Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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473 London werden wichtige Beratungen stattfinden, nach deren Abschluß sich Weizmann nach Amerika begeben wird. Ormsby Gors, welcher seiner Regierung über die Verhältnisse Bericht erstattete, erklärte in einer Versammlung seines Wählerkreises, daß die Türken die jüdischen Kolonisten in der grausamsten Weise verfolgt hätten und, die Folgen noch heute deutlich wahrnehmbar seien. Die Entwicklung Palästinas könne nur durch die Juden erfolgen. Er wies auf die begeisterte Stimmung der jüdischen Jugend in Palästina hin, die sich freiwillig in ihrer Gesamtheit der jüdischen Legion anschließe. Mit diesen Notizen sei die diesmalige Uebersicht geschlossen. Sie ist nicht besonders erfreulich. Aber sie darf uns nicht entmutigen. Wir dürfen uns keinem Kleinmut hingeben, sondern müssen fest und stark bleiben. Vertrauen zu unserer Krafr, das Bewußtsein unserer gerechten Sache müssen uns aufrecht erhalten gerade in bedenklicher Zeit. Noch droht uns keine unmittelbare Gefahr; möge ein gnädiges Geschick unser teures Vaterland bewahren, möge es uns zum Siege verhelfen unv endlich zu einem gesegneten Frieden! Jüdische Denker und Dichter. 7. V i c t o r M e y e r* 1). * Von Ludwig Geige r. on Victor Meyer an dieser Stelle zu reden, müßte ich aus zwei Gründen Bedenken tragen: dem einen, daß er, nachdem er alle Ehren und Würden erlangt hatte, zum Christentum überging, dem anderen, daß das Gebiet, in dem der Gelehrte als unbestrittener Meister tätig war, das der Chemie, meiner Kompetenz fern steht. Und doch halte ich mich für berechtigt, auf diesen bedeutenden Forscher unter Zugrundelegung eines neu erschienenen Werkes einzugehen. Denn Victor Meyer entstammt einem jüdischen Hause. Er war der Sohn des der älteren Generation noch wohlbekannten Fabrikanten Jacques Meyer in der Köpenicker Straße, der ein ganzes 'Arbeiterviertel schuf und vorbildliche Anstalten für feine Angestellten ins Leben rief, und einer Mutter, die ebenso wie der Vater treu beim Judentum ausharrte, die durch ihre soziale, praktische lind schriftstellerische Tätigkeit sich einen angesehenen Namen gemacht hat; er war ferner eng verbunden mit dem Politiker und Naturforscher Aron Bernstein, dem intimen Freunde des elterlichen Hauses, der als einer der Hauptbegründer der Berliner Reformgeweinde und als Bibelforscher noch heute wohlbekannt ist. Endlich war er verheiratet mit einer Berlinerin, Hedwig Davidsohn, die, wenn sie auch, da sie zur Ehe schritt, Christin geworden war, doch wie der Name sagt und wie übrigens auch ihre Gesichtszüge dartun, einer Familie entstammte, die dem Judentum angehört hatte. Endlich hatte i) „Victor Meyer, „Leben und Wirken eines deutschen Chemikers und Naturforschers. 1848—1897." Von Richard Meyer. Mit 1 Titelbild, 79 Textabbildungen und der Wiedergabe eines Originalbriefes. Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H., 1917. („Große Männer, Studien zur Biologie des Genies." Herausgegeben von Wilhelm Oswald.) Eine Kritik des Buches kann und will ich nicht geben. Ich bemerke nur., daß das Werk die pietätvolle Arbeit des älteren Bruders, eines Fachgenossen des Verstorbenen, ist, die, wenn sie auch in ihrem wissenschaftlichen Teil den Nichteingeweihten fernliegt, durch ihren rein menschlichen Inhalt das Interesse weiterer Kreise zu erregen imstande ist. Denn die liebenswürdige, bezaubernde Persönlichkeit des Geschilderten hebt sich aus ihr lebendig ab; die Darstellung seines Verhältnisses zu den ihm Nahestehenden, den Eltern, Geschwistern, der Gattin und den Kindern, der Beziehungen zu seinen zahlreichen Freunden, Fachgenossen und Schülern ist erquicklich; die Lektüre feiner frischen, belehrenden, anmutigen, gelegentlich