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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-10-04 · Heft 40 (4.10.1918) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 40 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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- 470 Sklave in Freiheit gesetzt werden. Für das Umbringen eines Sklaven war die Todesstrafe vorgesehen. Und worin bestanden die Wünsche und die Hoffnungen des Judentums? Es wünschte und hoffte, daß einst die Zeit kmnmen werde, da alle Völker der Erde die Wahrheit suchen und finden, da alle Völker ihr Schwert in die Scheide tun und nicht mehr kämpfen lernen. Und welche Vorstellung verbreiten die Lehrer in Israel von dem idealen Helden und der idealen Zeit? Sollte er etwa ein eroberungssüchtiger Krieger sein? Wünschte dieser Stamm etwa Ruhm durch Unterwerfung anderer Völker zu erlangen? Durchaus nicht! — Der nationale messianische Held wurde als ein Mann geschildert, der mit Weisheit und Verstand, mit Gotteserkenntnis und Gottesfurcht begabt war; „Wahrheit und Gerechtigkeit umgürten seine Lenden, er richtet den Armen mit Gerechtigkeit und vernichtet den Missetäter mit dem Fluch seines Mundes; in seiner Zeit wird der Friede herrschen und alle Welt wird nach Erkenntnis streben." Friede und Gotteserkenntnis stellten also vor zweiundeinhalbtausend Jahren das Ideal des Judentums dar. Und welches Volk des Altertums teilte wohl mit ihm solche Bestrebungen? Wie wenige Völker sehen selbst heute ihre Ziele in solchen Idealen! — Werfen wir einen Blick auf die jüdische Literatur, so finden wir, daß es kaum ein Gebiet des Wissens gibt, in das der jüdische Geist nicht eingedrungen ist. — Zwei Jahrhunderte vor Christus und ein Jahrhundert nach Christus sprachen die Juden griechisch und schufen eine vortreffliche historische, poetische und philosophische griechisch-jüdische Literatur, deren historischer Wert für die Welt noch heute keine genügende Würdigung gefunden hat. In ihren Werken bemühten sie sich einerseits die griechische Philosophie, besonders diejenige Platos, auf dem Boden des Judaismus zu verbreiten und sie mit den Ideen Mosis in Verbindung zu bringen, andererseits versuchten sie in oft herrlichem Stile und in echt griechischem Geiste bei den Anhängern der Ethik den moralischen Lehren Mosis, des Psalmisten und Propheten Eingang zu verschaffen. Dadurch schufen sie den Boden für die Verbreitung des Christentums in der damaligen zivilisierten Welt. Man darf wohl behaupten, daß die hohe christliche Moral sich nicht so leicht Verständnis erworben hätte ohne den Einfluß der griechisch-jüdischen Literatur auf die griechisch-römische Gesellschaft. Jeder christliche Gelehrte weiß, welch einen Eindruck die Werke des jüdischen Philosophen Philon von Alexandrien auf die Kirchenväter von Justins, Clemens an bis auf Origenes, Eusebius, Ambrosius ausgeübt haben. Philon hal zuerst den Weg gelbahnt zur allegorischen Erläuterung der heiligen Schrift. Die Kirchenväter ahmten seine Methode nach und oft sogar buchstäblich. Diese allegorische Erklärung der Bibel galt als Muster für die meisten Christen des Mittelalters. Die alten Kirchenväter kannten auch sehr gut die Literatur der Hagada und bedienten sich sehr häufig ihrer Erklärungen. Auch die mittelalterliche Literatur der Juden ist reich und mannigfach und ihre Blüte fällt wunderbarerweise in die Epoche der ärgsten Judenverfolgungen, vom 10. bis zum 15. Jahrhundert, ganz abgesehen von den Werken der Philologie, Poesie, Medizin, Philosophie und Astronomie, die in dieser Zeit entstanden. — Die philosophischen Werke von Gabriol, bekannt unter dem Namen Avioebron, und die Werke von Maimonides wurden ins Lateinische übersetzt und häufig von den Philosophen, wie Albert d. Gr., Thomas von Aquino und anderen zitiert. — Durch Uebersetzungen aus dem Arabischen