, daß die Mode, die Brant als jüdische Sitte bezeichnet — als Mode nicht jüdische Sitte war. Der Interpolator fügt nun an diese Worte Brants von der jüdischen Sitte (ich zitiere nach dem bei Zarncke nicht erwähnten seltenen Grüningerschen Druck von 1497 sKönigliche Bibliothekj) unmittelbar die Verse: Man wurt schier buchstab schrillen dran Das man seh an der libery Was geschlechtz der narren ieder sy. Es war nämlich damals Mode geworden, Buchstaben aus die Kleider zu nähen. So bedeutete z. B. L Liebe, T Treue usw. Der elsäfsische Dichter Meister Altswert zählt in einem Gedicht eine Menge Buchstaben auf, die zu solchen symbolischen Andeutungen verwertet wurden. Ich möchte nun vermuten, daß der Interpolator und nach ihm Geiler die „jüdische Sitte" auch auf diese Buchstabenverzierung beziehen. Vielleicht dachte man an die mit hebräischen Buchstaben bestickten Vorhänge, Thoraumhänge in den Synagogen, wohl nicht an den Kopfschmuck des Hohen Priesters oder an Secharja 14, 20 f. Vielleicht aber hat man damals auch den Besatzstreifen des Tallis mit passenden Worten bestickt. Eine Neigung zu solchem Schmuck war sicher vorhanden. Es sei erinnert an die Entscheidung des Maimonides über das Tragen des Tallis, auf dem der betreffende Abschnitt der Heiligen Schrift eingewebt war (s. Münz, Moses ben Maimon, S. 82 f.). Wenn es sich hier nur «um einen Ausnahmefall handelt, so sei darauf verwiesen, daß auf Bildern aus dem 15. und 16. Jahrhundert die Kleidung der Juden durch solche Streifen mit hebräischen Buchstaben -geradezu charakterisiert wird. Man vergleiche die Bilder in der „Entehrung Mariae durch die Juden", herausgegeben von A. Klassert (Straßburg 1905), einer dem Thomas Murner zugeschriebenen antisemitischen Dichtung, S. 28, 30, 31. Hier sind die Juden durch solche Besatzstreifen kenntlich gemacht. Ebenso in Georg Liebe, Das Judentum in der deutschen Vergangenheit, S. 16, auf einem Bild aus dem Jahre 1470. Auch auf Rembrandts Predigt Johannes des Täufers ist der beschriebene Besatzstreifen zu sehen. Der Brauch scheint nicht ganz geschwunden. Ein Tallis aus neuerer Zeit mit der Brocho in Silberstickerei liegt mir vor. In Hirsch Fassels „Drei gottesdienstlichen Vorträgen", herausgegeben von Sigmund Fasset (Wien, 1888), sieht man den Autor, der Oberräbbiner in Groß-Kania (Ungarn) war, in einem Tallis abgebildet, auf dessen Besatzstreifen sich hebräische Worte befinden. Und wenn Geiler (s. oben) meint: „Was soll ich gar von den Mänteln sagen, die durch jüdische Quasten am Saume gekennzeichnet sind, durch alles ähnlich den (dopietis) bestickten, bemalten Gewändern der Juden", so mag er, vielleicht angeregt durch die Worte des Interpolators, dessen Ausgabe er ja benutzte, auch an den buchstabengeschmückten Tallis gedacht haben. Güdemanns Uebersetzung des Wortes depictis, „den soeben geschilderten", ist sicher unrichtig. Jüdische Gewänder sind gar nicht geschildert, und das Wort depiingere wird bei Geiler in dieser übertragenen Bedeutung gar nicht gebraucht, aber sehr häufig — auch in demselben Kapitel — in der Bedeutung: anfärben, bemalen, besticken. Auf jeden Fall steht fest, daß weder Brant noch Geiler lange, faltige Gewänder im Sinne haben, wenn sie von jüdischer Art reden, vielmehr erinnern die neumodischen leichten

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