auch humoristisch gefärbten Briefe bietet vielseitigen Genuß. er auch im väterlichen Hause jüdischen Religionsunterricht erhalten und wurde von einem jüdischen Prediger konfirmiert. Victor Meyer war 1848 in Berlin geboren und machte 1897 in Heidelberg seinem Leben freiwillig ein Ende, weil er die Nervenschmerzen, die ihn seit Jahrzehnten quälten und von denen er langes Siechtum oder völlige Arbeitsunfähigkeit, ja geradezu Geistesgestörtheit befürchtetenicht länger ertragen konnte. Er war ein Vvllmensch in des Wortes wahrster Bedeutung: schön, allseitig in seinem Interesse für Literatur und Kunst. Auf dem Gebiete der Literatur betätigte er sich durch Gedichte, anmutige Briese, lebensprühende Darstellungen; für die Kunst hatte er einen sehr regen Sinn, besonders für die Musik. Er war ein stimmbegabter Sänger, ein nicht übler Violinspieler; als echter Musikfreund war er z. B. Präsident des Komitees für ein großes Mustkfest in Zürich und pilgerte mehrfach nach Bayreuth, wo er große Eindrücke empfing. Er besaß schauspielerisches Talent, so daß er in seiner Jugend von dem Verlangen erfüllt war, zur Bühne zu gehen. Er war mit den Größten seiner Zeit eng befreundet, mit den Leuchten seiner Wissenschaft, Bayer, Helmholtz, Wühler, Bunsen, ferner mit den aus dem Judentum stammenden Heinrich Caro und Carl Liebermann, sodann mit den Vertretern der Literatur und der Geisteswissenschaft, wie Paul Heh.se, Gottfried Keller; auch manchen Musikern stand er nahe, z. B. Franz Liszt. Er' unternahm große Reisen und wußte von seinen Bergbesteigungen, seinen sportlichen Leistungen, seinen größeren Wanderungen, z. B. nach den Kanarischen Inseln, anmutig zu erzählen. Wo er erschien, war er, ohne etwa durch eitles Hervordrängen solches zu erstreben, der Mittelpunkt der Gesellschaft, ein Liebling der Frauen, verhätschelt durch Gleichstrebende, angebetet von seinen Mitarbeitern und Schülern. Er war durch Erfolg verwöhnt. Spielend machte er seine Examina. Als junger Doktor war er Assistent bei dem großen Bunsen, dessen Freundschaft er erlangte; kaum zwanzigjährig, war er dazu berufen, in Berlin vor einem Kreise von Professoren Vorlesungen zu halten; in einem Atter, in dem die meisten noch kaum eine Dozentur zu erlangen vermögen, ward er Professor in Stuttgart, dann in Zürich, später in Göttingen, endlich in Heidelberg. In den beiden letzteren Orten, und zwar als Nachfolger von Wühler und Bunsen, ließ er den Ruhm seiner Vorgänger nicht vergessen und häufte immer neue Ehren auf den Platz, den jene als einen ruhmwürdigen begründet hatten. Trotz all dieser staunenswerten Erfolge war er ein. unglücklicher Mensch, unglücklich deshalb, weil er von einem schweren Nervenleiden geplagt war und nach einigen Wochen oder Monaten großer Schaffensfreudigkeit lange Zeiten schwerer Depression durchleben mußte, in denen er, von fürchterlichen Schmerzen geplagt, das Dasein verwünschte und bereit war, dem schrecklichen Leben ein Ende zu machen. Zeugnis dafür ist ein wunderbares Gedicht: „Sturz und Erhebung" (S. 181 bis 185), geschrieben in einer seiner schlimmsten Epochen, 1884 bis 1885. Da faßte er den festen Plan, aus dem Leben sich fortzustehlen, aber der Gedanke der Pflicht trieb ihn zur Ermannung und forderte ihn auf, auszuharren bis zum Aeußersten. Sein Arbeitsgebiet war die Chemie. Sein Name ist aufs engste verknüpft mit der Dampfdichte-Bestimmnng, mit der Entdeckung des Theophans, zuletzt hauptsächlich mit stereochemischen und pyrochemischen Untersuchungen. So interessant es nun auch ist, dieses kurze, aber so inhaltsreiche Leben des näheren zu verfolgen, und so wichtig es wäre, die außerordentlichen glücklichen Untersuchungen des Forschers in einer verständlichen Darlegung unseren Lesern vorzuführen, so müssen wir doch darauf verzichten und nur