Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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474 eine Frage etwas ausführlicher erörtern: MeyerS Stellung zum Judentum. Es ist gezeigt worden, daß Meyer im Judentum geboren und auch in ihm erzogen wurde; er blieb Jude, erlangte als solcher das Ordinariat in Stuttgart, Zürich und Göttingen. Während seines Aufenthaltes in Zürich erhielt er einen Ruf nach Halle und schrieb darüber am 29. April 1881: „Aus Halle erhielt ich vor acht Tagen Brief von E., der mir . wie es scheint im Aufträge des Ministeriums — die Mitteilung macht, daß meine Berufung nach Halle einzig von meinem Uebertritt abhänge!! Somit ist es also nichts mit Halle, worüber man sich im schönen Zürich wird trösten können!" . . . Der Biograph fügt hinzu: „Aber es widerstrebte ihm, durch diesen Schritt eine Konzession an die Unduldsamkeit und Beschränktheit zu machen, da er glaubte, das ganz besonders bei seiner Stellung in der Wissenschaft nicht tun zu dürfen." Als er nach Göttingen berufen wurde, schrieb er am 10. Dezember 1885 folgendes, das hier wörtlich trotz der Ausführlichkeit der Stelle mitgeteilt werden mag: „. . . . Nach der unverschämten Zumutung in Halle, ich solle, um dorthin berufen zu werden, mich erst taufen lassen, hatte ich mir bestimmt vorgenommen, nicht eher überzutreten — wie ich es ja eigentlich wollte —, bis man mir die Sache nicht als feige Nachgiebigkeit an die Intoleranz ausl-egen könne. Bei meiner Berufung nach Göttingen sandte ich mein Nationale ein, als Zugehöriger zum Judentum, und absichtlich blieb ich auch hier in Göttingen das erste Semester dabei. Nachdem dies aber erfolgt war, schien mir die Zeit zu dem beabsichtigten Schritt gekommen. . . . Die Regierung, dieselbe, die damals diese Affäre in Halle gestattete, hatte mir jetzt (freilich unter einem anderen Minister) die alte berühmte Göttinger Professur und damit eine der hervorragendsten Umversitätsstellungen übertragen, und zwar unter voller amtlicher Kenntnis meiner Zugehörigkeit zum Judentum. Damit halte ich die Hallenser Affäre für ausgeglichen... Der Prediger Thomas (in Berlin), bei welchem ich, übergetreten bin, ist ein herrlicher Mensch; er sagte mir ungefähr folgendes: „Alle Heilswahrheiten des Christentums sind schon im Alten Testament enthalten. Aber der Fortschritt, der die Neuerung bedeutet, liegt darin, daß Christus zum ersten Male die Ausübung der reinen vom Judentum geforderten Humanität zu einem vollen Lebensberuf gemacht hat. Und weiter, daß der Wahlspruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", welchen schon das Alte Testament enthält, von ihm auf alle, auf die geringsten Sklaven und Fremden ausgedehnt wurde. Somit ist das Christentum nach Thomas' Auffassung nur die weiteste Verbreitung der Lehren des Judentums über die ganze Menschheit, und nicht für ein einzelnes Volk . . ." Ich muß bekennen, daß ich diese Stelle tief beklagenswert finde. Man muß bedauern, daß ein so großer Forscher, ein so genialer Mensch, ein Mann, der in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen aufs allerpeinlichste vorging, sich bei einem so wichtigen Schritte so leichtfertig betrug. Damals, im Jahre 1895, war allerdings A. Bernstein nicht mehr am Leben (er war bereits 1884 gestorben), aber Meyer hätte leicht jüdische Gelehrte gefunden, z. B. den ihm nicht unbekannten M. A. Stern, der an derselben Universität Göttingen jahrzehntelang als Ordinarius gewirkt hatte und Jude geblieben war, die ihn in einer so wichtigen Frage gründlicher und richtiger hätte belehren können als der gewiß gutgesinnte, aber oberflächliche und das Wesen des Judentums so gründlich verkennende christliche Pfarrer. Es ist in höchstem Grade zu bedauern, daß ein so außerordentlicher Mensch, wie Victor Meyer es war, der durch sein Judentum nicht das geringste litt, es nicht gerade für seine Pflicht hielt, beim Judentum anzuharren. Trotzdem trage ich kein Bedenken, Victor Meyer, den ich zu den Unsrigen rechne, an dieser Stelle zu erwähnen. Auch der frühere Redakteur dieses Blattes, Gustav Karpeles, hat sich nicht gescheut, Heine- Forschungen mehrfach in diesem Blatte zu bringen; ich halte es für recht kleinlich, daß wir uns der Männer berauben lassen wollen, die durch Geburt und Erziehung zu uns gehören, selbst wenn sie schließlich aus äußeren Gründen aus unseren Reihen geschieden sind. Man muß einen solchen Schritt beklagen, man kann ihn brandmarken, braucht aber nicht aufzuhöven, solchen Männern bewundernd zu nahen. Es ist mir neuerdings der Vorwurf gemacht worden, daß ich einen Artikel über Josef Unger brachte, der auch aus dem Judentum geschieden war; ich habe dies nach reiflicher Erwägung getan, ebenso wie ich diesen Artikel über Victor Meyer ausgenommen habe, weil ich der Ueberzeugung bin, daß Männer, die als Juden geboren sind, als Juden ihre Ausbildung erlangt und den Grund zu ihrer Entwicklung gelegt haben, zu uns gehören und als die Unsrigen betrachtet werden dürfen. „Der Milch syt." Bon Dr. M. Spanier (Berlin). er jüdisch syt wil gantz vfsstan, die jüdische Sitte will ganz auskommen — diese Stelle in dem 4. Kapitel von Sebastian Brants Narrenschiff „Von nuwen funden", das von den so schnell wechselnden neuen Moden handelt, ist zwar schon oft, aber doch nicht ausreichend erklärt. VA' A.