Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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472 es notwendig., daß die Gesamtheit der ungarischen Protestanten kundgebe, daß sie mit dieser intoleranten Richtung nichts zu tun haben wolle. Ter Kirchendistrikt, solle für eine pvotestanstsche Presseaktion eintreten, die, abseits von aller konfessionellen Befangenheit, nur der Dache des Fortschrittes zu dienen habe. Er lenke nachdrücklich die Allstnerksamkeit der Protestanten auf die Erscheinungen konfessioneller Unduldsamkeit, die als Antisemitismus zutage treten und die in den schweren Zeiten, in denen wir leben, doppelt gefährlich seien. Das ungarische Judentum habe ehrlich seinen Teil aus den Leiden des Krieges herausgenommen. Nicht die Religion sei es, die die höchste Scheidewand zwischen Mensch und Mensch errichte, sondern das sei der Bernrögensunterschied. Im Kriege konnte man immer wieder die Erfahrung nmchen, daß die Linie, die die Vermögenden' von den Vermögenslosen trennte, zu einer tiefen Kluft wurde. Diese Kluft müsse durch Re sc r men verengert werden. Die reformierte Kirche müsse auf dem Gebiete der sozialen Reformen, die Milderung der bösen Folgen des Krieges, der Verkündung konfessioneller Toleranz und« Eintracht mit dem guten Beispiel vorangehen. * In Rumänien steht es nicht erfreulich, wie nachstehende Notiz beweist: D i c h a lbe L ö s u ng de r r u m ä n i sche n Indens rage. Die rumänische Kammer nahm ein Gesetz an, wodurch die rumänische Dt-aatsbürgerschaft allen denjenigen verliehen wird, die, unter den Fahnen dienend, Bürgerrechte durch königliches Dekret vorbehaltlich der Genehmigung durch das Parlament erhielten. Anschließend daran veröffentlichten moldauische Zeitungen eine Bekanntmachung, dev zufolge diejenigen Fremden, die unter den Fahnen dienend die rumänischen Bürgerrechte erwerben wollen, gehalten sind, den im soeben kundgemachten Naturalisationsgesetz (Judengesetz) vovgeschriebenen Weg einzufcktagen. * Recht schlimm sieht es auch in Griechenland aus, wie aus einer Zeitungsnotiz ersichtlich ist: Im „Echo de Bntgarie" führt ein jüdischer Publizist lebhafte Klage über die Bedrückung seiner Volksgenossen in Neu-Griechenland durch die Regierung Benizolos', die den Juden in Saloniki ihre Treue für König Konstantin nicht verzeihen könne. Ihre wirtschaftliche Betätigung werde eingeschränkt; nach dem großen Stadtbrande seien sie durch Regierungserlaß als ihres Grundeigentums vevlustig erklärt worden; endlich wurde auf Juden Jagd gemacht: durch Einsperrung hätten sie gezwungen werden sollen, freiwillig ins Heer zu treten, bis 300 junge Juden sichins Großrabbinat geflüchtet und der Großräbbiner durch kräftigen Protest menschlichere Anwerbungsformen für Freiwillige durchgesetzt hätte. Aber die damals ausbrechenden Epidemien hätten dann Anlaß zu „hygienischen" Nachforschungen in den Hausern geboten, bei denen man junge Juden, auch Kranke, aufgegrisfen und in die Kasernen geschleppt habe. Glücklicherweise sei man ebenso gegen Inden neutraler Staatsangehörigkeit vorgegangen, so daß der Großr abbin er abermals einschreiten und diese Hausbesuche habe abstellen können. Nach dein Kriege würde inan auf diese Vorgänge zurückzukouunen haben. * Sehr interessante Nachrichten, wenn auch durch die Ereignisse der letzten Tage überholt, bringt die neueste Nummer des evangelischen „Boten aus Zion" vom Heiligen Lande: Die kriegerischen Ereignisse sind dort seit der Einnahme von Jerusalem durch die Engländer zu einem gewissen Stillstand gekommen. Ein Durchbruch des englischen Heeres nach Norden ist dank der Tapferkeit der türkischen und deutschen Truppen mißglückt; der Borstoß ins Ostjordanland hatte ebenfalls nicht den gewünschten Erfolg: die Engländer mußten viel- . meyr fluchtartig über den Jordan wieder Zurückgehen, nachdem sie schon die Stadt Salt eingenommen hatten. Ebensowenig gelang ein Angriff, ben Bedninenstämme im Solde Englands und von ihm bewaffnet gegen Madran, «die Station der Mekkäbahn zwischen den: Südende des Toten Meeres und dem Meerbusen von Akaba, unternahmen. Endlich scheiterte ein in aller Heimlichkeit vorbereiteter uno mit starken Kräften von Jericho ans unternommener Zug gegen Salt mit der Absicht, die Türken im Rücken anzngreisen. Vom 3. bis 5. Mai leisteten deutsche und türkische Truppen unter Lima« von Sanders