und Lateinischen förderten die Juden das -Verständnis für die Werke Platos, Aristoteles' und anderer griechischer Geistesheroen, deren Werke zuerst aus dem Griechischen ins Arabische übertragen wurden. — Das Judentum ist eine der größten welthistorischen Ideen, die trotz aller Anfeindungen, denen die Juden ausgesetzt sind, nicht mehr aus dem Triebwerk der Geschichte verdrängt werden kann. Wenn der liebreiche Traum deS Antisemitismus in Erfüllung geht und kein einziger Jude mehr den heiligen Boden entweiht, aus welchem die antisemitischen Apostel einherschreiten, so wird das Judentum als geistige Potenz oder als Idee immer sortbestehen und seine Macht geltend machen. Sir Woche. Berlin, den 1. Oktober 1918. ach der langen Zeit der Feste ist nun die festlose Periode eingetreten. Eine Zeit der Rühe und der ununterbrochenen Arbeit hat damit eingesetzt. Obgleich dem Kalender nach der Herbst angefangen hat, scheint die Natur die lechzende Menschheit durch Milde und Sonnenschein für lange trostlose Regentage und eine frühzeitige Regenperiode entschädigen zu wollen. Dieser plötzlich eingetretene, unerwartete, und daher um so erfreulichere Umschwung mag uns ermutigen und kräftigen in der schweren Epoche, die wir augenblicklich zu durchleben haben. Denn schwer ist die Zeit. Abgesehen von der bedenklichen Teuerung und der Schwierigkeit der Lebensmittelbeschaffung, die im Winter nicht schwinden, sondern sich eher noch fühlbarer machen wird, ist von manchem nicht sehr Ermutigenden zu berichten. Die furchtbaren Kämpfe im Westen dauern an; ihre Heftigkeit hat sich eher verstärkt als vermindert. Im ganzen stehen trotz mancher Einzelverluste unsere Reihen unerschüttert fest, die sogenannte Siegsriedstellung ist im wesentlichen beibehalten worden, und wir dürfen uns der Hoffnung hingeben, daß die mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit unternommenen und stets wiederholten Durchbruchsversuche unserer Feinde erfolglos bleiben und ihre Bemühungen scheitern werden. Ebenso hoffnungsvoll steht es für uns in Italien. Nichts deutet einstweilen darauf hin, daß es den Italienern gelingen wird, vorwärts zu kommen; ihre lange Ruhe weist auf keinen nahen Sturm und es ist fraglich, ob es der Entente gelingen wird, genügend Kräfte zu entsenden, durch die es möglich sein dürste, die Standhaftigkeit der Oesterreicher zu ermüden und sie aus ihren innegchabten Stellungen zu verdrängen. Dagegen steht es im Orient und in Mazedonien für unsere Verbündeten nicht zum Besten. Sowohl die Türken als die Bulgaren haben schwere Niederlagen erlitten. Solche Schlappen können für den Augenblick betrüben, sie bieten aber keine Veranlassung, bei den unvermeidlichen Wechselsällen eines so ungeheuren Krieges den Mut sinken zu lassen oder gar zu wähnen, das Ende sei gekommen. Bedenklicher ist, daß der bulgarische Ministerpräsident Malinow unter dem unmittelbaren Eindruck einer schweren Niederlage versucht hat, einen Waffenstillstand zu erlangen und den Beginn von Friedensverhandlungen zu erbitten. Bedeutete dieses Begehren ein Ausscheiden Bulgariens aus dem Vierverband, so wäre dies, abgesehen von der ungeheuren Treulosigkeit, um nicht zu sagen Verräterei, die für diesen Staat selbst von den empfindlichsten und verhängnisvollsten Folgen begleitet sein müßte, ein schwerer Schlag für uns. Aber zunächst möge man bedenken, daß dieser plötzliche Schritt des Ministerpräsidenten, der ohne Zustimmung des Königs, des Parlaments und der obersten Heeresleitung gefaßt worden ist, durchaus kein definitiver genannt werden kann; sodann ist zu erwägen, daß es der Unterredung und tatkräftigen Unterstützung seitens der Deutschen wohl gelingen wird, diese einseitige und übereilte Handlungsweise des Diplomaten aufzuheben und den bewährten Verbündeten in seiner Treue zu erhalten.

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