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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-04 · Heft 40 (4.10.1918) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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471 Auch im Innern Deutschlands -sieht es nicht rosig aus. Ob der Kriegsminister geht, und wer der Nachfolger des Grafen Hertling sein wird, sind Fragen, die in dieser Uebersicht nicht behandelt zu werden brauchen. Wichtiger ist die innere Gestaltung der preußischdeutschen Verhältnisse. Man kann im Zweifel darüber sein, ob -es seitens der Sozialdemokraten Politisch klug war, gerade jetzt die Frage ihrer Beteiligung an der Reichsregierung aufzurollen; man kann ferner darüber streiten, ob es möglich sein, wird, ihre teilweise sehr weit gehenden Forderungen zu erfüllen. Was das erste betrifft, so zeigt sich schon jetzt, daß die Behandlung dieser Frage im gegenwärtigen Zeitpunkt von unseren Feinden als ein Zeichen unserer Schwäche gedeutet wird; in bezug auf das letztere ist zu erwägen, daß bei der historischen Entwicklung unserer Verhältnisse gewiß eine allmähliche Wandlung einer Plötzlichen radikalen Veränderung vorzuzichen ist. Immerhin ist mit Freude zu begrüßen, daß außer den Konservativen keine Partei vor der Mitarbeit der Sozialdemokratie einxn Schauer -empfunden oder wenigstens ausgesprochen und daß der Reichskanzler selbst die vorhandenen Schäden in der Handhabung der Zensur und des Versammlungsrechts zugegeben und ihre Abstellung in Aussicht genommen Hat. Ueberblickt man die äußeren und inneren Verhältnisse, so hat man keine Veranlassung zur Begeisterung, noch weniger jedoch zu Kleinmut. Vielmehr ist die Aufgabe aller wahrhaften Vaterlandsfreunde, „kaltblütig, einheitlich und s e st e n t s ch l o s s e n" zu sein und zu bleiben und der Zukunft vertrauensvoll entgegen zu gehen. Dieses Bewußtsein des Vertrauens, der -Einheit und des Mutes muß nun auch zutage treten mit den Zeichnungen zur neunten Kriegsanleihe. Immer wieder muß dem Daheimgebliebenen zu Gemüte geführt werden, daß sie den Kämpfern draußen schuldig sind, zum Gelingen des Sieges durch ihre Beteiligung an der Herbeischaffung der Mittel zur weiteren Kriegführung beizutragen. Sie, wir alle, deren Entbehrungen, vielleicht auch Leiden so minimal sind im Hinblick auf die Mühsal, Gefahren und die furchtbare Last unserer Krieger müssen aufs neue, so oft das Vaterland auch ferner ruf^n mag, diesen Ruf hören und ihm entsprechen/ Sie müssen sich inne werden und bleiben der heiligen Pflicht, ihr Gut herzugeben, während die da draußen ihr Blut für uns opfern. Darum muß ein jeder nach seinen Kräften die Aufforderung in sich spüren und sie allen denen mitteilen, bei denen seine Stimme Gehör finden kann: Zeichnet die neunte Kriegsanleihe! * Besonders die Juden dürfen nicht etwa antisemitische Belästigungen und Hetzereien bei uns und in Oesterreich zum Deckmantel ihrer Lauheit benutzen. Es darf uns nicht kümmern, so traurig es auch ist, daß sich in Wien zu der „Reichspost" und ähnlichen journalistischen Erzeugnissen ein neues judenfeindliches Blatt, der „Wiener Mittag", gesellt hat. Unsere Gesinnungsgenossen in Oesterreich werden den Kamps auch gegen diesen neuen Feind aufnehmen, die Wahrheit verbreiten helfen und jeden Versuch abwehren, der gemacht wird, uns unsere Rechte zu verkümmern. * Wir geben hier einen widrigen Ausfall der „Währheit" wieder, obgleich wir dieses Gerede gründlich verabscheuen und nicht nötig zu haben glauben, seinen Widersinn zu beweisen, weil darin eine Tatsache erwähnt wird, die wir unseren Lesern bekannt zu geben haben und nicht wünschen, daß gegen uns der Vorwurf des Totschweigens mit einem Anschein von Berechtigung erhoben wird. Der Artikel lautet: Deutsche Iuden — keine Deutsche. Das Bundesobergericht der Vereinigten Staaten hat entschieden, daß ein deutscher Jude nicht als Deutscher gilt. Daraufhin wurde Samuel Lehmann, einem deutschen Juden, gestattet, sein zweites Bürgerpapier zu erwerben. . . Diese Notiz passiert kommentarlos die Presse und doch verdiente sie, von verschiedenen Seiten