heldenmütigen Widerstand gegen die feindliche Uebermacht; sie trieben den Feind, der sehr schwere Verluste erlitt, über den Jordan zurück. So ist also die militärische Lage des verbündeten türkischen und deutschen Heeres in Palästina «durchaus vertrauenerweckend. Das Schicksal der Deutschen in den von den Engländern besetzten Gebieten darf nach den -bis jetzt ein getroffenen Nachrichten als befriedigend bezeichnet werden. Soweit sie in Jerusalem wohnten, sind sie fast durchweg unbelästigt geblieben, jedenfalls nicht interniert worden. Propst Jeremias hält ungehindert Kirche und Schule. Direktor Schneller leitet nach wie vor -das syrische Waisenhaus. In der Augusta-Viktoria--Stistun'g auf dem Oelberg durften die deutschen Schwestern wohnen bleiben, obgleich dort der Stab eines englischen Armeekorps einquartiert ist. Dem Aussätzigenashl wurde durch die englische Militärverwaltung Brot, Getreide und Milch zugewiesen. Auch durste es bisher seine Arbeit ungehindert lveitertreiben. Ihre Getreidevorräte durften die Deutschen größtenteils behalten. In Jaffa und der Küstengegend verfuhr man strenger mit unseren Landsleuten. Dort sind viele Deutsche interniert, «die deuffchen Gasthöse vom englischen Roten Kreuz besetzt; das deutsche Konsulatsgebäude beherbergt ein Sbldatenheim. Die Felder und Weinberge der Deutschen bei Jaffa wenden durch arabische Arbeiter besorgt; die Orangegärten mußten an Eingeborene verpachtet werden. Mangel an Nahrungsmitteln scheint nirgends zu herrschen; es gibt sogar Reis, wenn auch zu hohen Preisen. Für die eingeborene Bevölkerung, deren Not ja sehr groß war, ist durch reichliche Arbeitsgelegenheit gut gesorgt worden. — Einen gewaltigen Fortschritt für den Verkehr bildet die nunmehr vollendete Eisenbahnverbindung zwischen Jerusalem und Kaivo. Die Bahn ist zweigleisig angelegt. ,,Man sicht, England richtet sich auf die Dauer im Orient ein und weiß seinen Vorteil mit Klugheit und Schnelligkeit zu benutzen." Einen weiteren Fortschritt bedeutet die verbesserte Wasserversorgung Jerusalems. Es soll der Stadt, die bisher im wesentlichen auf die ungenügende und in gesundheitlicher Beziehung durchaus nicht einwandfreie Versorgung durch Zisternenwasser angewiesen war, nun gesundes Quellwasser aus dem Ain Arruhb südlich von Hebron zugeführt wenden. Traurig sind dagegen die Geldverhältnisse in Jerusalem. Das türkische Papiergeld wird von den Engländern nicht in Zahlung genommen. Auch in vielen Geschäften gilt es nicht mehr als Zahlungsmittel. Für Papiergeld im Werte von 260 Mark (13 türkische Pfund) erhält man 20 Mark. Welch empfindliche Verluste dadurch die ohnedies schon sehr verarmte Bevölkerung erleidet, kann man sich denken. Eine gute Zeit scheint für die Juden Palästinas angebrochen zu sein. -Nach Jaffa sind wieder 5000 zurückgekehrt. Die englische Regierung begünstigt offenkundig die Bestrebungen des Zionismus. Ein hervorragender Vertreter dieser Bewegung, Major Norman Bentwich, sin Jude, wurde von ihr zum Generalprokurator und Appellationsrichter der von den Engländern besetzten Teile Palästinas ernannt. * Den Berichten des Haager Korrespondenzbureaus entnehmen wir das Nachstehende: Die Bevölkerung von Jerusalem. Durch ein besonderes Komitee wurde eine Zählung der jüdischen Bevölkerung von Jerusalem durchgeführt. 1908 zählte man 50000 Juden unter 75 000 Einwohnern, 1913 58 390. Heute zählt die jüdische Bevölkerung infolge des Krieges und der harten Maßnahmen Djemal Paschas nur 26 605 Seelen. Von ihnen sind 14 715 'ottomanischer, 2436 österreichischer, 1746 persischer, 166 deutscher, 546 amerikanischer, 168 griechischer, 206 spanischer Staatsbürgerschaft. Der Rest verteilt sich auf Rumänien, Bulgarien, Italien, Brasilien und andere Länder. Nur 15 Juden in Jerusalem haben mehr als eine Frau. Die Zionistische Palästinakommission. Die Vertreter der ‘ russischen Gemeinden in der Palästinakommission, Rosow und Jsak Goldberg (der bekanntlich den Grund für die hebräische Universität zur Verfügung gestellt hat), sind in London eingetrosfen und werden sich von dort nach Palästina begeben. Das Mitglied der Palästinakommission Joseph Cowen und der Vertreter der englischen Regierung in der Kommission Ormsby Gors sind aus Palästina gleichfalls in London eingetrosfen. Professor Weizmann, der Leiter der Kommission, wird Ende September nach London zurückkehren. In