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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-04 · Heft 40 (4.10.1918) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 Nachdem Braut von dem neuen Haartrachten und von den Halsketten gesprochen hat, macht er «den derben Scherz, daß unter den modern frisierten Haaren die Läuse nicht selten würden, um deren Vermehrung es überhaupt gut stünde: Das duot all kleider sindt voll feit Rock, mentel, hemder vnd bvustduoch Pantoffel, Styffel, Hosen, schuoch Wild kappen, mentel, vmblouff dran, Der jüdisch sht wil gantz vffstan Dann ein fundt kum dem andern wicht Das zeygt, das vnser gmuet ist licht Vnd wänckelbar in alle schand. Zarncke bemerkt in seinem Kommentar zum Narrenschiff bei dem Worte jüdisch: „Ich vermute, Brant meint hier die weiten faltigen, bis aus die Sohlen herabhängenden Röcke, die in manchen Gegenden die Juden noch als eigene Tracht behaupten." Wohl auf Grund dieser Bemerkung meint auch Bobertag in seiner Ausgabe des Narrenschiffs: „Die jüdische Sitte, nämlich lange, kaftanartige Röcke" und Junghans in seiner bei Reclam erschienenen Verneudeutschung: „Die Juden trugen lange, faltige Kaftane." Schon Güdemann hat 1888 in einer besonderen Note in seiner Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden, Bd. Hl, 274 f., aus Zarnckes Irrtum hingewiesen und geltend gemacht, daß die Juden damals gar keine eigene Kleidertracht gehabt hätten. Aber unter Anführung eines Zitats aus Geilers v. Kaisersberg Predigten über das Narrenschiff (bei Zarncke ist diese kulturhistorisch sehr interessante Rede S. 257 bis 260 abgedruckt) spricht er doch von dem auffallenden Mantel des Rabbi Jsserles, den der Verfasser des „Leket Joscher" in einer Weise beschreibt, daß Güdemann völlige Uebereinstirmnunq mit Geiler findet, den er so zitiert: Quid tandem de mantellis, qui fimbriis iudaicis in ura eorundem sunt notati per omnia similes depictis (zu verstehen: den soeben geschilderten) iudeorum vestibus. Eine Stütze könnte Güdemanns Erklärung finden in zwei Zitaten bei Godefroy, Dictionnaire de l’ancienjie langue franqaise, aus Dichtungen des 15. und 16. Jahrhunderts, die „auf eine angebliche prunkhafte Tracht jüdischer Gelehrten Hinweisen", mitgeteilt in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 1918, S. 33. Aber wenn man andere Stellen in diesem Wörterbuchs und bei La Curne de Sainte-Palaye vergleicht, gewinnt man den Eindruck, daß das Wort rabi hier bereits in einem sehr übertragenen Sinne gebraucht und daß hiev sicherlich nicht an die Tracht zeitgenössischer jüdischer Gelehrten gedacht wird. Daß zur Erklärung der Stelle aus Brant Güdemanns Hinweis auf eine doch nur ausnahmsweise übliche Rabbinertracht nicht beiträgt, hat bereits David Kaufmann in der Revue des etudes juives, 17, 160 (1888) festgestellt. Er will die Lösung des Rätsels in den Worten fknbriis iudaicis bei Geiler finden. Mit Recht versteht er darunter die Zizis des Tallis und die Fransen des Gewebes an den kürzeren Seiten. (Er hätte auch anführen können, daß die Vulgata 4 B. M. 15, 38 übersetzt: ut faciant sibi fimbrias1) per angulos palliorum.) Beim Gebrauch des Tallis in der Synagoge und der häuslichen Es sei mir hier nebenbei die Bemerkung gestattet, daß die jetzt sehr übliche Uebersetzung Schaufäden keineswegs auf christliche Autoren zurückgeht. Luther übersetzt: „das sie jnen Lepplin machen an den sittigen jrer Kleider," in den neueren Ausgaben der Luther-Bibel und bei den meisten Erklärern findet man den Ausdruck Quasten. In den deutschen Wörterbüchern hat das Wort Schaufaden überhaupt keinen Platz gefunden. Nur Daniel Sanders — leicht erklärlich — verweist auf Zunz' Uebersetzung. Soweit ich sehe, tritt das Wort zuerst in der Mendelssohn scheu Uebersetzung auf, und es ist dort, wie man aus dem Biur sehen kann, aus rein sprachlichen und