beleuchtet zu werden. Die Regierung des freiesten Landes der Erde, dessen Regierungsform gewissen Leuten bei uns so überaus sympatisch ist, hat sich damit zu der Auffassung bekannt, der alldeutschvölkische Kreise von jeher dem wütendsten Geifern zum Trotz gehuldigt haben: Der „deutsche" Jude ist kein Deutscher? Die zionistischen Vorkämpfer des Judentums haben mit großem Freimut zu allen Zeiten denselben Standpunkt verfochten und sehr richtig erkannt, daß der Antisemitismus keineswegs eine konfessionelle „Unduldsamkeit" ist, wie das heuchlerisch von gegnerischer Seite behauptet zu werden Pflegt, sondern eine reine Rassenfrage. Vom Rassenstandpunkt aus betrachtet aber kann natürlich gar nicht bestritten werden, daß die Juden ein Volk für sich, in Deutschland also lediglich ein Gastvolk sind. Der Spruch des amerikanischen Bundesobergerichts bestätigt also nur das, was von aufgeklärter deutschvölkischer Seite immer behauptet worden ist. Wenn etwas erstaunlich ist, so ist es höchstens der Umstand, daß über diesen Schiedsspruch von gewisser Seite so sang- und klanglos hinweggegangen wird. Die alte Tvtschweigetaktik gegenüber allen unbequemen Feststellungen scheint sich auch in diesem Falle wieder bewähren zu sollen. * Mit Freuden dagegen lassen wir hier eine Ausführung der „Freisinnigen Zeitung" folgen. Sie lautet: Vom Abge>or d n e t e n H-ei n s. Die Korrespondenz des Zentralvereins deutscher Staatsbürgerj ü d i s ch.e n G l a u be n s komm! noch einmal lauf die Abgeordnetenhansrede des Lehrers Heins, Hospitanten der konservativen Partei, zurück, die von den Antisemiten im Sonderdruck verbreitet wird. Die Korrespondenz stellt fest, daß Herr Heins von seinen eigenen Standlesgenossen fallen geliassen wird. So hat die „Preußische Landeszeitung" (Nr. 56) einen scharfen zurückweisenden- Artikel gebracht, den sogar die „Hessische Schulzeitung", die in Kassel, dem Ort der Heinsfchen Wirksamkeit, erscheint, wörtlich abdruckte. Die Korrespondenz führt aus: In der „Preußischen Lehrerzeitung" wurde fest-gestellt, daß. über 300 jüdische Dolksschullehrer in der Front und in der Heimat ihre Schuldigkeit getan haben und daß ein jüdischer Seminarlehrer, der inzwiischen gefallen ist, als einer der -ersten oder gar -als erster der Berufsgenosfen das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhalten habe. Sich das Eiserne Kreuz zu erringen, ist nicht jedem vergönnt. Herrn Heins soll auch kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß -er dieses Kreuz nicht besitzt, wohl' aber -daraus, daß er das Wahlrecht jüdischen Mitbürgern entziehen will, die es sich in todspeiender Schlacht -errungen haben. Daßgerade er im Abgeordnetenhaus von jüdischen Drückebergern sprach, zeugt von einer ungemein hohen Einschätzung seiner eigenen Tätigkeit. Herr Heins, der im wehrpflichtigen Alter steht, ist nicht im Felde gewesen; erhat nur in der Heimat Heeresdienst geleistet. Doch wenn ein Manu wie Heins in der Heimat Dienst tut, so ist das etwas ganz -anderes, als wenn ein Jude es tut. Der Jude ist ein Drückeberger, Herr Heins erfüllt vollauf seine patriotische Pflicht. Und wenn er seit geraumer Zeit, wie uns von glaubwürdiger Seite versichert wird, im- Kriegs-Hilfsdienst als Beamtenftellvortretcr im Kriegsministerimn beschäftigt ist, das Lehrergehalt weiter bezieht und als Abgeordneter die ihm mit Recht zukonnnenden Diäten erhält, so wird man ihn: dieses gönnen und die Antisemiten dazu beglückwünschen, daß sie einen ihrer - darf mau sagen „geistigen"? - - Führer fern von Gefahr Nüssen; aber man wird doch schwerlich behaupten können-, daß er im Gegensatz zu den Juden für -das Vaterland Gut und Mut opfert. * Auch die Ausführungen des ungarischen Staatssekretärs v. Nagh verdienen hier einen Platz. Darin heißt es: Ju> der letzten Zeit Zeigten sich in unserer Gesellschaft befremdende Fälle konfessioneller Intoleranz. Zur- Anfachung dieser Intoleranz sei auch eine große Aktion ins Leben gerufen worden. Au gestchts dieser Presseaktion und der Gesinnung, die hinter -ihr steht, sei

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