sach- Andacht könne man dann auch die erwähnten Falten sehen. Auf diese und auf die Fransen habe Brant als auf die jüdische Mode hingewiesen. Da Kaufmann das Wort depictis in dem Geiler-Zitat durch einige Punkte ersetzt, scheint er an Güdemanns unrichtiger Uebersetzung keinen Anstoß zu nehmen. Ludwig Geiger (Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Bd. 3, 64 f„ 1889) hält alle diese Erklärungen für unrichtig. Auf dem Bilde zu dem Kapitel Brants sei nichts von faltigen Röcken oder Mänteln oder herabhängenden Schaufäden zu sehen. Der Vers beziehe sich auch gar nicht auf ein Kleidungsstück, sondern „jüdische Sitte" bedeute das Fremde, Seltsame. „Keinesfalls bezieht es sich auf die Nachahmung eines einzelnen Kleidungsstückes, gewiß nicht, wie Kaufmann meint, auf die Art, wie die Juden in ihre Synagogen zu gehen pflegten, sondern etwa wie sie sich an Feiertagen auf der Straße zeigten." Diese Auffassung erscheint irrig. Das Bild des Modenarren im Narrenschiff konnte natürlich nicht all die vielen Modetorheiten, die im Kapitel gegeißelt werden, bis ins einzelne zeigen. Ein schwarzweißer Besatzstreifen, der ans Tallis erinnern könnte, ist übrigens zu sehen. Das Wort „jüdisch" im Sinne von fremd dürfte ait§ dieser Zeit nicht zu belegen sein. Denn diese Bedeutung lag gar nicht nahe, da die Juden als Landesgenossen, und wie man sie aus dem religiösen Schrifttum kannte, nicht als „fremd" galten. Daß die Juden an Feiertagen sich anders schmückten als die Christen, ist für die damalige Zeit nicht erwiesen. Wenn die Juden dunkle Stoffe bevorzugten, die streifigen bunten Kleider und die „Halbteilung" der Gewänder vermieden (siehe Berliner, Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter, S. 62 ff.), so würde diese Abweichung sicherlich nicht den Ausdruck im Sinne Geigers erklären. Wenn man aus die Nachahmung des Fremden Hinweisen wollte, gebrauchte man andere Bezeichnungen. So spricht Locher in seiner Uebersetzung des Narrenschiffes (1497) von der Haartracht more sycambri aethiopumque und ferner Moribus Assyrios sequimur thurcosque prophanos. Der Interpolator des Narrenschifss (1494): „Die Hofzucht bringen die frantzosen", und Geiler sagt in demselben Abschnitt, in dem er später in anderem Zusammenhang über „die jüdische Sitte" spricht: Vis videre vestitu Ungarns, Bohemos, Saxones, Francigenas, Italos, Sicambros, immo omnes gentes: vade Argentinam et videbis. Oskar Frankl („Der Jude in den deutschen Dichtungen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts", S. 44, 1905), wohl auch beeinflußt durch Zarnckes Bemerkung, liest wieder aus Brant und Geller die Ansicht heraus, als ob die faltenreichen Mäntel und Röcke eine jüdische Sitte gewesen wären. In einer Anmerkung meint er allerdings: „Brant, dem das Aufkommen der langen Mäntel nicht willkommen war, wollte offenbar mit der Bezeichnung „jüdischer syt" nichts anderes als die Schlechtigkeit der Sache bezeichnen, ohne an eine direkte Beeinflussung durch die Juden zu denken, ebenso wie wir von einer „Teufelssitte" im schlechten Sinne sprechen." Aber auch hier muß gesagt werden, daß das Wort „jüdisch" im Sinne jenes modernen Judenhaffes, dem alles Schlechte „jüdisch" erscheint, von Brant sicherlich nicht gebraucht wurde. lichen Gründen sehr geschickt gewählt. Das Wort hatte allerdings in älterer Zeit eine andere Bedeutung. „Schaufaden, der äußere Rand eines Gegenstandes, der zur Schau respektive zum Kauf ausgelegt und darum besonders verziert wird: auch von Aeckern, deren Rand besonders reichlich gedüngt wird, damit die dort entsprechend reichlich stehende Frucht einen Käufer anlocke." (Schweizerisches Idiotikon 1, 674 f.) Bei Grimm findet man in diesem Sinne Schausalt und Schausall. Diese alte Bedeutung des Wortes hat der Uebersetzer wohl nicht gekagnk.

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